Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1908)
- Date
- 1908-06-12
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24. frage anwendet, gehört die Gründung von provinziellen Agrarkomruissionen. Diese Agrarkonimissiotien sollen im Auftrage der Regierung grössere Grundstücke ankaufen und sie na< Ii entsprechender Parzellierung unter die Bauern verteilen. Die Agrarkommission geht nun in denjenigen Plätzen, in denen, jüdische Kolonien verhanden sind, in einer Weise vor, die geeignet ist, früher oder später die j ü d i s e h e n K o 1 o n i s t c n zu ruinieren. Als diese jüdischen Kolonien in den Gouvernements C h e r s o n und J e k a t e r 1 n <> s 1 a xv begründet wurden, hat die Regierung einem jüdischen Kolonisten einen bestimmten Bodenteil zur Bearbeitung zugewiesen. Die Regierung hat damals aber vorausgesehen, dass bei der normalen Bevölkerungs Vermehrung es dazu kommen würde, dass der einer bestimmten Kolonie zugeteilte. Boden nicht mehr ausreicht. Für diesen Fall hat die Regierung von vornherein eine grössere Podenfläc he in Bereitschaft gehalten, die heute ^6,5 Desjatinen beträgt. Nach einer offiziellen Verordnung von 1847. die in späteren Verordnungen bestätigt wurde, ist ausdrücklich bestimmt, dass dieser Boden nur für die jüdische Bevölkerung verwendet weiden darf, in dem Falle, dass der sonst verfügbare Boden 7iicht mehr für alle jüdischen Kolonisten ausreicht. Im Jahre 1900 hat sich tatsächlich bei den Juden ein grosser Mangel an Boden herausgestellt. Die Regierung hat sich damals veranlasst gesehen. 20.000 Desjatinen entsprechend den früheren Verordnungen zuzuweisen. Der übrige Boden wurde von den Kolonisten gepachtet, da dieser Boden nicht unter das Gesetz vom 2. Mai 1SS2 fällt, nach welchem Juden keinen Boden pachten dürfen. Die Pachtbedingungen waren sehr günstig, so dass es den Juden gelungen ist. sich als Kidaibeiter und Bewirtschafte!- eine erträgliche Existenz zu begründen. Die jetzt von der Regierung eingesetzten Agrarkoniinissionen haben ungeachtet aller erwähnten Verordnungen den ganzen Erdfonds, den die Regierung ausdrücklich für die Juden bestimmt hat, eingezogen. Den fuden soll der Boden nicht verpachtet werden. Die jüdischen Kolonisten haben nun die l' n ge s e t z 1 i c hkeit dieser neuesten Anordnung nachgewiesen und haben schliesslich bewirkt, dass sie den Boden noch für ein Jahr in Pacht behalten dürfen. Im folgenden Jahre soll der ganze Boden laut definitivem Bescbluss der Agrarkommission an nichtjüdische I.andbauern verkauft werden. Sogar der Preis des Bodens ist von der Agrarkommission bekanntgegeben worden. Wie die Dinge jetzt liegen, werden wohl die Juden des ihnen zugeteilten Bodens für immer verlustig gehen. So müssen die fuden zahlen für die Unfähigkeit der Regierung, die Agrarfrage zu einer befriedigenden Lösung zu bringen. Die Schulfrage in Russisch-Polen. Warschau. Tm Mittelpunkt der jüdischen Interessen steht in diesem Augenblick die unglückselige Schulfrage. Das alte Schuljahr geht zu Faule, und schon beginnen an sämtlichen Knabengymnasien Aufnahmsprüfungen für das neue Jahr. Nun gilt an den Gymnasien die bekannte 10 Prozent-Xorm für Juden, d. h. auf 100 Christen dürfen höchstens 10 Juden angenommen werden: da aber die Zahl der christlichen Schüler einer Klasse selten die Zahl 40 überschreitet, s > steh -n den Juden nur 4, günstigenfalls 5 Plätze zur Verfügung. Bei der zahlreichen jüdischen Bevölkerung Warschaus ist die Zahl der Kandidaten, auf diese 4 Plätze eine vielfach grossere, und an jedem Gymnasium melden sich nicht selten So bis 100 Kandidaten, die dann einem Ausscheidungsexamen unterworfen werden, was übrigens bei den christlichen Schülern nicht der Fall ist. Natürlich überschreitet aber die Zahl der glänzend bestandenen. Prüfungen immer noch vielfach die obligate Vierzahl, und nun werden seitens der Eltern der Schüler alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die heissersehnte Aufnahme des Sohnes herbeizuführen. Protektion, Geld oder nicht selten beides zusammen sind hier von entscheidender Wirkung. Die Kitern überbieten sich gegenseitig, und sehr oft steigt die B e s t e c h u 11 g s s u m tu e :an Feiner oder sonstige Schulbeamte!!) bis auf 1000 Rubel! Für den Westeuropäer sind solche Dinge kaum fassbar, aber man kann sich ungefähr vorstellen. Wie depravierend und demoralisierend diese Vorgänge auf die Seelen der Kinder wirken. I nisomehr als man natürlich kein Geheimnis daraus zu machen imstande ist — und nicht selten niederholt sich der Fall jenes kleinen Judenknaben, der, nachdem er nach einer glänzend bestandenen Prüfung abgewiesen wurde, in tiefster Verzweiflung seinem Vater zurief: ,,Papa, Papa, warum hast Du kein Geld?" . . . Auch von der Achtung, die die Sehüler'später vor solchen bestochenen Lehrern und Direktoren haben, kann man sich einen Begriff machen. Aus dieser anormalen Lage verstehen Geschäftsleute ihren Nutzen zu ziehen, und so entstanden in der letzten Zeit in Warschau zwei „Prix atgymnasien mit Rechten" (d. h mit dem Recht zur Verleihung der Prüfungszeugnisse) xx-o die Zahl der Juden an keine Norm gebunden ist. Nun ist aber in diesen der Preis so hochgeschraubt, (150 bis 180 Rubel pro Jahr), dass auch diese Schulen nur für die Bemittelten in Betracht kommen. End die polnischen S< hulen? Ja, es gibt nämlich ]w_>lnische Nationalschulen mit Gymnasialprogramm — das einzige bisherige Resultat der polnischen Autonomiebewegung - aber dort ist die Zahl der jüdischen Schüler zwar prinzipiell eine unbeschränkte, doch faktisch eine .ganz minimale. Die „echt-polnischen" Schüler haben nämlich Mittel und Wege gefunden, ihren jüdischen Kameraden jede Lust zum Zusammensein mit ihnen radikal zu \■erderben. Palästina» Eine jüdische Technik in Palästina. Jerusalem, Anfan-.s Juni. f< >rig.-Korr.) Der Vizepräsident des ,,I lilfsx ereincs der deutschen Juden", Dr. Paul Nathan, weilt jetzt wieder in Palästina. Ueber den Zweck dieser zweiten Reise erfahre ich, dass es sich hauptsächlich um die Feststellung (des Ortes handle, an welchem die x om Berliner ,,Hilfsvercin" geplante technische» Hochschule errichtet werden soll. Ks wurden zwei Plätze in Vorschlag gebracht. Die eine Partei und zu dieser gehören auch Dr. Nathan und Achad Haani ---sind dafür, dass diese neue Hochschule in Haifa errichtet w erde. Andere wieder hoben sich für J e r u s a - 1 e in ausgesprochen. Kür Haifa sprachen die folgenden Gründe: Haifa hat infolge seiner günstigen Page am Meere und seiner Eisenbahnverbindung mit Damaskus eine grosse Zukunft. Der Handel wächst dort von Tag zu Tag und auch eine Industrie ist im Erstehen. Da man eben daran geht, in Haifa einen Handelshafen auszubauen und der Ausdehnung der Stadt dadurch Hindernisse erstehen, so erscheint es wichtig, dort bei Zeiten ein jüdisches Zentrum zu schaffen, wozu die Errichtung einer jüdischen technischen Hochschule viel beitragen könnte. Die andere Partei hingegen plaidiert für Jerusalem, als den Sitz der jüdischen Technik, damit das in Jerusalem bereits bestehende jüdische Zentrum hierdurch einen höheren kulturellen Gehalt bekomme. Die Anhänger dieses Projektes sind der Ansicht, dass das Ansehen der Juden in Jerusalem und die Rolle, die sie im Leben des Landes spielen, durch die Errichtung der technischen Hochschule in ihrer Mitte wesentlich gehoben werden könnten. Ausserdem befürchten die Jcrusalemer Kreise, dass in einer Anstalt in Haifa sich zu sehr der deutsche Einfluss geltend machen würde, während in Jerusalem die Hochschule j ü d i s c h - n a t i o n a 1 e n Charakter mit hebräischer Gnterrichtssp räche erhalten würde. Die Jcrusalemer Juden haben Dr. Nathan bei seiner Ankunft ein mit zahlreichen Unterschriften versehenes Memorandum überreicht, in welchem alle Gründe angeführt werden, 'welche für die Errichtmg der technischen Hochschule in Jerusalem sprechen. Für die Entscheidung der Platzfrage ist schliesslich auch die Haltung der Behörde massgebend. Während diese in Haifa jeder neuen jüdischen Kuiturschöpfung die grössten Schwierigkeiten bereitet und der Vali von Beyrut, in dessen Wirkungskreis auch Haifa gehört, selbst die Errichtung von jüdischen Kindergärten nicht zulässt, wird allgemein angenommen, dass der Errichtung der geplanten jüdischen Technik in Jerusalem seitens der Behörde keine Hindernisse in den Weg gelegt werden dürften. Aus diesem Einstände schöpfen die Jcrusalemer Juden die Hoffnung, dass das jüdische Technikum doch in Jerusalem wird eröffnet werden.