Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 45 (13.11.1908)
- Date
- 1908-11-13
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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„Neue National-Zeitung" oder Tephellin zu verstecken, so dass diesen oft beim Suchen nach diesen unentbehrlichen Bestandteilen für das Gebet, der helle Schweiss von der Stirne rann. Sein beliebtestes Objekt aber, an dem er seinen Witz und Spott ausliess, war der schon genannte Awrom, ein Ignorant schwersten Kalibers. Dieser ahnte es, dass es notwendig sei, bei gewissen Ge beten an den „furchtbaren Tagen" zu weinen, oder wenigstens sich so zu stellen, als weinte man. Nur wusste er nicht, bei welchen die ,.sichtliche Rührung", wie man heute so schön gesagt, angebracht sei. Er weinte also bei jenen Stellen im Gebete, die uns getreulich berichten, wie viele Karren, Ziegen oder Schafe einst im Tempel zu Jerusalem geopfert wurden, bei den Korbonaus, Darauf hatte unser Spötter nur gewartet. Und nun fragte er seinen Nachbar Awrom: „Was weinst du, Awrom, hast du denn die Accise (Fleischverzehrungssteuer) gepachtet?" Allgemeine Heiterkeit verbreitete sich bei dieser ..Gassenjungenfrage" im Kreise der ,,andächtigen Zuaörer". Aber auch über den würdigen Reb Sanwel machte sich unser Spötter lustig. Dieser Typus war der Philosoph der Gemeinde. Er stand auf dem hohen Standpunkte des Liberalismus, schon in jener Zeit vor einem halben Jahrhunderte. Reb Sanwel kritisierte die Vorträge des Rebbe, die ihm nicht genug „hochdeutsch" zu sein schienen, er verurteilte die Sangweise des Vorbeters als eine zu „näselnde", er war mit der Menge von Gebeten nicht zufrieden, die, nach seiner Ansicht, nicht am Platze seien „für unsere Zeit", so zum Exempel das „Jekum-Purkan"; denn, fragte er, wozu beten wir für die Schulen in Babylon? Diesem Philosophen war gar nichts recht, er wollte Neuerungen einführen, als gewaltiger „Reformer" gelten und blickte auf die rückständige Kultur der Schül' mit philosophischer Verachtung herab. Reb Sanwel war die richtige Person für den Spötter Reb Eisik, an den dieser ähnliche Fragen richtete, wie der biblische Korah, nach dem Midrasch, an Moses. So befragte er ihm einst, was er — Reb Sanwel — von dem Umschlagen der „Kapporah", dem „Hahnopfer" am Vorabende des Versöhnungstages, wie unsere „Gelehrten" sagen, halte. Reb Sanwel, der Philosoph, war nicht in Verlegenheit zu bringen. Er setzte seine gelehrteste Miene auf, legte seinen Mund in spöttische Falten und sprach die geflügelten Worte: „Gar nichts." Reb Eisik erstarrte scheinbar ob solcher gottloser Rede. Der Philosoph aber fuhr fort: „Ein heidnischer Brauch, das Herumschlagen des Hahnes. Auch für Sokrates wurde dies Totenopfer dargebracht." Nun wusste allerdings Eisik nicht, wer dieser Sokrates war. Und so fragte er mit naiv-verschmitzter Miene: „War euer Sokrates ein Jüd?" Er ahnte nicht, dass ein gewisser Nietzsche in späterer Zukunft den heidnischen Philosophen für einen nach Athen durchgegangenen Juden aus Jerusalem erklären werde. Reb Sanwel lächelte überlegen und sprach: „Vielleicht wirst du mich auch fragen, ob er Peies getragen hat ... Das erregte allerdings Eisiks Wissbegierde nicht, aber hartnäckig forschte er weiter: „Reb Sanwel, wenn ich mit Zimt gewürzten Glühwein trinke, muss ich zwei Beroches sagen, über Wein und die Ge - würze?" Aber der Philosoph war nicht aus der Fassung zu bringen und erwiderte: „Meinetwegen kannst du drei Beroches sagen, nämlich auch über das W^asser, mit dem der Wein gemengt ist." Da hatte Eisik seinen Herrn und Meister gefunden, schlich sich davon und Hess lieber seinen Spott über Awrom aus, denn der Philosoph stand ihm zu „hoch". Wir haben auch schon von den Kritiken gesprochen, die über die Synagogenbräuche abgehalten wurden. Neben dem weltverbessernden Schül'- Typus, dem Spötter und dem überlegenen Philosophen, darf auch der unbarmherzige, ätzende Kritikus nicht fehlen, der wohl die charakteristischeste Persönlichkeit des Ghettos immer war und ist. Als solcher Kritikus tat sich Jekew hervor, ein wohlhabender Lederhändler, der aber „sein Blatt Ge - moroh gut lernte". Leder und Talmud vertrugen sich im alten Ghetto wohl. Und so erlaubte sich Reb Jekew in seinen Mussestunden, wenn ihm der Handel mit gegerbten Häuten Zeit liess, sein scharfes Urteil zu fällen über die Grössen der Kilian und dieses Urteil war ein vernichtendes. Der Rosch-hakohol verwaltete ihm das Vermögen und die Steuern der Gemeinde nicht gut, der Rebbe lernte zu wenig, der Chasen sang zu viel und zu schlecht, der Lehrer spielte zu viel Karten und der allmächtige Schames hatte eine zu rote Nase, natürlich nicht infolge seines asketischen Lebens und seiner Enthaltung von allem Alkohol. So musste der Herr Vorsteher manches, nicht gerade ehrenvolle Wort hören, über seine Administration; „darschente" der Rebbe, überliess sich Jekew einem demonstrativen Schläfchen, trillerte der Chasen, lächelte der Kritikus ziemlich hörbar, den Lehrer fragte er, ob die „DardeP'-Partie ihn nicht im Unterrichte störe und den Schames, ob seine Nase ihre Röte Wein oder Schnaps zu danken habe. Dieser Schames war selbst ein Typus. Ueber sein Verhältnis -zum Rosch-Hakohol machte der Philosoph folgen de Bemerkung: „Fr gehöre zu jenen Dienern, von denen der selige „Koheleth" sagt: man habe schon oft Diener gesehen, die reiten, während die Herren zu Fuss gehen." Diese Aeusserung begleitete er mit einem selbstgefälligen Lächeln. Die allmächtigen Diener der Gemeinden sind eine Spezialität unserer Kehilloth geblieben. Die alten Originale des Ghettos und der Schül' sind ein Opfer der ihre Kinder verzehrenden Zeit geworden, aber die auf den Pferden reitenden, allmächtigen Majores domus unserer Gemeinden, die allgewaltigen Schamosim, wir sehen sie weiter ihr Unwesen treiben. Und da möchten wir behaupten: Die Originale der alten Zeit waren uns lieber, als die Domestiken, die Meschubodim, welche als die „Königsmacher" in den Gemeinden bezeichnet werden können. Und doch, sehen wir näher zu, so besitzen wir noch heute die Weltverbesserer, die Spötter, die Kritiker, die Philosophen und die Reformer. Nur, dass sie nicht wissen, was sie wollen. Sie haben auch von ihrer Originalität viel eingebüsst. Mein Männchen Reb Salman würde sie alle als Amrazim bezeichnen. Auch wären wir begierig zu hören, wie er sich über unsere schönrednerischen Rebbes — pardon Predi - ger — und über unsere Kantoren und Ober-Kantoren — pardon Gesangskünstler - äussern würde. Doch, da wir glauben, dass sein Urteil ein nicht gerade beifälliges wäre, lassen wir ihn und seine Kollegen, die anderen geschilderten Schül' - Typen, ruhen. Das Ghetto ist verschwunden, wir haben keine Schul' mehr und mit diesen Ueberbleibseln einer alten, entschwundenen Zeit gingen auch unter unsere Typen.