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Neue Nationalzeitung · 1909-02-12 · Heft 4 (12.2.1909) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 4 (12.2.1909)
Date
1909-02-12
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. „Neue National-Zeitung" Nr. 4. Ussischkin in Konstantinopel. Als Zweck seiner Reise nach Konstantinopel bezeichnete Ussischkin das Bestreben, an Ort und Stelle Daten zu sammeln, welche er der am 27. bis 29. Jänner (alten Styls) in Odessa stattfindenden Jahresversammlung des Palästina-Vereines mitteilen wolle. Als wichtigste Aufgabe der zionistischen Parteileitung bezeichnet er die Schaffung einer jüdischen Presse, welche die Spaniolen für di: allgemein jüdischen Aufgaben interessieren würde. Der Antisemitismus in Südafrika. Es mehren sich in besorgniserregender Weise die Anzeichen, daß auch in Südafrika und zumal in den Transvaal-Kolonien der Judenhaß Boden gewinnt. Ein Jude in Johannesburg hatte kürzlich einen Rechtsstreit mit einem Buren. Letzterer brachte seine Klage vor den Friedensrichter, der gleichfalls ein Bure ist. Nachdem dieser die Ausführungen des Klägers angehört hatte, sagte er in Gegenwart des Juden: „Hätten Sie sich an eine anständige Firma gewendet, anstatt zu einem Juden zu gehen, so hätten Sie sich diese Unannehmlichkeiten erspart". Der solchermaßen gekränkte üdische Kaufmann richtete eine Beschwerde an den Minister für innere Angelegenheiten, der jedoch, wie es scheint, die Angelegenheit zu verschleppen sieht. Aber nicht nur unter den Eingeborenen, sondern auch unter den englischen Kolonisten macht sich ein sozialer Antisemitismus fühlbar. So veröffentlichte ein führendes englisches Blatt erst vor kurzem wieder den Brief eines englischen Kolonisten, in welchem dieser die tendenziöse Aeußerung tat, die Engländer würden bald gezwungen sein, nach England zurückzukehren während die Juden in Massen einwandern, um in dem Lande, das mit dem Blute englischer Söhne erworben wurde, Reichtümer anzuhäufen, mit denen sie dann dem Lande den Rücken kehren. Der „South African Jewish Chronicle" wies demgegenüber darauf hin, daß die Juden nicht nur als Ausbeuter nach Südafrika kommen, daß es unter ihnen vielmehr eine große Anzahl von Pionieren gibt, die mit schweren Opfern und Mühen überaus wichtige Kulturarbeit vollbringen. Insbesondere russische Juden hätten sich als Ackerbauer in den entlegensten und verlassensten Gebieten außerordentlich bewährt, wofür die vielen von ihnen ins Leben gerufenen Farmen das beredteste Zeugnis ablegen. biterafur. Der Sofern. Ghettolegende in 3 Aufzügen von Arthur Holitscher. Verlag S. Fischer, Berlin 1903. Was ist ein Golem? Du schlägst, teurer Leser, Deinen Brockhaus auf, natürlich den grossen, und findest hier eine Definition, nach deren Lektüre Du gerade so klug bist, wie zuvor. Der „Golem" soll eine „unförmige Tonmasse" sein, eine Gestalt, welcher Bibel- und Zaubersprüche das Leben einzuhauchen vermögen, ein Bild des ersten Schöpfungsaktes. Du schliessest Deinen Brockhaus und denkst vielleicht an eine Legende aus der Prager Jndengasse, an den Rabbi Juda, Sohn des Bezalel Low, genannt „Hoher Rabbi Löb", der ein Zeitgenosse Rudolf H. (1609) gewesen und dessen Grabstein Du auf dem alten Friedhofe in Prag gesehen hast. Von dem Rabbi Löb erzählt die Ghettolegende, er habe einen Golem gebildet, dem er an der Stirne den unaussprechlichen Namen Jahweh eingegraben und den er sich dadurch dienstbar gemacht habe. Göthes „Zauberlehrling" scheint in gerader Richtung von diesem Golem abzustammen. Was also ist ein Golem? Wir sehen hier von der etymologischen Erklärung des Bibeiwortes (Psalm 139, Vers 16) ab, wo es höchstwahrscheinlich so viel wie Foetus oder Embryo bedeutet und gehen der talmudischen Deutung nach. Im Talmud also bedeutet Golem einen unfertigen Menschen, einen Menschen ohne Seele, aber auch ein ungebildetes Wesen; vielleicht nennen wir ihn am besten einen Ti er menschen, einen I s c h - B a a r. Die „Ghettolegende" Holi tschers, eines durch seine Erzähungen, Novellen, Romane und Abhandlungen gut bekannten Schriftstellers, macht nun einen solchen Golem, den sich der Rabbi Bennah um im „Ghetto einer Stadt Mitteldeutschlands, in alter Zeit", nach den Angaben der Tragödie,— denn eine solche birgt sich unter dem Namen „Ghettolegende" — geschaffen zum Helden, zum Mittelpunkte einer, man muss es gestehen, höchst originellen Handlung. Originell ist es gewiss, dass sich des Rabbis Töchterchen A b i g a i I in diesen Tiermenschen, der nichts als den Gehorsam gegen seinen Herrn kennt, und dessen Seele das Amulett bildet, dass er an seiner Brust trägt, verliebt und ihn zum Gatten wünscht, anstatt des ihr verlobten Rüben Halbstamm, eines jungen Kaufmanns. Soll man diese Liebe als eine perverse bezeichnen? Fast fühlt man sich dazu versucht. Gebrauchen wir statt dieses anrüchtigen Wortes die Bezeichnung unnatürlich. Oder ist diese Liebe eine natürliche, nur allzunatürliche? Sie kann nicht gut enden. Das Ende muss ein blutiges, ein tieftragisches sein. Der Rabbi Bennahum, der grosse Zauberer, zu dem die Krüppel eilen, um sich von ihm, diesem Wundermanne, von ihren mannigfaltigen Gebresten heilen zu lassen, nimmt vergeblich den Kampf gegen den Todesengel auf. Ihm, wird von A m i n a, (wohl der Treue) dies der Name des Golems, die Leiche der Tochter, die durch einen Sturz aus dem Fenster geendet, herbeigebracht und so schliesst dies Drama furchtbar blutig den Rabbi und uns erschütternd. Schon die alten Griechen erzählen eine ähnliche tragische Geschichte. Ein Bildhauer, Pygmalion, habe sich in das Gebilde seiner Hand, die schöne Galathea verliebt und ein Wiener Operettenkomponist hat diese gar nicht komische Erzählung sogar in Musik gesetzt. Man kann auch an die Olympia in „Hoffmanns Erzählungen" bei dieser Golemlegende denken. Doch indem wir zu unserer Tragödie zurückkehren, können wir behaunten, sie gehört zu den besten der jungjüdischen Literatur, die auf diesem Gebiete manches Vortreffliche geschaffen. Mannigfache Remiszenzen lässt allerdings Holitschers Werk auftauchen. Auch hier der Kampf gegen eine höhere, höchste Macht, wie in Schalom Asch „der Gott der Rache". Prillparzers „Jüdin von Toledo", Gutzkows „Uriel Akosta", aber auch Gerhart Hauptmann sind nicht ohne Einfluss auf unser Drama geblieben. Nichtsdestoweniger müssen wir dem Dichter neben der Originalität der Idee, Stärke, Kraft der Charakterzeichnung nachrühmen. So ist der Ra b b i selbt eine Prachtfigur. Der Zweifel an sich, an seine Macht, dem Uebel entgegenzutreten, den Tod zu besiegen, das alles wird vom Dichter mit grosser poetischer Geschicklichkeit gezeichnet und es wird begabten Schauspielern die grosse Aufgabe gestellt, dieser Figur Leben einzuhauchen Wir sind überzeugt, die Wirkung auf ein grosses Publikum wird nicht ausbleiben. Und es muss nicht allein ein jüdisches sein. Und dann wieder sein Töchterchen Aiigail, eine Figur voll Leban und Sinnlichkeit, die mit:ihrer<. Liebe spielt und dieses Spiel in wahrhaft tragischer Weise endet. Ueberdies möchten wir die Tragödie Holitschers mehr ein Charakterstück nenne , als ein Drama, nach des Wortes eigentlicher Bedeutung, das ist eine Handlung. Ein Kapitel des Ghettoelends wird uns hier dir*estellt, der Aberglaube, und wahrlich es ist dies nicht das Unmöglichste. Man weiss, und die Geschichte eines Sabbathai Zebi und Jonathan Eybeschütz bezeugt es, welche Früchte der Aberglaube im Ghetto, namentlich im 17 Jahrhunderte zeitigte. Und in dieses Jahrhundert, in welchem auch der „hohe Rabbi Löb" lebte und wirkte, in diese Zeit nach dem Ausgange des grossen, männermordenden Krieges, in welcher sich die Dichtungen J. J. Davids, eine? Poeten, der auch unserem Stamme entspross, vielfach bewegten, in diese Zeit, da die Hoffnungen auf eine Rückkehr in die Heimat mächtig erwachten, wie dies Wassermann wunderbar kraftvoll in seinem grossen Romane „Die Juden von Zirndorf" schildert, führt uns Holitschers Trauerspiel. „Der ehrwürdige Mardoch, der Aelteste der Gemeinde", auch eine vorzüglich geschilderte Gestalt des Dramas, sieht in dem Rabbi denjenigen, der dieses Volk wird bei der Hand nehmen und führen zurück an den teuren, heiligen Ort. . . Erwähnen wir noch des jungen Kaufmannes, Rüben Halbstamm, des unglücklichen Verlobten A b i g a i I s, des Gegenstücks des Golems, so glauben wir auf die Hauptgestalten des Dramas hingewiesen zu haben. Ihre bunte Reihe vervollständigt die Goldschmiedswitwe Rahel, deren totes Kind der Rabbi zum Leben nicht zurückzurufen vermag, und ihnen schliesst sich auch die schön gezeichnete Taube an, Rubens Schwester. Fassen wir zusammen : so sehr auch manchen der Grundgedanke des Dramas abstossen wird, haben wir es dennoch hier mit einem nicht gewöhnlichen Werke eines sehr begabten Dichters zu tun, das einen, wenn auch nicht erfreulichen Einblick gewährt, in die Welt, oder Werkstätte des Ghettos. Es wird ohne Zweifel mächtig wirken. Für eine neue Buchausgabe würden wir eine Erklärung der hebräischen Ausdrücke dringend empfehlen. Prof. Dr. M. Grünfeld. biste der Ausgetretenen« Vom 20. bis 31. Jänner 1909. Breuer Alice, geb. 6. August 1872, Ischl, Lehrerin, VIII. Florianigasse 67. Fein Wilhelmine, geb. 14. April 1872, Wien, Private, XVIII. Vinzenzgasse 28.

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