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Neue Nationalzeitung · 1908-11-20 · Heft 46 (20.11.1908) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 46 (20.11.1908)
Date
1908-11-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NEUE NflCWßL-ZEICüNG fiER«usö5B5«: ors.R.L«ND«u:: X. JAHRGANG. WIEN, 20. NOVEMBER 1908. Unsere Wahlparole. Zu den Kultus wählen in Wien. Jif. Wenn wir nach der Stimmung der Wählerschaft urteilen wollen, so wird der bevorstehende Wahlkampf einen sehr scharfen und erbitterten Charakter tragen. Es wird nicht bloss ein sachlicher Kampf sein, es wird sich nicht bloss um Prinzipien und Programme handeln; der Kampf wird in erster Linie gegen die Person des Präsidenten Dr. Stern selbst gerichtet sein. Sein Mandat kommt allerdings nicht in Frage; er wurde vor zwei Jahren mit knapper Majorität gewählt. Allein Herr Dr. Stern hat sich nach Ansicht seiner Gegner im Gegensätze zu allen seinen Vorgängern so weit im Wahlkampfc persönlich engagiert, dass ein Sieg (der Opposition gleichzeitig seine Niederlage bedeutet: den Sturz seines persönlichen Regimes und das Fiasko der starrsinnigen Negierung aller gerechten Wünsche der Bevölkerung. Was in den letzten Jahren an Vergewaltigung der Gemeindemitglieder in Bezug auf ihr Wahlrecht, an Verhöhnung der polnisch-jüdischen Gemeindemitglieder, an Herabsetzung des Ansehens des Kultus Vorstandes durch Versehwägerung seiner Mitglieder mit christlichen Familien, an Verletzung der religiösen Gefühle durch Unterdrückung und Sperrung von Privatbcthauscrn imd schliesslich durch Verhinderung einer jeden zeitgerechten Reform des Steuer- und Wahlsystems geschehen ist, das ist auf die rein persönliche Initiative des Präsidenten zurückzuführen. In negativer Beziehung war also seine Initiative allerdings sehr stark; in positiver Beziehung Hess sie sehr viel zu wün-.chen übrig. Line solche Armut an Ideen und einen solchen Mangel an geistigem Schwung wie in der Aera S t e r n hat die Kultusgemeinde Wien kaum je aufzuweisen vermocht. Schablonenhaftigkeit und kleinlicher Krämergeist, die am Alten nicht rütteln lassen, denen jede- Verständnis für die Repräsentationspflichten und die Verwaltung einer grossen Gemeinde fehlen, sind die charakteristischen Merkmale des jetzigen Regimes. Die Wählerschaft, die am 22. zur Wahlurne schreitet, wird si» h darüber klar werden müssen, ob die Aera Stern wert ist, weiter konserviert zu werden, oder ob es nicht in der Zeit wäre, die Verwaltung der Gemeinde anderen Männern anzuvertrauen, denen zwar das zweifelhafte Verdienst des hohen Alters fehlt, die aber die Wiener Kultusgemeinde in den Mittelpunkt neuer Aufgaben stellen wollen. Zu diesen Aufgaben gehört in erster Linie, dass sich die Kultusgemeinde endlich über ihren politischen Charakter klar werde. Die Kultusgemeinde ist die einzige von Staats wegen anerkannte jüdische Organisation. Ihr muss daher die Aufgabe zufallen, die jüdischen Interessen nach jeder Richtung zu vertreten. Die israelitischen" Mitglieder der verschiedenen Repräsentationskörper drücken sich um ihr Judentum herum und gerieren sich mit Vorliebe als Verteidiger der ganzen Menschheit, als ob es wirklich der ganzen Menschheit oder irgend einer Klasse auf ihre Verteidigung ankäme.

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