Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1908)
- Date
- 1908-07-10
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 28. ,Neue Natiorial-Zeiriiii^-'* Seite 11. Feuilleton. .ANTON TSCHECHOW Rothschilds (geige. (Schluss). Da kam Rothschild lächelnd und mit Buck fingen auf Jacob zu. „Ich habe euch gesucht, Onkel", sagte er. „Moses Ilitsch lässt euch grüssen und ersucht euch, gleich zu ihm hinüber zu kommen.'' Jacob fühlte Neigung zu schreien „Packe dich!" brüllte er und setzte seinen Weg fort. ,,Ihr meint das nicht im Emst", riet Rothschild, beunruhigt hinter ihm herlaufend. „Moses Ilitsch wird sich beleidigen, er braucht euch dringend " Die Art wie der Jude keuchte und blinzelte, und die Unzahl semer roten Sommersprossen erreg ten Jacobs Widerwillen. Er fühlte auch gegen seinen grünen Ueberrock mit den schwarzen Flecken und seine ganze, zerbrechliche , schwache Gestalt Abscheu. , .Warum läufst du hinter mir her, Knoblauch?" schrie er. ..Bleib' mir vom Leibe!" Der Jude wurde auch ärgerlich und rief „Wenn es euch nicht beliebt, höflicher zu sein, werde ich euch über den Zaun fliegen lassen." „Au* meinen AugenS" brüllte Jacob, mit ge ballten Fäusten auf ihn losstürzend. ,,Aus meinen Augen oder jeh schlage cir die Seele aus deinem verfluchten Körper. Ich will nichts zu tun haben mit Juden." Rothschild war starr vor Schreck; ei duckte sich nieder und bewegte die Arme abwehrend über semem Haupte hin und her, dann sprang <-r auf und rannte davon, so rasch ihn. seine Beine tragen. Während des Laufens hopste er und f achtelte mit den Händen; und man konnte deutlich das Zucken' seines langen, fleischlosen Rückgrates sehen. Die Strassen jungen waren von dem Vorfall entzückt und liefen mit dem Rufe: ,Jud! Jud!" hinter ihm her. Die Hunde verfolgten ihn mit lautem Bellen. Jemand lachte, ein anderer pfiff und die Hunde bellten lauter Und lauter. Dana — ein Hunid musste Rothschild gebissen haben — gellte ein kurzer verzweifelter Schrei. Jacob durchschritt den Gemcmdeoit und ging dann durch die Vorstadt. Und die Strassen jungen, riefen: ,,Bronza! Bror.za!" Mit Uutem Kreischen flogen Schnepfen um -hn hr-nun und die Enten schnatterten. Jacob ging den Pfad am. Flusse entlang und beobachtete eine starke, rotwangige Dame, die aus der Badeanstalt kam. Unw>-it der Bade anstalt sass eme Gruppe vor Jungen, welche Krebse fingen, und als sie seiner ansichtig wurden schrieen sie boshaft: ,,Bronza! Bronza!'" Und :?i diesem Augenblick erhob sich vor ihm eme dicke, alte Weide mit einem riesigen Loch im Stamm und einem Rabennest darauf. Und plötzlich erwachte in Jacobs Gedächtnis die Erinnerung an das Kind mit dem gelben Haar, von dem Marfa gesprochen hatte. Ja, es war dieselbe Weide — grün, schweigend, traurig Wie -alt sie geworden war. das arme Ding! Er begann sich zu v. andern, dass er während der letzten vierzig oder fünfzig Jahre seines Lebens niemals dem Flusse nahe gewesen war, oder wenn auch, daser niemals darauf geachtet hatte. Und doch war es ein respektabler Fluss und keineswegs zu verachten. Es wäre möglich gewesen, darin zu fischen, und die Pasche h^tte man an Handelsleute. Beamte und den Verwalter des Bahnhof-Büffets verkaufen und das Geld in der Bank anlegen können; er hätte es dazu verwenden können, von Landhaus zu Landhaus zu rudern und auf der Geige zu spielen, und jedermann hatte ihm Geld bezahlt. Er hätte sich nU Bootsmann versuchen können - das wäre besser gewesen als Särgemachen; er hätte Gänse halten, sie schlachten und des Winters nach Moskau senden können — aus den Federn allein hätte er nicht weniger als zehn Rubel im Jahr erzielt. Aber er hatte sein Leben vergähnt und nichts getan. Was für Verluste! Oh, was für Verluste! Und wenn er alles miteinander getan hätte -— Fische gefangen, auf der Geige gespielt. Gänse gehalten Und Bootsmann gewesen wäre - welch' eine Summe würde er angehäuft hal-vn! Warum hatte er sein ganzes Leben lang geschrieen, gebrüllt, die Fäuste geballt und sein Weib bedroht? Aus welch' erdenklichem Grunde hatte er den Juden erschreckt, und misshandelt? Warum, fürwahr hindern die Menschen einander, m Freuden zu leben? All' das sind auch Verluste! Schreckliche Verluste! Wem: es keinen Hass und kenn Bosheit gäbe, würden die Menschen, einer ein ee derenunberechenbaren N utzen ziehen. Der Abend k.uu mm die Nacht. In Jacob- Gehirn führten die Weide, die Fische, die toten, Ganse, Marfa mit ihrem Profil wie ein Vogel, der im Begriffe ist, zu trinken, das blasse, erbärmliche Gesicht Rothschilds, einen bunten Reigen auf, und ein Heer von Köpfen drängte sich aus der Dunkelheit hervor und murmelte von Verlusten. Er warf sich von einer Seite auf die andere und erhob sich fünf Mal -Jwährend der N acht -.on seinem. Bette und spielte auf der Geige. Am Morgen Manu •, mit Anstrengung auf und ging ins Hospital. Derselbe Maxim Nicolaitsch befahl ihm, einen kalten -Ur.-rhlag auf den Kopf zu legen, und gab ihm Pulver: und an seinem Gesichtsa.usdruck und an beinern Ton merkte Jacob, dass es eine böse Geschichte sei. und dass kein Pulver es besser machen würde. Aber am Heimweg bedachte er, dass wenigstender Tod einen Gewinn biete. Es würde nicht nvhr nötig sein, zu essen, tyu trinken, Steuern zu zahlen oder andere zu verletzen; und da ein Mensch nicht em Jahr in seinem \Grabe liegt, sondern Hunderte und Tausende von Jahren, so war der Gewinn Ungeheuer. Das Leben des Menschen war, kurz gesagt, ein Verlust und nur sein Tod ein Gewinn. Doch diese Einsicht, obwohl vollkommen richtig, war herb und bitter; denn warum ist diese Welt so eingerichtet, dass das Leben, welches dem Menschen nur einmal gegeben wird, ohne Gewinn verstreicht? Er bedauerte nicht, sterben zu müssen, aber als er heimkam und seine Geige sah, wurde seinl