Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1908-11-13 · Heft 45 (13.11.1908) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 45 (13.11.1908)
Date
1908-11-13
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2425679-2425722-2425767--1127-2427462
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr 45 ,Neue National-Zeitung" Seite 11 Dr MOSES AHRONSOHN: ($yp<in aus dei* Ji>chül\ Das Ghetto war eine Welt für sich. In seinen eng umschliessenden Mauern konnten sich auch Charaktere mit hervorstechenden Eigenschaften entwickeln: das Ghetto war die Welt der Originale. Enger, als anderswo, lebten die Menschen hier zusammen, stärker, als anderswo, stiessen menschliche Eitelkeit. Grossmannssucht, Selbst\ erhimmelung, Neid und Missgunst, oder wie sie sonst heissen mögen, die Eigenschaften, die uns in der menschlichen Tragikomödie so häufig ergötzen, in diesem schmalen Räume aufeinander. Und in der Welt des Ghettos entwickelte sich eine andere, die der Schill'. In dieser erst konnten sich der Ehrgeiz, die Herrschsucht, die Ujibotmässigkeit, der gewisse republikanische Geist, der nur befehlen und nicht gehorchen will, austoben. So erinnern wir uns denn gewisser Ereignisse, in denen die Typen der Schür eine ganz bedeutsame Rolle spielen, und diese Erinnerung — wo sie erloschen ist, hilft die Ueberlieferung nach, — lockt immer ein gewisses, wehmütigfreudiges Lächeln auf unsere Lippen. Bei aller Sorge, wie sie das tägliche, bedrängte Leben schuf, bei allem Kummer, der unseren überall zurückgesetzten Vorfahren widerfuhr, bemerken wir bei ihnen <las Bestreben, sich auf ihrem uieigenen Gebiete, wegen Kleinlichkeiten oft, zu streiten, zu hadern und das bischen Leben sich sauer zu machen. Ich will von einigen dieser Typen manches Lustige und Betrübsame erzählen, denn ihnen allen wohnt eine Eigenschaft inne, die auch in unseren Tagen hochgeschätzt wird, — der alles versöhnende Humor. Lebte da in meiner Gemeinde, vor einem halben Jahrhunderte etwa, ein kleines, schmächtiges Männchen, mit spitzem Bart und stechendem Auge, nennen wir ihn. Reb Salman. Fr lebte, aber wovon er lebte, kann ich kaum berichten. Und doch hatte das Männchen für sein Weib und eine — natürlich ~- sehr zahlreiche Familie zu sorgen. Er ernährte sich also von „Zukommenis", d. h. in unser Deutsch übertragen, von allem, was ihm im Wege des Handels zufloss, vom Handel mit Häuten und Pflaumenmus („Powidl" genannt), vom Ein- und Verkauf von Hadern (Lumpen), alten Eisen, Knoppern, übertragenen Hosen, ältlichen Schuhen und anderen für die leidende Menschheit nützlichen Waren. Dieses Männchen hatte in seiner Jugend auch etwas „gelernt", Talmud und Raschi, und spielte sich auf den Gelehrten aus. Reb Sa]man wusste oft nicht, ob er seinen Kindern am folgenden Tage mehr denn trockenes Brot werde reichen können, aber in der SchiU', da wollte er den Herrn zeigen und erklärte den Rebbe und Chasen für „Amrazim". Dieser Gattung Menschen machte mein Männchen mit seiner fadenscheinigen Luach-Gelehrsamkeit das Leben bitter. Es war an einem Sabbathe, an dem der Neumond verkündet wurde. Der Chasen hatte mit dem lieblichen WTohllaute, der seiner Stimme innewohnte, ausgerufen : „Rosch-chodesch .... jih jeh bajom haschlischi ubajom horewu, habo olenu" usw. („Der Neumond wird am 3. und 4. Tage eintreten, der da komme." < Mein Männchen begann nervös zu werden. „So ein Am-horez" rief er, nicht sehr passend für die Andacht, aus. Die Umgebung witterte Unheil. Reb Salman kann das Ende der Gebetszeit nicht erwarten. Vor der SchiU' staut sich die Menge der Schmähungslüsternen, er aber fährt auf den Chasen los: „Wie kann man nur so ein Amhorez sein? Warum habt Ihr das ,ule mochrosonv ausgelassen? Und dann haben wir doch zwei Tage Rosch-chodesch. Warum habt Ihr nicht haboim gesagt?" Der Chasen ist perplex. Da kommt ihm der Rebbe zu Hilfe. „Seid ruhig, Reb Salman." spricht im väterlich, Frieden stiftenden Tone der Lehrer der Gemeinde, „man kann auch h a b o sagen, denn das Wort bezieht sich auf Rosch-chodesch." Das Männchen aber lässt sich nicht versöhnen. Es will den Standpunkt der Rechthaberei und des Allesbesser-wissen-wollens nicht verlassen. Seine Autorität hält Reb Salman für unverletzlich, seinen Schiedsspruch in Fragen der SchiU' und dv-s Ritus für inapellabel. So murrt er denn für sich hin: „Sind beide Amrazim, der Rebbe samt dem Chasen, nur weiss man nicht, wer der Grössere ist." Und er nimmt für sich weiter das Recht in Anspruch, abzuurteilen, in rituellen und liturgischen Fragen : wann man den oder jenen Psalm sagt, an den Festen und „furchtbaren Tagen", dies oder ein anderes Gebet rezitiert, was koscher oder terepha ist. Wir begreifen es, wenn der Spötter der Killah, Reb Eisik, im „Rändel", das vor der Schül', gleichsam als Volksgericht, sich zusammenzufinden pflegte, ausrief: „Reb Sahnen hätte, anstatt mit Powidl, Knoppern, Häuten, altem Eisen und anderen wohltätigen Dingen zu handeln, ein anderes Geschäft erwählen sollen. Warum ist er nicht selbst Rebbe geworden?" Und so gelangen wir zu einem anderen S( biU'-Typus, zum Spötter Reb Eisik. Der bc-- fleissigte sich der nicht ganz ungewöhnlichen Sitte oder L'nsitte, die man im Ghetto nur allzuhäufig vorfand, alles zu bespötteln, alles mit der Schale, und einer nicht leeren, des Hohnes zu beschütten. Am Tischah-be-Ab liebte er es. den frommen Mann, der gerade mit besonderer Andacht die Kinnah von den 10 Märtyrern las, bei den beweglichsten Stellen mit einem Bunde von „Stacherlech" zu bewerfen, welche dem frommen Rezitator die Haare des langen, ehrwürdigen Bartes in bedenkliche Verwirrung brachten, zum Gaudium der mehr oder weniger erwachsenen Gassenbuben. Am Jom-Kippur erheiterte er seine Umgebung — er erfreute sich immer einer Umgebung — mit allerlei Ulk, wenn die löbliche Korona vor vielen rezitierten Selichoth nicht mehr wusste, welche gesagt wurden. Wenn neben ihm der fromme Am-Haarez, Awrom, während des grossen Sündenbekenntnisses besonders laut schrie und sich mit hörbarem Klopfen an die Brust schlug, rief er ihm zu: „Awrom, schrei' nicht, mit Schreien richtest du da nichts aus." Und war der grosse Fasttag — Gottlob — vorüber, ging er mit dem resignierten Ausrufe nach Hause: „Es bleibt alles beim alten." Er liebte es. den andächtigen Betern Tallis

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.