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Neue Nationalzeitung · 1908-07-03 · Heft 27 (3.7.1908) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 27 (3.7.1908)
Date
1908-07-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NGOS ftCiONftL-ZEiCUNS X. tiRHHGRHG. RERflUSöBBE«: OfS.R.LäNDlSy:: W1EJM, 3. JUliI 1908. tf*. 27. J^os ^otn Deutschtum! Es war ein feierlicher Moment, als das Parlament am letzten Freitag an die Abstimmung über die Resolution Sehmid geschritten ist. Der Vcvhandlungssaal dicht besetzt, die Galerien zum Erdrücken voll — eine ba-.ige Erwartung erfüllte alle Gemüter. Zwar hiess es bereits in der Journalistenlöge, dass die Chancen der Antisemiten gefallen sind, dass sie viele Absagen in den letzten Tagen trotz fieberhafter Agitation erhalten haben, allein das Resultat der Abstimmung war dennoch unsicher. Es war unheimlich still, als der Schriftführer den Resolutionsantrag zur Vorlesung brachte. Eilaut et : „Die Regierung wird aufgefordert, Erhebungen darüber zu pflegen, wie das Zahlenverhältnis der jüdischen zu den christlichen Mittelschülern einigermassen in Einklang zu bringen sei mit den wirklichen Bevölkerungsziffern. Leber den Erfolg dieser Erhebungen wäre dem Haüse Bericht zu erstatten." Der antisemitische Abgeordnete Prochazka beantragt namentliche Abstimmung. Der Antrag wird genügend unterstützt. Nun beginnt die Ab - Stimmung. Viele Abgeordnete entfernen sich; sie schleichen sich weg. Blieben sie hier, so müssten sie gegen den Antrag stimmen. Aber sie trauen -sich nicht. Die christlichsoziale Partei ist zu mächtig; sie kann Minister stürzen, sie kann auch Minister machen. Darum laufen sie alle von dannen, die es sich mit den Christlichsozialen nicht verderben wollen: Fürst Auersberg, Graf Kolowrat, Graf Bellegarde, Baron Hormuzaki u. a., „liberale", „fortschrittliche" Münner, die sonst im politischen und gesellschaftlichen Leben mit ihrem Freisinn Staat machen. Auch die Polenbänke sind zum Teil leer. Stojalowski und sein Anhang, die Bauern von der polnischen Volkspartei wollen sich für die Juden nicht „kompromittieren". Der Klub der Russen hat sich absentiert; wahrscheinlich, um nicht durch sein „Nein" gegen das russische Prozentsystem protestieren zu müssen. Die Abstimmung geht weiter. Die antisemitischen Herren sind sehr nervös und notieren fleissig die einzelnen Stimmen. Sie erleben herbe Enttäuschungen. Dr. i> a x a, der blutige Verfolger Hilsners, und der radikale K 1 of a c sind gegen die Resolution, Dr. C 1t i a r i, der Obmann des deutschnationalen Verbandes ist ausgeblieben, die Italiener stimmen wie ein Mann für die Juden. Als Trost bleiben ihnen die Süd>la\'en und Slovenen. Die slavischen Vertreter von Krain, Kärnten und den Küstenländern, wo Juden nicht einmal mit einem Prozent am Mittelschulstudium beteiligt sind, fühlen sich durch das „Leberwuchern" des jüdischen Elementes bedrückt. Der Landeshauptmann von Krain. Suklje, der flofr^t am Verwaltungsgerichtshofe Dr. Plo j u. a. gehen Arm in Arm mit den deutschen Antisemiten gegen die Juden. Der Klerikal ismus hat sie zusammengeführt. Die Abstimmung ist zu Ende. Prochazka stürzt von den Bänken der Schriftführer herbei und ruft seinen Gesinnungsgenossen zu: „Wir sind hint mit über 40 Stimmen." Aleo die Schlacht ist verloren. Das Parlament hat mit 205 gegen 162 .Stimmen die Resolution abgelehnt. Die Antisemiten trösten sich. 162 Stimmen! Ist das nicht genug? „Nächstens werden es mehr" — rufen einige aus ihrer Mitte. * Die Antisemiten haben Recht. Sie haben die Schlacht verloren, aber ihre Gegner haben doch nur einen Pyrrhussieg davongetragen. 162 Abgeordnete, somit ein Drittel des Parlamentes, haben bei mündlicher Abstimmung ihr Votum dahin abgegeben, dass jüdische Kinder nur nach dem Prozentsatze der jüdischen Bevölkerung in die Mittelschule^ aufzunehmen seien. 162 Abgeordnete sind dafür, dass die Juden in Oesterreich unter Ausnahms-Gesetze zu stellen, dass ihnen die aus öffentlichen Mitteln erhaltenen Schulen nicht in gleicher Weise, wie den Angehöri-

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