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Neue Nationalzeitung · 1908-12-04 · Heft 48 (4.12.1908) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 48 (4.12.1908)
Date
1908-12-04
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Seite 11. W. JAROSZ: Um «ine Uüdin! (Nach dem Kieinrussischen von S. Hornwitz.) Einem Juden starb eine Tochter. Solch einem, wisst Ihr, simplen Juden7 der in unserer Vorstadt mit Mehl handelt. Er hatte nur zwei — und beide liess er auswärts Schulen besuchen. Und als sie heimkehrten, erzählte die alte Jüdin, dass sie selbst Lehrerinnen werden könnten —■ so gebildet seien sie . . Man kann sagen, dass sie hübsch waren und tatsächlich wohlgestaltet. Ich bedauere am meisten die Verstorbene — obwohl die Leute sagen, es sei eine Sünde, einen Juden zu bedauern. Aber auch sie hatte manchmal mit mir Mitleid. Manchmal pflegte ich im grössten Froste Wagen mit Mehl zu schleppen, dass die Knochen krachten, und dann ging ich in die Küche, um mich zu wärmen. Die Selige . . (Gott verzeih: was für Selige, wars doch eine Jüdin) pflegte mir im Geheimen vor der alten Jüdin Arrak zu bringen. — Trinket, — sagt sie — denn Ihr seid sicherlich durchfroren ... ' Nie im Leben hat sich jemand um mich gekümmert. Was hätte sie das schmerzen sollen, dass ich friere? ...! Einmal sticss mir ein Unfall zu. Ich ziehe mit einer Hand die Mehlsäcke und die zweite, wisst ihr, stützte ich stark auf die Radstange. Dieser Hallunke, der Klempnerssohn von vis-a-vis, macht sich beim Wagen zu schaffen. Ich sage ihm in der Güte: Schau, dass du fortkommst, du Hundesohn, denn wenn ich dich erwische ... Er aber beginnt gar, mich zu beschimpfen: Jüdischer Fuhrknecht — sagt er. Was dieser Hundsfott mich giftet . . . Da griff er nach der Deich.sel und dreht .' ie um. Meine Hand geriet in die Radspeichen . . . und von drei Fingern wurde die Haut bis auf die Knochen geschunden. Ich renne nach der Küche, und sie war gerade drin. Gott möge ihr die Sünden vergeben . . . obwohl sie eine Jüdin ist. Sie bandagiert nun sachte, sorgfältig. ■ — Schmerzt es auch sehr? fragt sie mich, und auf ihrem Gesicht sehe ich einen aufrichtigen Kummer. Sagt, wozu hat sie das gesagt? . . . Hatte sie denn Schmerzen? Niemand in der weiten Welt hat mich je gefragt, ob mir was weh tut . . . Bis sie einmal erkrankte. Ich weiss nicht, was ihr geschehen ist, genug, 'dass sie krank wurde. Es dauerte nur vier Tage — der Jude berief von weit :und breit Aerzte — es half aber nichts. Meine Lieben, IIVI Vlll den Tod kann man selbst mit einem Sack Geld nicht bestechen. Nichts hilft. Ich kehre mit Mehl zurück und höre von der Höckerin, sie sei schon dahin. Ich verspürte ein Stechen knapp beim Herz, wie Nadelstiche. Ich gehe näher, da es ein furchtbarer Lärm. Der Jud' hatte beinahe den Verstand verloren, rauft sich das Haar. Die Mutter war wie ohnmächtig, sie schrie selbst nicht mehr. Ich stehe mit der Peitsche in der Hand — schau das an — imd es tut mir weh. Wisst ihr. es tut mir furchtbar weh! . . . Es sammelten sich viele Leute an — - ich höre, ringsum redet man von ihr, aber niemand bedauert sie. — Sie ist gestorben --- reden sie untereinander — - ein Jud' weniger. ■— Und die Teufel tanzen vor Freude . . . Es ist ja wahr, was man sagt — ein Jud' kommt wohl nicht in den Himmel Und sie hat mich doch wpf ra o"t oL""öl••• — Nikolo bedauert sie nicht! Jeder Jud' ist ein Dieb. — Hat sie auch viel gestohlen: Frau Maciejowa schlug Lärm. Sie beschimpfte vor Leuten meine Familie, aber ich mache mir nichts daraus. Das Weibsbild ist eine Hexe, alle wissen, dass sie drei Männer ins Grab gebracht hat. Gleich am folgenden Tag hiess man das Mädchen beerdigen, weil es an Typhus gestorben war. Der Sarg wurde auf den Wagen gelegt und es ging zum Friedhof. Der alte Vater ging im Gedränge, selbst wie leblos, und die Mutter gingüberhaupt nicht, denn sie war es nicht imstande. Und ich, wisst ihr, mengte mich unter das Trauergefolge -— und ging, obwohl dies, wie die Leute sagen, eine Sünde sei. Aber es sei, mehr werde ich nicht sündigen. Dem Leichenwagen rennen Gassenjungen nach, unter ihnen des Klempners Sohn, und schrieen aus Leibeskräften. — Die Teufel haben einen Juden geholt! . . . Und ich schämte mich so, als hätte mir jemand eine Ohrfeige gegeben. Als wäre ich schuld. Die Leute schauen zu den Fenstern hinaus, treten vor die Haustüren. Der Klempner von gegenüber guckt auch hinaus, schaut auf den Sohn und lacht still in sich hinein, l'nd mich verzehrt eine Schande, ich weiss schon nicht für wen. Als wäre ich allein daran schuld. Vielleicht tue ich nicht recht, denke ich mir, dass ich zum Leichenbegängnis einer Jüdin gehe. Denn sie war es doch. Das ist doch umsonst — das weiss doch jeder.

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