Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1908)
- Date
- 1908-05-15
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20. _ „Neue National-Zeitung" Seite 11. Beitschpiftcn^Rundschau. Der Antisemitismus in der Schweiz. Das „Israelitische Wochenblatt" in Zürich bringt in einer .seiner letzten Nummern an leitender Stolle einen Allarm-Artikel ■ über die unangeneluTten Verhältnisse der Juden u< der Schweiz. Also auch dort, im Lande der Freiheit, in dei LEunat Wdheln: Teils, wird es immer ungemütlicher! Alleidmgs hat uns das Schächtverbot gezeigt, dass die Schweizer nur die. Freiheit kennen, die > i e meinen. Der Artikel hebst. „Zur Abwehr!" Es sind rei ht merkwürdige Dinge die wir hier zu lesen bekommen. „Man kann langt1 beb tupfen, die Juden in der Schwei.: sind freie, gleichgestellte Burger, wenn die. Piaxis nicht so> oft das Gegenteil klar beweisen würde. Im ^gemeinen macht man hier jüdischerseit., keine so grossen ArJ*ptüehe. Unsere Stammesgenossen -:n<i -linear bescheidene. \Ytige Leute, die zufrieden sind, wenn sie ihrem Berufe ruhig nachgehen können und ihre Daseinsbedingungen nicht alba erschw ert. werden. Die schweizerischen Jud e, sind selten Bewerber um staatliche und em'lussrciche Stellung-,n und drangen sich auch im politischen Leben nicht in den Vordergrund. Also, sie geben durch ihre Lebensführung nicht Gelegenheit und Stolf für die Welt, sich mit ihnen zu beschäftigen" Hat aber die schweizerische Presse mit den Juden je einmal zu tun dann verfährt sie mit ihnen meistens in einer so un nob 1 e n Art und Weise dass man oft -nicht weiss, geschieht das aus Unwissenheit oder aus Vorbedacht. Die Redaktionen scheinen alle antisemitische Blätter aus 'dem Auslande zu!e>,n und daraus ihr UrCeit über Juden und Judentum zu schöpfen. Ks ist auch gar nicht Wunsch und Wille der Tre,\st\ sirh eines Besseren belehren zu fa-ssen, sie hat einmal eme vorgefasste Meinung, von der sie selten abgeht.'" Im Gegensatz zu diesem Verhalten nehmen die Schweizer aber sehr gerne den Juden ihr - Geld ah. Darin unterscheiden sie sich auch von anderen Antisemiten nicht. „Man muss s,ch wundern, wie es überhaupt möglich ist. dass in der Schweiz Judenhass, der parallel läuft mit Fremden hass, aufkommen kann Verdankt doch das Land soviel der F r e m d e n i n d u s t r : e! Und sind nicht mindestens 50 Prozent aller Fremden, die zum Vergnügen in die schweizerischen Kurorte reisen, Juden' Bringen sie nicht alljährlich Hunderttausende von Franken ms Land? Welchen Sch*4»" j" ihm zu? Wem tim. >i„ u.-us /-u leiuer Und die im Lande Ansässigen! Sind nicht alkbestrebt, ihre Bürgerpflicht '0H und ganz zu erfüllen; Sind sie nicht eifrig in der Ausführung ihrer Berufsaufgaben? Und doch möchte man sie nicht m Ruhe und Zufriedenheit leben lassen." * * * Die Mai-Numirev der Monatsschritt „Ost und West" i.,t zum grössten Teil dem Andenken des jüngst verstorbenen Philantropen Charles Hallgarten gewidmet. Daran schliefen se il u. a. ein kunstkritischer Autsatz <• >n Adolf Donath über Siegfried Wagner, den jüdischen Bildhauer in Kopenhagen, eine Erzählung von Binj imin Segel „Der .Seder in der Fremde" usw. Besondere Aufmerksamkeit vei dienen die Illustrationen des Lehrer-Kollegiums sowie dei Zöglinge an der Alliance-Schulc m Seneh, einer armen Ortschaft in Per sie n. * * * In der letzten ■Nummer von „Westermann's Monatsheften" schreibt der bekannte Historiker Oscar B 1 e in Dialogform das Geleitwort zu einigen reproduzierten Radierungen (Max Lieb e rmann's; die Bemerkungen, die an das Bild „Die Judengasse in Amsterdam" geknüpft werden, seien hier wiedergegeben „I c h : Die Tudenstadt von Amsterdam hat ihre besonderen Pijobleme. Erinnern Sie -ich unseres Gespräche*, als wir in der portugiesischen Synagoge plötzlich eine Anzahl Ii-ettler auf uns zustürzen sahen, die ie aus Bildern Rembrandt's erwacht schienen? Wie verblüfft von einer Geistererscheinung gingen wir die Judenbreitgasse nach Hause." Sie Wunderbar, es -ist das erste Mal, dass e h ein lebendes Modell altniederländischer Bilder gesehen habe, m diesen jüdischen Bettlern Rembrandt's. Warum sehe :ch nicht mehr die Modelle von Jan Steen und Ostade?" Ich: „Die Bauernmaler haben karikiert, und die Juden sind eine stärkere Rasse, sie haben sich besser gehalten." - Sie: ..Glauben Sie, dass dies der eirund ist, dass sich Rembrandt m ihnen hingezogen gefühlt hat?" — Ich: „Gewiss glaube ich das. Rembrandt liebte die Malerei, d. h. Orte, in denen viel Schatten ist, weil er sie zur Entwicklung seines göttlichen Lichts brauchte, und Menschen,;ui denen viel Rasse ist, weil er sie zur Drapierung seiner geliebten Kostüme brauchte. Diese Leute trugen sich schattiger und malerischer, ohne Schöngeisterei und Affektiertheit, aus ihrem Wesen heraus,' Hier in das Hau, Nr. 3 ist er gezogen, um in dieser Welt zu leben und zu schatten." Sie: „Ich kann das Problem nicht erlassen, dass das wesentlich Deutsche und das wesentlich Jüdische sich treffen sollte' Ich. „Eben dieses theoretisch Unfassbare ist der Antrieb des Lebens Der Niederdeutsche ist moralisch interessiert und liebt den [uden al£ Modell. Der Jude ist intellektuell interessiert und liebt das Niederdeutsche als zweite Henn.u Emst interessierte sich Rembrandt für das Ghetto, jetzt interessiert sich der jude für das Rembrandt sehe: er vertragt och mir dem Hollander als Maler und Mensen. Das ist einer dei interessantesten geschichtlichen Prozesse." S; e; „Ich \ erstell Sie meinen, weil Rembrandt sct,lK-ss!icli m dieser fuden-asse gewohnt hat, sind Israels und Liebermann seine Nachfolger geworden?" — Ich: ..Das wäre nur zu roh. Rembrandt fühlte dieselbe innere Verwandtschaft zum maischen Milieu, wie die luden zum Holländischen. Es gibt keinen ZuKdl D.ass er liier gewohnt hat ist Schicksal. Dass die Juden bessere Holländer als Engländer; geworden sind, ist Schicksal. Die [uden sind hier nicht die Reichen, sondern Volk Es gihi hier jüdische Handwerker die Menge, indisch- Dienstin inner. 1 iDricdiener. jüdische Bettler Und indem sie ein Teil des Volkes sind, durch 'jahrhundertealte Gastfreundschaft und iH.lms> he <• re.lie,! und Haiidclsgemeinsamketc, bilden sie meder cm etlmologiscli. s Milieu für den Maler, wir er es sonst g«ir mehr findet. Diese beiden Rassen waren) aufeinander angewiesen. Sie haben sich gebraucht und be- :uii/'. Der ganze Siru k .i -r hollamli-,. h-|üdischen Malerei undy Zeichnung e.nes der lebendesten Kapitel sder Kunstgeschichte, '-rin dieser eigentümlichen Kulmr geworden. Die lad', die atmen, >* von Erlebnissen getränkt." * * * : ee -e-i aiUuuddreissie, fahren in Jerus dem begehende Woche::* hr:?» ..Habazeleth'' d! Taiisgeber.- ). F t u 111 k i n) erscheint von: : Ann! ah -n \ ergi ös.-,ei ten'i Umfang dtennal wh -:e!r!-. D; ■ -"■ N .;...;,.••) der von uns vor emigen Wochen angekündigter. -udi-ich - medizinischen /••(ts-Ii: itt;-t bereits erschienen. Die Zeitschrift erscheint in russischer Sprache und fuhrt den Eitel: „jewerskij medicinsfcij Golos' {(udisch-iuedizim.tche Stimme Die erste Nummer dieser Förderung hygienischer 'ind sanitärer Emilchhint; unter den luden ge-!Vel>:irtiüer'/iVe^)luTers; eleu XutsaVz',d^'"'^}. UVv, ,)rhVrttO& }%ir disctie iteilaustaltea in Russland" hervor. An der Hand staristis< hen Materials weist der Autor nach, wie unzulänglich die Zahl der Krankenhauser und Heilanstalten im jüdischen Ansiedlungsrayon und besonders in den kleinen judischen Städten ist. In ganz Russland gibt es 6895 Spitäler mit 107.543 Betten, darunter bloss no judische Spitäler mit 3X90 Betten. Ein uidis. hes Spital kommt daher auf ungefähr 4J 270 judische Einwohner. Die meisten der jüdischen Spitaler <:xistiei'"n m den gros-en Städten, wahrend m den kleinen Stadtchen die Spttaispiiege fast völlig 'unbekannt ist So gibt es z. B in den Provmzstadten von 18 Gouvernements überhaupt kein einziges -udiseh.es Spital. Die grössten jüdischen Krankenhäuser bestehen m W a r s c h a u 440 Berten;, Odess 1 (250 Betten), Kiew 100 Betten.. Wjlna;!.'; Betten), Jekatcnnoslaw und Lublin;e soo Betten . Minsk 185 Betten), Nikohtjew, Jelisawetgra.i und Petrokow ne 75 Betten). Ausserdem gibt es noch kleine Anstalten nur ro—£5 Betten, die jedoch den Heilzwecken einer grossen jüdischen Umgegend zu dienen haben. Die fleis-ag und genau bearbeitete Statistik liefert ab»r auch, den .erfreulichen Beweis, dass las jüdische Spitalwesen in Russland m den letzten fahren 'ine erfreuliche Entwicklung genommen hat. So gab Y-s : B un fahre 1X78 im ganzen 53 jüdische Krankenhauser mit 17Ö5 Betten. In den letzten dreissie jähren hat sich demn v h die Zahl der jüdischen Heilanstalten" mehr als verdoppelt Dieser Erfolg einer planmässigeu Tätigkeit der jüdis< hen Wohltatigkeitsvereine wird wohl ein Ansporn sem, auf dem Gebiete moderner, medizinischer Hilfeleistung unter der armen;udis< hen Bevölkerung weiter orgjiii-. itoris-li tätig zu sein. Wegen Ueberfnlle an aktuellem Material massten wir In dieser Nummer das Feuilleton weglassen. In demselben veröffentlichen wir demnächst eine Novelle des berühmten rassischen Dichters Anton Tschechoff „Rotschilds Geige" Die Redaktion.