Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 14 (3.4.1908)
- Date
- 1908-04-03
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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1fr. 14. biet vorgekommenen schweren Ausschreitungen gegen Juden in Jaffa. Die beklagenswerten Vorfälle sind die Folgen des feindseligen Verhaltens des Kaimakams Addef Bey, der seit langer Zeit seinem Hass gegen die Juden und auch gegen die Europäer die Zügel schiessen lässt. Wiederholt winden Juden tatlich angegriffen, ohne dass die Schuldigen ihre Strafe traf. Am 13. März kam es wieder zu einer Schlägerei zwischen einem Juden und einem Araber, die aber ohne schwere Folgen blieb. Am Montag den tö. März .am Vorabend des jüdischen Purimfestes) gingen wiederum Araber gegen einige jüdische junge Leute mit Tätlichkeiten vor. Als die Juden sich zur Wehr setzten, kam es zu einem schweren Krawall, der damit endigte, dass die Polizei einschritt und 5 Juden verhaftete. Die vom Kaimakam genährte judenfeindliche Gesinnung entlud sich nunmehr in Gewalttätigkeiten gegen friedliche Unschuldige, die an russische Zustände erinnern. Die Verhafteten, deren Schuld nicht im geringsten feststeht, wurden unterwegs von den Polizisten misshandelt, und die Polizisten forderten auch den Strassenpöbel auf, an den Misshandlungen teilzunehmen. Ausserdem wurden die Verhafteten ihrer Barschaft beraubt. Vergeblich suchte die Polizei im „Hotel Spektor" neue Verhaftungen vorzunehmen. Sie fand dort nur harmlose und unverdächtige Personen und entfernte sich deshalb. Da dran^ ganz plötzlich der Gendarmerieoffizier Daud Lffendi mit dem Revolver in der Fans!, gefolgt von Polizisten und Soldaten und von 5 Arabern, die ebenfalls mit Revolvern und Knütteln bewaffnet waren, durch eine Hintertür in das ,Hotel Spektor" von neuem ein. Die Soldaten und Polizisten begannen auf alle anwesenden Juden zu schiessen und einzuhauen. Sie verwundeten eine grosse Anzahl der völlig harmlosen Anwesenden, die sich zu einer Purimfeier hier versammelt hatten. Einer oder zwei Passanten wurden sogar auf der Strasse angeschossen. Unter den im Hotel Verwundeten befindet sich auch ein älterer Mann, der erst am gleichen Tage aus Odessa in Jaffa angekommen war. Dreizehn Verwundete liegen als Opfer dieses Gemetzels nunmehr im Krankenhause zu Jaffa, mehrere in kritischem Zustand. In dem Hotel wurde ausserdem geplündert, und um die Spuren dieser Plünderung zu verwischen, versuchte man es sogar in Brand zu stecken. Bezeichnend ist es, dass all diesen Vorfällen, da es sich um Häuser russischer Untertanen handelte, ein russischer Kawass beiwohnte, der bei diesem nach russischen Muster inszenierten Pogrom die Soldaten und Polizisten aufhetzte. Wenn es sich bei den Verwundeten und Geschädigten auch nur um russische und einen amerikanischen Untertanen handelt, so hat doch der deutsche Konsul, was mit Dank hervorgehoben werden inuss, in dieser Angelegenheit sich aussernach dem Weggang der Polizei, welche Verhaftungen vorgenommen habe, sei von den Juden aus den Fenstern des Hotels ge geschossen worden. Es sind das dieselben Märchen, die in Russschossen worden. Es sind das dieselben Märchen, die in Russland gang und gäbe sind. Es dürfte aber kaum gelingen, die Juden hier in der Türkei zu verdächtigen. Die bessere europäische und arabische Bevölkerung sind über die Untaten der Polizei empört und den Juden wohlwollend gesinnt. Die Vorfälle sind einzig in der neuen Geschichte der Türkei. Es unterliegt keinem Zweifel, dass der Sultan und die Zentralregierung von Konstantmopel die Untaten in Jaffa missbilligeii. Dabeiist zu erwarten, dass der schuldige Kaimakam, dessen Verbleiben im Amte eine beständige Gefahr für die jüdische Bevölkerung in Jaffa, die jetzt 6000 Seelen zählt und für die jüdischen Kolonisten in den benachbarten Kolonien ist, zur Verantwortung gezogen werden wird, und die Vorfälle in Jaffa eine vorübergehende lokale Bedeutung behalten. Grcssbritammii. Lord Swaythling gegen die Sonntagsruhe. London, Ende März. (Orig.-KorrO Die Aushungerungs-Aktion gegen die jüdischen Kaufleute, genannt Sonntagsruhe, hat auch in England eifrige Anhänger gefunden. An ihrer Spitze marschiert Lord Avi'bury, der im Überhause eine Bill eingebracht und jüngst deren zweite Lesung verlangt hat. Die dabei entstandene Diskussion gab dem neuernannten Lord S way th 1 ing (Samuel Montague) Gelegenheit, im Hause der Lords zum ersten Male und im Gegensatze zu allen anderen jüdischen Lords, den Lord Nathaniel R o t s c h i 1 d inbegriffen, den Standpunkt der jüdischen Bevölkerung zu präzisieren. Lord S w a \-1 h 1 i 11 g trat dem Antrag Avebury entgegen. Die Bill würde in der vorliegenden Gestalt vielen Tausenden armer Händler, besonders unter den Glaubensgenossen des Redners, unberechenbaren Schaden zufügtm. Er spreche im Namen des Lastend, in dem er vierzig Jahre gewirkt hätte. Als Präsident einer Federatioi von 43 Gemeinden mit 30.000 Seelen kenne er die einschlägigen Verhältnisse. Die jüdischen Händler müssten alsdann 117 Tage im Jahre feiern. Derartige Massregeln würden T a u s e n d e von ihnen ruinieren. Wenn man einwende, dass Juden, die nach England, kamen, sich dem Gesetze des Landes unterwerfen müssten. so sei darauf zu erwidern, dass bekanntlich in der Fabrikarbeit-Bill gerechter Weise der besonderen Lage der Juden bereits Rechnung getragen sei. Die meisten Juden seien russische Flüchtlinge, die, durch eine mörderische Politik aus ihrer Heimat nach zivilisierten Ländern getrieben, hier, ihres Lebens und ihres Eigentums sicher, zu leben hofften. Sie wünschten nichts anderes, als in Frieden zu arbeiten, und wenn die Bestimmungen der Fabrikakte auf das llandelsgewerbe ausgedehnt würden, so sei dies dasjenige, was diese Kreise wünschten. Es lebten in England augenblicklich 4000 Mohammedaner, und 5000 Mohammedaner wanderten jährlich ein. .Auch diese würden von der Bill hart getroffen, und sie hätten umsomehr Anspruch auf Beachtung, als die Zahl der mohammedanischen britischen Untertanen grf»ser sei als diejenige der christlichen briti sehen l'ntcrtanen. Parlamentsbeschlüsse, so sehloss der Redner, können kein Volk religiös machen, wohl aber können sie die Irreligiosität fördern. Er überlasse dem menschlichen Sinne der Lords die Entscheidung. Trotz dieses wannen Appells und trotzdem der Regierungs-Vertreter die Erklärung abgab, dass diesem Antrage schwerlich die Sanktion erteilt werden würde, wurde er angenommen. Lord Swaythling hat jedoch durch sein entschiedenes Auftreten, und indem er sich offen mit den armen Juden des East- End solidarisierte, ungemein an Sympathien gewonnen. Man vergleicht damit die Tatsache, dass Lord Rothschildr.oeh nie im Überhause für die Juden gesprochen hat, dass er vor zwei Jahren erst infolge nachhaltigen Drängens den Vorsitz in einem Meeting für die russischen Juden übernommen hat, während er sich ohne weiteres jetzt dazu herbeilässt, in den Protest Versammlungen gegen die neue Schank-Bill zu präsidieren, weil die von ihm geleitete Versiehe-