Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 15 (10.4.1908)
- Date
- 1908-04-10
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. „Neue National-Zeitung" *Peuillefon. Nr. 15. RÜBEN BRAININ : (Berliu): (&r*§fivy ©erschuni.*) Er hatte eine sanfte, weiche, zarte Seele wie eine Taube, und doch einen starken Willen wie ein Löwe. Seine revolutionäre Taktik war dabei listig, elastisch, schlüpfrig wie eine Schlange. Ein jüdischer Mann mit einem jüdischen Temperament. Er hegte eine leidenschaftliche Liebe für sein jüdisches geknechtetes Volk. Seine Erziehung war auch eine jüdische und war gekrönt von dem jüdischen Adel seiner Familie. Allein der grosse Kampf der Revolution hat ihn angezogen und er wurde von ihr in den Strom mitgerissen. Er beschloss für die Befreiung des ganzen Russland zu kämpfen and dadurch auch sein eigenes Volk zu befreien. Und dort, wo der Kampf am heftigsten wogte, dorthin zog es ihn. Die Revolution war seine Religion und er war ihr Hohe - priester; ihr hat er sich selbst geopfert. Es war sein Lebensideal, für, die Freiheit zu sterben, und der Freiheit hat er auch sein Leben zum Opfer gegeben. Niemand weiss aber auch die Wahrheit, an welcher Krankheit er gestorben ist. Nicht nur sein Leben war eine Art Konspiration, auch sein Tod erfolgte in aller Stille . Wenn ein Löwe tötlich verwundet sterben soll, dann zieht er sich in einen Winkel zurück, um dort von niemanden gesehen, ohne Aechzen und Stöhnen zu enden. Das revolutionäre Leben des Gerschuni ist eine wunderbare Geschichte von Tausend und eine Nacht. Es war durchflochten von allen phantastischen Abenteuern und genialen Einfällen eines grossen Helden der Revolution. Er wagte alles, er hat vor nichts zurückgeschreckt. Er verstand es mit seinem starken Geist, Menschen zu hypnotisieren und in ihnen Energie wachzurufen. Gerschuni war bereits zum Tode durch den Galgen verurteilt und er hat dieses Ende ruhig er - wartet. Aber selbst, als er in der Festung dem Scharfrichter entgegensah, der seinem Leben ein Ende bereiten sollte, da stand sein Geist nicht still. Bereits zum Tode verurteilt, wurde er dann für 20 Jahre nach Sibirien verbannt und dort wurde er von den Wächtern wie ein Augapfel gehütet. Aber es gelang ihm doch zu ent(liehen und nach Amerika 7X\ flüchten. Und wenn wir die Einzelheiten dieser merkwürdigen Flucht nach Amerika lesen, so kommt es uns vor, als würden wir einen phantastischen Kriminalroman vor uns haben, denn nur ein Poet wäre imstande solche Abenteuer zu erdichten; diese Flucht übertrifft jedoch jede Phantasie. \ \ ' \ Und als er endlich nach vielen Gefahren in Amerika anlangte, schritt er wieder hier an die „Arbeit". In Amerika, bei seinen Brüdern angelangt, empfand er wieder sehr stark die Liebe zu seinem jüdischen Volke. Er sprach wiederholt von den Leiden seiner schwer bedrückten Volksgenossen. *) Lieber diesen russischen Revolutionshelden erscheint demnächst in New-York ein Buch „Die russische Bastille" vom Gounsellor Simon Pollock. Die Redaktion. Dann fuhr er nach Luropa, um weiter rastlos zu kämpfen, bis er fiel. Und dieser Gerschuni, welcher mit cisener Hand alle seine Ideen und Pläne sofort zu realisieren verstand, war in .-.einer tiefsten Seele nur ein Träumer. ,! Betrachten wir diese wunderbaren Kämpfernaturen, so schmerzt es uns, dass sie den (grossen Traum des jüdischen Volkes nicht träumten, und dass sie unseren Kampf nicht kämpften. Das ist ja unser ewiger Fluch, aass unsere besten Kämpfer nicht für unser Schicksal zu Cirunde gehen. Gerschuni war kein beschränkter Partei - mann. Er diente seiner Partei mit Leib und Seele und doch hatte er Sinn für alles Schöne im Leben und in der Natur; er hat sich den Schwärmern für die jüdische Zukunft und für die jüdische Renaissance nicht entgegengestellt. Denn er hatte Sinn und Verstand für alles Erhabene und für jene Keime, aus denen eine neue Zukunft erblühen nuiss. BRUNO LESSING: Uanoschefsl^Y's 190wbun&. (Aus dem Englischen übersetzt von Ida Po Hak.) (Schluss). „Geehrter Herr!" - - so lautete die Karte — „Ich habe die Ehre, Ihren anzuzeigen, dass die Dame, welche als Frau Schifrin bekannt war, nun Frau Leibovitz ist. Wenn Sic uns ein Hochzeits - gesehenk schicken wollen, seien Sie nicht filzig. Ich werde die Ehre haben, Sie am 21. d. AI. In einer geschäftlichen Angelegenheit zu besuchen." Der einundzwanzigsi e! Das war der Tag, an welchem der Wechsel fällig werden sollte. Ja.noschefsky seufzte. Am. vergangenen Abend hatte er jedes Anathema und jede Verwünschung, die er erdenken konnte, auf seinen tteulosen Angestellten geschleudert, aber jetzt war sein Herz zu schwer, um zu sprechen. Er ging daran, Arrangements zu treffen, um den Wechsel am Fälligkeitstage einzulösen, und obwohl die Anstrengung gross war, trieb er schliesslich doch das Geld auf. Als der 21. kam, war Janoschefsky blass und unruhig aber vorbereitet, doch Leibovitz war während des ganzen Vormittags unsichtbar. „Er weiss, in was für einer Latsch' ich bin,:wenn ich ihm das Geld zahl'" dachte Janoschefsky, „und er spielt mit mir, so lang er kann." Und die Zeit schlich dahin immer noch kein Leibovitz bis sich die Stunde des Geschäfts - Schlusses bedenklich näherte. Da klopfte es leise an der Tür seines Privat-Kontors —- Janoschefsky's Herz erbebte, als er es hörte und Abey Schifrin trat munter ein. Janoschefsky starrte ihn an. „W'rum iss er nit selber gekommen? He? Fürcht' er sich? W'runi hat er Sie geschickt?' „Warum wer nicht kam?" fragte Abey erstaunt. „Sie wiss'n ganz gut, wen ich mein'. Den Herrn Leibovitz mein' ich, wenn Se 's nicht wiss'n. W'rum hat er nit den Wechsel gebracht?"