Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 47 (27.11.1908)
- Date
- 1908-11-27
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47. „Neue National-Zeitung" Spite 7 tur zu zeigen, erwarben ihm viel Anerkennung in allen Kreisen der Gemeinde. Daneben wurde er vom KuItusYorsta.nde als Seelsorger für israelirische Sträflinge im Wiener Landesgerichte berufen, ein Amt. das er bis zu seinem 70. Geburtstage bekleidete und welches ihm Gelegenheit gab, auch humanitär zu wirken. Im ,,Beth Hamidrasch" erwarb er sich ein besonderes Verdienst durch seine pädagogische Befähigung. Er richtete Bibel- und Talmudkurse für Studierende ein und trug sehr viel zur Verbreitung der Kenntnisse der jüdischen Liter nur in Wien bei. Als die Israelitisth-tncolu^Lche Lehranstalt im Jahre 1893 begründet wurde, wurde er in den Lehrkörper derselben für den l'nterriclu im Midrasch beruf er. In der wissenschaftlichen Welt gelangte er zu grossem Ansehen du>-ch seine Editionen altrabbinischer Werke, des Sifre, der Mechita, der Pesikta Rabbati, sowie durch zahlreiche Abhandlungen in verschiedeneTi Zeitschriften besonders auch in der von ihm im Vereine mit J. H. Weiss gegründeten Zeitschrift ,,Beth-Talmud" für rabbinisrhe Literatur und anderer Werke, denen er Kommentare oder Einleitungen beifügte. Der Lehrstuhl für Talmud wurde nach J. H. W e i s s nicht wieder besetzt. An der Seite Friedmanns hielten im ..Bcth-Hamidrasch" Vorlesungen die Herren Rabbiner Dr. Gelbhaus (Psalmen^ . Dr. Kam i n k a (Talmud und Maimonides' Religionsphilosophie) und Dr. Rubin (Talmudkurse für Studierende). Das .,Beth-Hamidrasch". eine Anstalt, die in jeder grossen Gemeinde nach aitjüdisrhcr Tradition besteht und im munifizenter Weise erhalten werden muss, scheint überhaupt seit dem Tode Telineks zu stagnieren. Es wäre eine lohnende Aufgabe für die Freunde der hebräischen Wissenschaft und insbesondere der Talmudforschung, jetzt, nachdem die beiden Gelehrten, Weiss und Friedmann, die in früheren Jahrzehnten das Institut zu seinem Ruhme erhoben hatten, demselben entrissen wurden, an eine Reorganisation der Anstalt in zeitgemässem Sinne zu schreiten, um dieselbe zu einer Stätte der Belehrung für möglichst weite Kreise der Wiener jüdischen Gemeinde zu machen. ♦ Das Leichenbegängnis des na T» kaum dreitägiger Krankheit verschiedenen Lektors F r i c d m a n n fand am 25. d. M. vom Hofe der Synagoge in der Tempelgasse aus statt. Zu demselben hatten sich der Kultusvorstand, das Professoren-Kollegium der Israelitisch-theologischen Lehranstalt, sämtliche Wiener Rabbiner und ein zahlreiches Publikum eingefunden. Im Tempelhofe sprachen an der Bahre Herr Rabbiner Dr. S c h m i e d 1 und Rektor Dr. S c h w a r z, in der Leichenhalle des Friedhofes Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n, Rabbiner Dr. Gelb h a u s. Baurat Stiassny (im Namen des Kultusvorstandes* und stud. theol. Torczyner (als Schüler). Am Friedhofe selbst nahmen Prediger Grün und Herr Torczyner (hebräisch) vom Verstorbenen Abschied. * Aus Anlass des Ablebens des Herrn Lektors M. l'mdmann bleibt das ,,Bcth Hamidrasch" (II., Ferdinandstrassc 231 bis nächsten Mittwoch geschlossen. ©<?!• iUr Millionäre. Das Resultat der Kuliuswahlen. Die offizielle Partei hat gesiegt. Die Opposition hat eine schwere Niederlage erlitten. Sie hat es kaum auf 22 Prozent der abgegebenen Stimmen gebracht und sie hat damit gegenüber den vorletzten Wahlen einen bedeutenden Rückfall bewiesen. Bei den vorletzten Wahlen, vor zwei Jahren, hat es die offizielle Partei kaum auf 56 Prozent (2473) der Stimmen, die Opposition dagegen auf 42,7 Perzent (1887) der Stimmen gebracht, überdies kamen je 2 Kandidaten in die Stichwahl. Diesmal aber ist bei einer bedeutend grösseren Wahlbeteiligung die Zahl der offiziellen Stimm-n auf 77,90 Prozent (3961) emporgeschnellt, die Zahl der oppositionellen Stimmen ist dagegen auf 22,10 Prozent (1139) rapid gesunken. Dieses Re-ultat überrascht uns nicht. Die Leser dieses Blattes wissen, dass wir es vor Monaten vorhergesagt haben. Wir haben gewarnt vor einer überwiegend zionistischen Liste, wir haben die Opposition beschworen, die zionistische. Führung zurückzustellen und alle oppositionellen Nuancen gleichmassig in den Vordergrund zu stellen, wir haben gefordert, dass Männer von Namen, Ansehen und geachteter Stellung, und nicht junge Leute, die niemanden repräsentieren und hinter denen niemand steht, zu Kandidaten nominiert werden. Alle diese Warnungen waren vergeblich. Die Herren, die sich an die Spitze der Wiener zionistischen Gruppe gestellt haben, waren für ein Raisonnement unzugänglich; nicht die Sache der Opposition, sondern ihre Personen und die Befriedigung ihrer Eitelkeit war für sie Hauptsache. So wurde dem Herrn Dr. Stern und seinem merkwürdigen Stabe der Kampf erleichtert. Ein grosser Teil der Wähler, der im Innern oppositionell gesinnt war und der aus tiefster Seele eine iVendcrung der Gemeindeverwaltung herbeisehnt, stimmte dennoch für die offizielle Liste, weil diese als das — „kleinen» FebeT' angesehen wurde. Man konnte diese Stimmung allenthalben vernehmen. Nicht an dem oppositionellen Programm hat das Gros der Wähler Anstoss genommen, sondern hauptsächlich an den Personen der oppositionellen Kandidaten. So erklärt sich die bedeutende Majorität der offiziellen Liste. Allerdings hat auch viel dazu das Umherziehen des Präsidiums Dr. Stern und Doktor Gustav K oh n von Haus zu Haus beigetragen. Das Präsidium der Kultusgemeinde hat es für passend gehalten, die Wähler der Innern Stadt zu besuchen, um sie für die offizielle Liste zu bearbeiten. Es kamen auch wirklich sehr seltene und „hohe" Gäste, die das Wahllokal noch nie betreten haben. Es war d e r T a g der Millionär e. Keiner blieb zu Hause. Die Opposition droht ja mit der Erhöhung der Steuern und diese Angst hat sie in die Seitenstettengasse getrieben. Sie kamen alle: Baron Albert Rothschild und Sohn, der Vize- Gouverneur - Stellvertreter \ 011 Lieben samt drei Familienmitgliedern, die Kit ter von G o m p e r z, die Edlen von Pol lack usw. Direktor Kux von der Eskompte-Gesellschaft, der auf dem jüngst vielfach besprochenen Bilde Wittgensteins als Knappe das Spanferkel trägt und dabei - Schofar bläst, hat alle seine jüdischen Beamten zur Wahl kommandiert. Dr. Stern war fleissig und er hat