Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1908)
- Date
- 1908-06-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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nbib WCIDttöL-ZEIDUNG JUDäCRPOUCiSCRS WOCRSNSCRRIFC RERAUSGgBgR: ors.R.LANDisu:: X. JfiH^OANG. WIEN, 26. JUNI 1908. ©te schärfere ^onal8^,• N*. 26. Nach den larmoyanten, ,,staatsrnännischen" Reden, die wir von jüdischer Seite gehört haben, bot die Rede des Abgeordneten Dr. St rauch er eine angenehme Abwechslung. Sie war offenherzig, {schonungslos, volkstümlich. Siewar offensiv und doch nicht provokatorisch; sie vcrteilie ihre Hiebe gleichmassig nach allen Seiten, speziell an die ,,liberalen" Deutschen und an die Adresse der Regierung. Es ist an dieser Stelle schon viel über die Frage diskutiert worden, ob die Politik des ,,Jüdischen Klubs" eine aggressive, schneidige, rücksichtslose, oder ob sie vornehm, staatsmännisch, eine Politik der Glace-Handschuhe sein soll. Wir haben stets den ersteren Standpunkt vertreten. Die Rede Doktor Strauchers hat uns Recht gegeben. Sie hat die tiefste Wirkung erzielt von allen Reden der jüdischen Abgeordneten; : ie hat auch den mächtigsten .Widerhall gefunden. Das / ahlreiche Auditorium und die heftige Opposition sind ein Beweis, dass sie eindrucksvoll war. Denn sie enthielt weder allgemeine Versammlungsphrasen, noch akademische Plattheiten; sie verschmähte jede Süssholzraspeiei von jüdischer Renaissance und christlicher Nächstenliebe. Die Mittel dieser Rede waren ganz einfach. Sie wurden aus dem wirklichen Leben genommen, aus dem alltäglichen heben unseres Volkes, in dessen Mitte Redner lebt und arbeitet. Die Leiden, Zurücksetzungen, Demütigungen, die unser Volk auf Schritt und Tritt zw erdulden hat; die Verworfenheit unserer Gegner; die Heuchelei und Doppelzüngigkeit unserer angeblichen Freunde; die Ohnmacht einer Regierung, die in den antisemitischen Netzen gefangen ist, das hat Dr. Straucher mit scharfen .Worten tiefempfundener Empörung geschildert. Nichts mehr. Es war kein Kabinettsstück oratori.schen Feuerwerks, aber es war die Rede eines unerschrockenen Juden, der nichts anderes sein und nichts mehr werden will, als der Vertreter seines Volkes. Darum wird man diese kede im tk mselben Eindruck lesen, als wenn man sie gehört hätte. Und man wird sich freuen, dass neben den Waschlappen, neben den Angstmeiern und Duckmäusern, die unter dem Mantel der „Vornehmheit'' nur ihre Feigheit verbergen, sich auch ein mutiger Mann findet, der als Wortführer des jüdischen Volkes in- Feuer geht und kämpft gegen eine Ucocrmacht. Die Anhänger der schärferen Tonart brauchen wohl kein besscics Argument anzuführen, als den Erfolg dieser Rede. Allein auch dem Dr. Straucher müssen wir zurufen, wie seinen KlubgeTrosseii: Selbst die schönsten. Reden imtzen nur wenig. Man erzielt momentan eine Wirkung und dann bleibt es beim Allen. Dr. Strauche r möge nicht glauben, dass er jetzt auf seineu Lorbeeren ausruhen kann und dass er mit dieser Rede' seine Pflicht als Ohmann des Indischen Klubs schon ganz erfüllt hat. Fr trägt dafür die Verantwortung", dass diese-" Klub gar kein bestimmtes Programm hat, dass er sich seiner Zi de nicht bewusst ist und dass er nicht zu jenem Leuchtturm auf der stürmischen See des politischen Lebens geworden ist, als welchen ihn die jüdische Bevölkerung zu sehen wünschte. Es rast die See, und wie ein Donner das herannahende Gewitter, so kündigt uns die Resolution Schleid das Walten jener dunklen Mächte an, die uns das geistige Lieh1: und das Fundament unserer Rechtsstellung entreissen wollen. Die Juden in Oesterreich, gehen traurigen Zeiten entgegen. Es ist die höchste Zeit nicht bloss zu sprechen, sondern auch zu handeln. Der Jüdische Klub muss in die Dunkelheit hinausleuchtcn, oder er wird im Sturme selbst untergehen. L