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Neue Nationalzeitung · 1908-10-02 · Heft 39 (2.10.1908) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 39 (2.10.1908)
Date
1908-10-02
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Seite 11. BRUNO LESSINÖ: ©ei* drossle JÜchtmitzian. (Aus dem Englischen übersetzt von Ida P o 11 a k.) Cohen, der Schneider, der dicke Alte, der seine Waren auf einem offenen Karren am Hcster-Markt feilhielt, gab zu Ehren seines Enkelsohnes Davy, welcher eben sein .dreizehntes Jahr vollendet hatte, eine Barmilzwah-GeseJlschaft. Viele Gäste waren anwesend; ich unier ihnen. Cohen, der an der Spitze der Tafel sass, gab dabei eine Geschichte von einem nichtswürdigen Menschen zum besten. Dieser Mensch ihm vollkommen fremd, lnuc an Cohens Karren ein Paar Hosen gekauft. Während Cohei^sie einwickelte, hatte der Fremde ihm geschickt seine goldene l'hr entwendet. Dann gab fr Cohen eine Zwanzigdollar- Note. denn er wusste, da ss Cohen ein Stück weil gehen musste, um ,sie wechseln zu lassen. In seiner Abwesenheit verschwand der Fremde mit dem Karren. Zufälligerweise war der Zwanzigdollar-Schcin gefälscht. ,.Ah. so eine Gemeinheit! Er iss der gemeinste Mensch in Xcw-York. Er iss der gemeinste Mensch in de Vereinigten Staaten von Amerika!" Klein-'Davy hatte mit aufgestützte,! Ellbogen und tiefem, kindlichem Interesse der Geschichte gelauscht. „Iss er der gemeinste Mensch, in de ganzen Welt. Grosspn'?" fragte er. Cohen paffte einen Moment an seiner Pfeife und dachte nach. /Dann nickte er. „Ja. der gemeinste Mensch in.de ganzen Welt!" ,,Iss er der gemeinste Mensch,, wos überhaupt jemals in de AVeit gelebt hat?" fragte Davy mit jenem Eifer, den (Kinder immer an den Tag legen, um den wirklichen Status einer Angelegenheit festzustellen. Cohen schaute eitlem seiner Gäste ins Gesicht, doch der heftete ,die Augen prompt an die Decke. Dann blickte er ,auf einen anderen, weh her sich jedoch für ein Krümelchen, das vor ihm lag, zu interessieren begann. Dann starrte er einen dritten an; der aber schloss die Augen und schien in Gedanken vertieft. Und so ging es langsam weiter, bis sein Blick über ein Dutzend Gesichter seincr alten Bekannten geglitten war, die alle plötzlich eine gewisse Abneigung gegen den in Rede stehenden Gegenstand zu zeigen schienen. Dann wendete er sich an seinen Enkelsohn und sagte mit einem schwachen Lächeln: „Nein, Davy, einmal hat einer gelebt, der war noch gemeiner. Aber für dich iss jetzt Zeit zum Schlafengehen." Auf diese Weise erfahr ich die Geschichte. Niemand im Ghetto hatte eine blasse Idee, wie reich der alte Rosenheim war. Er besass Vermögen, und er hatte ein Bankkonto, und die kleine Druckerei, die er mit der alleinigen Hilfe des jungen Brandes führte, war, nach allgemeiner Ansicht, ziemlich lukrativ. Aber von dem wirklichen Umfange seiner Besitztümer wusste niemaid .Genaues. Rosenheim, ein gescheiter, alter lBursche, ein, liebenswürdiger Gesellschafter und gleichzeitig das geizigste menschliche Wesen, das jemals ,einen Dollar im Ghetto erwarb, war in jedem .Kaffeehaus, von Houston Street bis East Broadway, ein überaus interessanter Klatschgegenstand. Und wenn auch, in seiner Gegenwart manch' Wink fiel, in der Hoffnung, ihm ein paar freiwillige Auskünfte zu entlocken, so lag doch, trotz seiner knickerischen Gewohnheiten, eine gewisse Würde in dem Manne, die alles inquisitorische Fragen verhinderte. In den < ihettod\ai'ie<-hausern hat die grosse amerikanische Institution des „treating" (Freihaltensj mir wenig Fuss gefassi. Jeder zahlt in der Regel für sich und kümmert sich, nicht darum, was sein Nachbar tut. Nacht für Nacht konnte kosenheim mit Gruppen vo i Bekannten, die da assen. tranken oder karten spaTen,! i. i -,,; mmensit ze; i, plauderte ebenso heiter als alle übrigen, aber wenn es irgend iunlieb war, gab er niemals einen Cent aus. Er lebte in einem kahlen Zimmer und kochte sich sein Frühstück selber. Kr kaufte --ein Mittagesse,1 beim nächsten Obststand, der die billigsten Früchte hatte. Das Abendessen jedoch ah! das war der Riss kostete immer Geld. ..Geld," sagte er gewöhnlich zu Brandes, seinem Arbeiter, „Geld ist das Ding, das am schwersten in der Welt zu bekommen ist Ks kostet Arbeit, Verstand und Opfer, es zu erlangen. Doch warum werfen es die Narren, die so glücklich waren, ein bisschen davon zu bekommen, achtlos wieder weg? Sag' mir das, Brandes!" ..Sie sind eben geizig! Das ist alles, was mit Ihnen los ist!" war Brandes unwandelbare Antwort. Rosen heims durchdringende, blaue Augen blinzelten immer nach dieser freimütigen Entgegnung. An einem Schabbes, im Sommer, sass Rosenheim müssig vor seinem Druckereiladen: er dachte nach und dachte nach und kicherte in sich hinein stundenlang. Fline billige Art, den Tag zu verbringen. Dann brach er auf einmal in ein lautes Gelächter aus, dass die Vorübergchendenjhn anstarrten, ob er denn \ errückt geworden sei. Als die Sonne untergegangen war, ging er in das Haus Cohens, seines Advokaten. Cohen," sagte er. „für wie viel wollen Sie mir ein Testament schreiben?" „Fünfzehn Dollars", war die prompte Antwort des Advokaten. Rosenheim schüttelte den Kopf. „Ich brauch' nur ein kleines Testamen!. Kl!) Fünfdollar-Testament ist gut genug für mich. Nicht einen Cent mehr will ich bezahlen." Der Advokat kannte Rosenheim und wusste, dass er das Testament entweder um fünf Dollar aufsetzen würde oder überhaupt nicht. Er setzte es auf. „Das Haus in Rivington Street und meine Druckerei," sagte Rosenheim, „hinterlasse ich Herrn X., mein ganzes übriges Vermögen Herrn V. Das ist alles, was Sie in das Testament aufzunehmen haben. Schreiben Sie es nur so, dass es dem Gesetze entspricht. Dann will ich es kopieren und die Namen einsetzen." Der Advokat, den die Geheimnistuerei des Mannes bezüglich seiner beabsichtigten Legatare ärgerte.

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