Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425738--0746-2427052- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
„Welchen Wechsel? Ich weiss nicht, wovon Sie sprechen, Herr Janoschefsky." „Der Wechsel, der heut' fällig iss. Leibovitz weiss es, ganz gut. W'rurri hat er 'nnicht gebracht?" Abey schüttelte den Kopf. „Wenn es eine Angelegenheit zwischen Ihnen und Herrn Leibovitz ist, weiss ich nichts davon. Wenn es etwas mit unserer Bank zu tun hat, weiss H^rr Leibowitz nichts davon. Ich führe die Bank, wie Sie wissen." „Aber Leibovitz —" „Hat absolut nichts mit der Bainkzii tun. Auch meine Mutter nicht. Alles gehört mir. Meine Mutter war nur bis vorigen' Monat mein Vormund. Wussfin Sie das nicht?" Janoschefsky schüttelte den Kopf. „Aber Sie haben einen Wechsel von mir, der fällig ist. Wissen Sie das nicht?" „Oh, der Wechsel 1 Ja, ich erinnere" mich an so etwas ähnliches. Ich glaube, ich legte ihn beiseite, weil — weil, nun, sehen Sie, Herr Janoschefsky, ich kam in einer wichtigen Angelegenheit zu Ihnen. Glauben Sie — er hätten Sie etwas jdägegen — kurz, Eva lund ich möchten einander gerne heiraten." Während des nächsten Momentes war Janoschefsky tatsächlich ohne Besinnung. Er sass starr vor dem jungein Manne, hatte aber nicht einen ein- ■zigen Gedanken im Kopf. Dann, wie aus weiter | Ferne zurückkehrend, kam er langsam wieder zur f Erde. Und alles im Leben schien so rosig und lieb- ■ lieh. Und Abey Schifrin war der hübscheste und charmanteste Manjn, den er jemals gesehen hatte. Er umarmte ihn. „Es iss der Traum von mei'ni Leben! Ich bin so glücklich!" „Wir haben beschlossen, nächste Woche zu heiraten", erklärte Abey liebenswürdig. „Weiss es Leibovitz?" fragte Janoschefsky. „Keine Idee! Es gellt ihn absolut nichts an. Ich sagte meiner Mutter, dass ich ihni nicht einmal in der Bank haben möchte. Er kann mein Stiefvater sein, aber Geschäft ist Geschäft." „Gewiss", sagte Janoschefsky mit einem Kichern, „Geschäft ist Geschäft. Aber jetzt geh'n Sie gleich nach Haus' und sag'n Sie 's Ihrer Mama und sag'n Sie 's Leibovitz und dann müsst Ihr 'alle zum Nachtessen zu uns herüber kommen." Janoschefsky sass allein in seinem Bureau und kicherte wieder und wieder, bis Abey ungefähr zu Hause sein konnte. Dann rief er Leibovitz zum Telephon. „Sin' Sie dos Leibovitz?" fragte er. „Ja. Wer iss dos?" Ich bin 's! Janoschefsky. Ha! Ha! Ha!" Dann hing er die Muschel wieder auf und ging insein Lieblings-Cafe. Zeitschriften-Rundschau. Eine ausländische Stimme über unsere Kultusgemeinden, Nicht nur unser Blatt, sondern auch die jüdischen Zeitungen im Deutschen Reiche, sogar die sehr gemässigten, sind auf das saft- und kraftlose jüdische Gemeindeleben in Oesterreich nicht besonders gut zu sprechen. In einem ungemein sarkastischen, dabei aber sehr treffenden Aufsatz behandelt „Die Allgemeine Zeitung des Judentums" in Berlin die auch schon von uns gewürdigte Tätigkeit des „Allg. Oest. Israel. Gemeindebundes" und legt alle diese geheimen Springfedern bloss, von welchen die „Aktionen" dieses Bundes geleitet werden. „. i . von Zeit zu Zeit sehen wir die alten Herren dieses Bundes zusammentreten, , um über allerlei höchst nützliche Fragen sehr theoretisch und akademisch zu diskutieren. So waren sie wieder zusammengekommen, diese Vertreter des Judentums in Oesterreich; acht waren erschienen, sechs hatten sich entschuldigt. Wir versetzen uns in den Anschauungskreijs dieser — sechs. Sie dachten wohl — schade um die Reisekosten und die verwendete, wenn nicht verschwendete Zeit. Es schaut ja doch bei allen diesen Beratungen nichts heraus. Wir können den Herren nicht einmal so ganz Unrecht geben. Sie kamen also in Wien zusammen, die Herren vom „Bunde". Hören wir, worüber sie berieten. Zunächst soll ein „Reichsverband zur Unterstützung von Witwen und Waisen jüdischer Kultusangestellter" gebildet werden. Man beschloss, das Bureau zu beauftragen, ein allgemeines Pensionsstatut auszuarbeiten und dieses der nächsten Vorstandssitzung vorzulegen. Sehr schön. Wann wird die nächste Vorstandssitzungj stattfinden? Das ist den Unsterblichen bekannt. Doch eine Frage richten wir an die Herren, und sie wird vielleicht als vorlaut bezeichnet werden: Warum zieht man zur Diskussion solcher bedeutenden Angelegenheiten nicht auch die Beteiligten, d. h. in diesem Falle die Beamten selbst heran? Diesen Zwiespalt der Natur erklären die grossen Herren allerdings nicht. S i e fühlen sich als Vertreter der „israelitischen Religionsgenossenschaft", von wem sie aber das Mandat als solche besitzen, sagen sie nicht. Man antwortet auf meine Frage: Von den Kulrusgemeinden. Die Kultusgemeinden sind aber bei uns autonom. Was heisst Autonomie der Kultusgemeinden? Antwort: Jede zieht an einem separaten Strange. Es Iässt sich leicht denken, wie das Geläute klingt. — Man braucht nur der zweiten Frage näher zu treten, über welche „unsere" Vertreter diskutieren. Wir meinen die Frage über den „einheitlichen Lehrplan für den Religionsunterricht". Hat man zu dieser Debatte einen Religionslehrer herangezogen? Eitle Neugier. Die Herren Advokaten und Geschäftsleute, Likör- und andere Fabrikanten werden sich doch nicht mit Lehrern zusammensetzen. Shocking, das wäre nicht nobel. Was ein Advokat oder ein Fabrikant ist, versteht auch über Unterrichtsfragen zu reden. Man muss sich kein Beispiel an der grossen, Unterrichtsenquete nehmen, die jetzt in Wien tagte, in der die Schulmänner ihre Erfahrungen kundtaten. Das haben wir, dem Himmel sei Dank, nicht notwendig. Wir besitzen Rechtsanwälte, Likör- und andere Fabrikanten, die verstehen alles. Manchmal gehen sie sogar am Versöhnungstage zur „Gedächtnisfeier", schicken ihre Kinder getrost zur Taufe, von wegen der „Karriere", r^den über Kultusangelegenheiten, über Schechita- und Unterrichtsfragen und verdrehen die Augen, wenn sie von „Seiner Ehrwürden, dem Herrn Rabbiner" sprechen. Was sonst noch alles in jener Sitzung geredet wurde über Rechtsschutz in Gemeinderechtsfragen, über Geschichte der Juden in der Armee und Archivwesen interessiert uns um so weniger, als wir sagen müssen: wir haben der Worte genug gehört, aber nie etwas von Taten gesehen. Ist es, wenn wir auf den allgemeinen Religionslehrplan zurückkommen, nicht schmählich, dass das Ministerium über die Zerfahrenheit des Judentums in dieser Frage sich äusserte und meinte, der Einheitlichkeit in dieser Angelegenheit, welche mit den Jnteressen des Judentums so eng zusammenhängt, stehe die „Autonomie der Judengemeinden" gegenüber, d. h. das Recht jeder Gemeinde, sich einen eigenen Lehrplan zu .machen. Was aber diese Gemeinden selbst anlangt, so weiss man, wie es hier zugeht. Hier regiert irgend ein allgewaltiger Beamter und zu dessen Vorschlägen geben die Gemeindevertreter blindlings ihre Zustimmung." * * * Eine in Krakau gegründete Verlags-Genossenschaft „Kohelet h" hat sich die Pflege der hebräischen und jüdischen Literatur zur Aufgabe gemacht. Zu diesem Zwecke wird vorerst eine „Vierteljahresschrift zur Pflege der Geschichte der Juden in Polen" ins Leben gerufen. föüchereinlauf. Friedrich Delitzsch: Zur Weiterbildung der Religion. (Zwei Vorträge.) Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1908. Bericht des Vereines „Ferienheim". Wien 1908. Pauline Wengeroff: Memoiren einer Grossmutter. (Bilder aus der Kulturgeschichte der Juden Russlands im 19. Jahrhundert.) Bd. I. Mit einem Geleitwort von Dr. Gustav Karpeles- Verlag von M. Poppelauer, Berlin 1908. L. Wahrmund. Katholische Weltanschauung und freie Wissenschaft. J. F. Lehmanns Verlag. München 1908. 26. Tausend.