Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 46 (20.11.1908)
- Date
- 1908-11-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46. wcsen sei. Herr Hirsehel erwiderte, dass er damals bei der Brigade Rheinländer gedient habe. ,,Da müssen Sie ja ungarisch sprechen", meinte der Kaiser und setzte die Konversation in ungarischer Sprache fort. Den Grosshändler Liska aus Dolna - Tuzlja fragte der Kaiser, ob sich die Stadt gut entwickle. Der Angesprochene bejahte, dass seit einiger Zeit die Kohlenbergwerke exploitiert und Ammoniak erzeugt werde. Beim Herrn Weitzucr erkundigte sich der Kaiser nach dem Stand des Brauereiwesens in Bosnien. Als Herr \\'eitzner, der in dieser Branche tätig ist, hierüber ausführlich Bescheid gab, meinte der Monarch: „Es scheint also, dass sich die Bosnier auch schon an das Biertrinken gewöhnt haben". Mehrere Herren, die Jubiläums-Medaillen trugen und stramm ,,Habt Acht" standen, fragte der Kaiser, bei welchen Regimentern sie gedient haben. Zum Herrn C h a c h a m o w i c z, der sein Regiment nannte, sagte der Kaiser: „Also sind Sie ein Lemberger?" Die Audienz währte eine halbe Stunde, worauf die Deputation huldvoll entlassen wurde. Tags darauf begab sich die Deputation zum gemeinsamen Finanzminister Baron Burian. Doktor \V e s z c 1 als Sprecher derselben führte aus, dass die Ucbergehung der Juden seitens des Ministers in den Delegationen in den jüdischen Kreisen sehr beunruhigt hat. weswegen sie den Minister bitten, bei der Verfassung der Wahlordnung auch auf die jüdischen Wähler gebührende Rücksicht zu nehmen, und dabei in Betracht zu ziehen, dass die bosnischen Juden schon vor 32 Jahren zwei jüdische Abgeordnete für das türkische Parlament gewählt haben. Der Minister gab der Deputation die besten Hoffnungen. Die Deputation beim Präsidium der Kultusgemeinde. Ebenso wie die Deputation der Spaniolen ist auch diese Deputation beim Präsidium der Kultusgemeinde erschienen und vom Präses Dr. Stern herzlich begrüsst worden. 1 Der Führer der Abordnung, Präsident der Kultusgemeinde Sarajewo, Dr. Roth köpf, hält an den Präsidenten Dr. Alfred Stern eine Ansprache, worin er hervorhebt, dass die Deputation der österreichisch-ungarischen Gemeinden sich verpflichtet fühlt, den Anlass ihrer Hieherkunft zu einer Begrüssung des Kultusvorstandes der Gemeinde Wien, als der mächtigsten der Monarchie zu benützen und zugleich um Förderung der Bestrebungen der österreichisch-ungarischen Gemeinden zu bitten. , Präsident Dr. Alfred Stern erwiderte u. a.: „Ich danke den Herren sehr, dass sie sich hieher bemüht haben. Ich kann Sie versichern und es würde der Versicherung gar nicht bedürfen, dass der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wiens sowie ich als Präsident derselben, es stets für unsere Pflicht gehalten haben, unsere Glaubensbrüder, wo immer sie sind und wo immer sie lebejy, in ihren Bestrebungen, die uns allen gemeinsam sind, zu unterstützen. Ich habe mich in gleicher Weise den spaniolisehen Juden gegenüber geäussert und ihnen geraten, dass sie sich unter Bezugnahme auf die der Delegation abgegebene Erklärung des Ministers, diesen auf die Ungerechtigkeit aufmerksam machen. Gelegentlich des Empfanges beim Reichsfinanzminister ist dies auch geschehen und die Aufklärung, die ihnen Baron Burian über seine Enunziation gab, war im allgemeiner^günstig. Sie dürfte ja den Herren aus den verschiedenen Tagesblättern bekannt sein. Ich erlaube mir nun die Herren auch auf diesen Punkt aufmerksam zu machen. Es würde sich auch Ihrerseits empfehlen, auf diesen Punkt zu sprechen zu kommen, damit er sieht, dass wir Juden, obwohl nach verschiedenen Richtungen gesondert, in dem Punkte, wo es sich um unsere. Stellung handelt, alle einig sind." Kultus-Präses Dr. Roth köpf erklärte: Auch die österreichisch-ungarischen Gemeinden stehen auf dem Standpunkt, dass, wenn eine Vertretung nach konfessionellen Kurien eingeführt wird, der Minister auch auf die jüdische Konfession Rücksicht nehmen und ihr eine Kurie für das ganze Land zugestehe. Rabbiner Dr. Weszel (Sarajewo* dankt für den freundlichen Empfang der Deputation seitens der Kultusgemeinde der Stadt Wien, der er stets ein dankbares Angedenken bewahrt, da er am hiesigen Rabbinerseminar seine Ausbildung genossen hat. Von der bosnischen Landesregierung beauftragt, einen Lehrplan für den Religionsunterricht an Mittelschulen auszuarbeiten, habe er sich den Wiener Lehrplan zum Muster genommen. Auch in sonstigen religiösen Institutionen sei die Wiener Kultusgemeinde den bosnisch-herzegowinisehen Gemeinden vorbildlich gewesen. Hierauf ergreift der Rabbiner von Banjaluka das Wort. Er führt im Wesentlichen aus, dass durch die erfolgte Angiiederung Bosniens und Herzegowinas an die Monarchie, die Beziehungen der Judenschaft dieser Länder zu der Wiener Kultus - gemeinde sich inniger gestalten werden und dass sich besonders der erzieherische Einfluss Wiens auf die Länder Bosniens und Herzegowina in weit stärkerem Masse werde geltend machen können. In Betreff der Vertretung der Juden im Landtage meint Redner, dass erfahrungsgemäss die jüdischen Interessen, wo die Wahlkörper nach Nationen bestimmt werden, nicht mit dem befriedigenden Stolze und jenem Nachdrucke vertreten werden, der sich von Vertretungen, die aus konfessionellen Kurien hervorgehen, erwarten lässt. Der Redner schliesst mit dem Wunsche, dass der erzieherische Einfluss Wiens iden Gemeinden Bosniens und Herzegowinas zum Wohle gereichen, und die Vertretung der Juden im Landtag die Interessen derselben fördern möge. Präsident Dr. Stern schliesst hierauf die Unterredung mit einem Appell an die Einigkeit und einem dreifachen Hoch auf den Kaiser. Dann hatte die Deputation, noch Gelegenheit, in die an den Kaiser am 2. Dezember zu überreichende Adresse der Kultusgemeinden Einsicht zu nehmen und auch die prachtvoll ausgestattete Kassette zu besichtigen. Statistisches. Wir verdanken dem Deputationsmitglied, Herrn Ch. W c i t z n e r, nachstehende Daten über die Juden in Bosnien und Herzegowina. Die letzte Volkszählung fand im Jahre 1895 statt. Damals verteilten sich die Juden wie folgt: