Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 35 (4.9.1908)
- Date
- 1908-09-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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TWT NftCiONftL-ZEiCUNG JUDiäCRPOUCiSCRS WOCRENSCRRIFC rekisüsq2B2k: ors.R.LNNONu:: X. JAHRGANG. WIEN, 4. SEPTEMBER 1908. Nf. 35. %w ^fss\XriFtscliaft in de? ^/OUmv Kulhis^emeindc. (Ein Christ als jüdischer Kultns-Beamter.) Herr Dr. Alfred Stern, Präsident der Wicncr Kultusgemeinde, wird nervös. Und nachdem er im Dienste des „Liberalismus", in der schlechtesten Bedeutung dieses Wortes, buchstäblich seiine Zähne aufgegessen hat, geht er nun bei den Christlich-Sozialen in die Schule. Man mag" darüber staunen. Aber die Erfolge der Christlich-Sozialen scheinen Herrn Dr. Stern zu imponieren. Es ist ihnen ja gelungen, durch die merkwürdigsten Praktiken und Chikanen ihr Re - girne zu festigen. Warum soll nicht auch er es versuchen, seinen morsch gewordenen Präsidentenstuhl in ähnlicher Weise zu pelzen? Seitdem Herr Dr. Stern bei den letzten Kultuswahlen einer Zufallsmajorität von 50 Stimmen sein Mandat und damit auch seine Präsidentschaft verdankt, ist es ihm unbehaglich geworden. Er fühlt sich unsicher. Die kommenden Wahlen bereiten ihm tausend Aengsten. Am Ende kann die 50 Stimmen-Majorität doch versagen! . . . Und so sinnt Herr Dr. Alfred Stern seit zwei Jahren darüber nach, wie man die Opposition umbringen könnte. Dafür gäbe es ja tausend Mittel. Er brauchte nur die latente Unzufriedenheit in der Gemeinde zu beseitigen. Die Massenaustritte in der jüdischen Bevölkerung, die Taufen der Kinder der Kultus Vorsteher, das Protektionswesen im Beamtenkörper, die Zurücksetzung zahlreicher Beth aus -Vereine, der unjüdische Geist in der Gemeinde 'haben einen ungeheuerlichen Zündstoff angehäuft, der jeden Augenblick alle so vornehm und herablassend tuenden Herren hinwegfegen könnte. Herr Dr. Stern wird diese Verhältnisse nicht mehr sanieren. Er versteht die heutige Zeit nicht mehr; er gehört ja mit zu jener Koterie, die aus dem Wiener Judentum durch eine Reihe von Jahren systematisch jeden Schwung und jede Begeisterung^ jede Opferwilligkeit und jedes Solidaritätsgefühl ausgemerzt hat. In diesem Milieu fühlt er sich am wohlsten. Daher soll es konserviert werden. Ein neuer frischer Luftzug könnte das morsche Gebäude in der Seitcnstettengassc leicht aus den Fugen heben und in alle Winde zerstreuen. Mit Händen und Füssen wehrt sich nun Herr Dr. Stern gegen jede Erweiterung des Wahlrechtes, der langjährige Wortführer des Liberalismus" ist der grimmigste Feind des Fünf-Gulden-Zensus, weil ihm das Herz beim Gedanken zerbricht, dass die Kultusgemeinde dem kleinen Juden 10 Kronen jährlich an Steuern wegnehmen könnte .... Er nimmt demselben Manne daher lieber 20 Kronen weg. Und sein Wahlrecht? . . m Das wird ihm durch verschiedene Mittelchen wegeskarniotiert. Wie wäre es denn möglich, dass bei so vielen Tausenden kleiner Steuerzahler der Kultusvorstand zumeist aus Börseanern, Bierbrauern, Hofräten, Bauräten. Universitäts-Professoren und Advokaten bestehe. Die Kultuswahlen stehen vor Dr. Stern hat den Kopf verloren. Dinge, die gegen jede Anstand Verstössen. Die der Tür. Herr Er untemirnmt Tradition und gegen jeden bleiche Angst um den Präsidentenstuhl und um das Schicksal seiner Koterie lassen ihn Massnahmen ergreifen, die .als „galizische Wahlen" bisher nur im Bereiche des Wiener Magistrats das Bürgerrecht erlangt haben. Schon vor vier Jahren ist es vorgekommen, dass der Vorsitzende einer Wahlkommission trotz des geheimen Wahlrechtes Stimmzettel bei deren Abgabe geöffnet hat, dass der Präsident Klinger gemeinsam mit Herrn von Taussig — ganz nach dem Vorbilde Luegers — den Wählern die Visitkarte ins Haus schickte; dem Herrn Dr. Stern blieb es aber vor-