Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1908)
- Date
- 1908-05-29
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 22. ,Netie National-Zeitung"" Feuilleton. Seite 11. Sf lf. RABINOWICZ: ßifri^e ^erteidi^ei*. (Deutsch von St. G o 1 d e n r i n ga Ihr meint, dass die füllen überall unbeliebt sind, dass sie gejagt, geschlagen und geprügelt werden. Und ich behaupte gerade das Gegenteil: die Juden finden überall Verteidiger. ... Tm es Kuch zu beweisen, werde ich Kuch eine Geschichte von zwei Brüdern erzählen, und wir wollen hören, wie Ihr nach her darüber denkt. Ks waren zwei Brüder, der eine hiess . . . ., was liegt übrigens daran, wie er hiess. Nehmt an, der eine hiess Meier und der andere Schneier. Zugetragen hat es sich irgendwo in der Smudz, oder in Polen, in Wolhynien oder in Litauen, in der Zeit, als soeben die Revolution mit ihren Schrecken ausgebrochen war. Man redete von einem „Pogrom", einem ganz gewöhnlichen Judenpogrom, der in nächster Zeit stattfinden sollte. Obgleich unsere beiden Brüder ausser ihrer Person nichts zu verlieren hatten, de7m sie besessen kein eigenes Maus, kein Geschäft und kein Vermögen, nicht einmal Weib 'und Kinder, fürchteten sie dennoch, ihr heben aufs Spiel zu setzen. Kin.es schönen Morgens machten sie sich auf den Weg und gingen vor sich hin. wohin die Augen sie führten. In grösster Kile waren sie aufgebrochen. Warum eilten sie so? . . . Weil von einem Pogrom gemunkelt wurde, musste m in sich gleich auf die Beine machen? . . . Man würde darauf er widern: wahrscheinlich begann es im Städtchen bereits unruhig zu werden, sogar die Kosaken ritten in den, 'Gassen mit den ,,Nagajki" umher. . . . Was haben die Kosaken in ein<vn stillen, jüdischen Städtchen, zweitausend Meilen von der Mandschurei entfernt, zu tun? Aber nehmen wir an, dass wirklich ein Pogrom ausgebrochen war. . . , l'nserc beiden Brüder Meier.und Schneier schnellten dahin, wie ein Pfeil. In der Kile vergassen sie augenscheinlich, ein zweites Hemd, einen zweiten Anzug, ein Reisekissen, einen Proviantkoffer und vi ischiedenc andere Sachen auf den Weg mitzunehmen, die man auf der Reise brauchte, unter anderem auch Brot. Ich erwähne gar nicht erst andere Speisen, wie Wurst, geräucherte Zunge, eine Büchse Sardellen, ich rede nur von einem einfachen Stückchen Brot. nser tägliches Brot", das kein Menschenkind entbehren kann, selbst wenn es bis ans Knde der Welt rennt. Wenn der Augenblick gekommen ist, da der Magen zu essen verlangt - - mögt Ihr ein grosser Gelehrter oder ein Philosoph sein ihr werdet nicht eher zur Ruhe gelangen, bis Ihr, mit Verlaub zu sagen. Knie Härme vollgestopft habt. So hat der Herr den Menschen beschaffen, -- dagegen lässt sich nichts einwenden. Was meint Ihr? . . . D: es nicht so? Wo waren wir aber stehen geblieben? Bei den Brüdern. Meier und Schneier wanderten also seit dem frühen Morgen unermüdlich, atemlos; nur von Zeil zu Zeit blieben sie stehen, schnappten nach Luft, dann gingen sie wieder weiter, rasteten manchmal einen kurzen Augenblick und stürzten mit rasender Kile wieder davon, als würden sie von Räubern verfolgt, oder als fürchteten sie, zu spät zum Jahrmarkt zu kommen. So ging es den ganzen Tag; erst gegen Abend begannen sie, langsamer zu wandern und blieben endlich stehen. Als sie ruhig standen, sagte der ältere zum jüngeren : „Wcissl Du, was ich Dir sagen wollte, Schneier?" „Was denn, Meier?" „Was? Ich fühle weniger Müdigkeit, als Her/ weh. ich möchte etwas essen." „Mir geht es ebenso." Nachdem die beiden Brüder diese Worte gewechselt hatten, erblickten sie etwas in der Lerne. Was meint Ihr, haben sie wohl gemerkt? Ktwa eine Quelle mit kaltem Wasser, so rein wie Kristall? < »der einen duftenden, soeben aus dem Backofen gezogenen Striezel? (»der warme, in Buttel' gebratene Lische? Oder v ielleicht u-ar Suppenfleisch nüt roten Rüben und Kartoffeln, angerichtet mit geriebenem Knobloch, dessen Geruch in die Nase steigt? Von alledem fängt sich gar nichts an. Sie -eben mitten auf dem Feld zwei Kosaken auf der Lide sitzen, richtige Kosaken mit langen Piken und kurzen Peitschen, den „Nagajkis", und roten Streifen an den Beinkleidern. Sie s issenam Boden halb ausgestreckt, auf die Klienbogcn gestützt, die Mütze aufs Ohr gerückt, das glänzende Haar nach einer Seite herabhängend. In einem Uhr steckte ein silberner Uhrring, ihre Gesichter waren rot, von der Sonne dunkelgebranut, die Zähne wcLs wie Milch. Im Munde hielten sie Pfeifen. Ihre Pferde standen neben ihncn mit herabgelassenen Köpfen und zupften Gras; ein kleiner eiserner Kessel mit drei Beinen hing über dem Feuer. .Ks kochte etwas darin. . . . Was mochte es wohl sein? Fisch, Lleis'h. Wurst, Grüi, Ltwa Schlechtes war es sicher nicht, das merkte man am Geruch. War es aber rituell? . „Weisst Du, was ich Dir sagen werde, Sehneier?" „Was denn, Meier?" „Was? . . . Wir haben nichts zu riskieren. Lieber wollen wir uns ihnen nähern, als dass sie auf uns zukommen." ..Das denke ich auch." Nach diesen Worten näherten sji h die beiden Brüder den Kosaken. Hätten sie es nicht freiwillig getan, so hätten sie es gezw ungenermas-en tun müssen. Denn sobald die Kosaken die Juden bemerkt hatten, waren sie nicht faul, setzten sich auf, winkten ihnen und riefen in russisch-jüdischem Dialekt: ,,Li! Lzchok! Ghaim! Kommt her!" { nd es entspann sich zwischen den Kosaken und den Brüdern ein Gespräch, das selbst ein Mensch mit achtzehn Köpfen nicht wiederzugeben vermöchte. Man siehe sich vor, den Kosaken machte es Spass, nur jüdisch zu sprechen, obgleich ae gerade so gut jüdisch sprachen, wie die beiden Brüder russisch. Die Brüder kannten nur das eine Wort: ,,skudawo?" (woher), und fürchteten dieses Wort mehr, als alles andere. Wie zum Trotz war dieses W ort das erste, das sie von den Kosaken hörten. Sie mussten sich natürlich hüten, den Kosaken zu erzählen, dass sie vor einem Pogrom flohen, denn dadurch würden sie in Todesgefahr geraten. Was weiss ein Kosak von