Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1908)
- Date
- 1908-02-28
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12. „Neue National-Zeitung" Nr. 9. hen Bart, von welchem er keine wcüterc Inspiration erwarten konnte, und sagte mit trauriger, leiser Stimme zu der armen Fraa: ,JEs ist trefe!" „Perez", rief Rebbele, ,,geh und sage allen, die Fleisch von Hannah Simons erhalten haben, dass sie sofort -wegen der Schalen herkommen sollen". Bald darauf ergoss sich ein Strom armer, hungrig aussehender Frauen und Mädchen In das Beth- Hamidrasch, um den verhängnisvollen Spruch über ihr Sabbathmahl und ihre Gefässe zu hören. Es gab nur ein Schicksal für sie alle — trefe, trefe, rings umher: das Fleisch, die Suppe, die Gefässe; Hunger und Schaden blieben für sie alle. Nicht eine Bemer'Jcung, nicht ein einziges rebellisches Wort entschlüpfte diesen armen Beraubten, von denen die meisten keit langen Hungertagen weder Fleisch noch Suppe gekostet hatten, und die sich so sehr auf das seltene Mahl, das die wohltätige Hannah ihnen verschafft, gefreut hatten. „Darum sind Avir Jidden, preiset den Schöpfer und gesegnet sei sein Name!" Das war alles, was man aus den vertrockneten Kehlen hören konnte. ^eitschi*ifteii*Rufidschatl. Die Mischehen in Oesterreich. In der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" (Heft 2 > finden wir einen Artikel von Dr. A. R u p p i n „Die Mischehe", in welchem auch die Verhältnisse in Oesterreich beleuchtet werden. Der Verfasser kommt zu einem traurigen Resultate: Die Zahl der Mischehen nimmt in Oesterreich zu. Neben der Taufe ist es die Mischehe, die an den Wurzeln des Judentums in Oesterreicli nagt: „Es wurden geschlossen in Oesterreich durchschnittlich jährlich : Ehen zwischen Juden und Konfessionslosen rtin jüdische Ehen , , in % der rein in absol. Zahl. jüdlsch. Ehen 1,58 1881—1884 3287 1885-1894 4576 1895—1899 5781 1900—1903 7303 52 61 122 140 1,33 2,11 1,92 Die auffallend grosse Vermehrung der rein jüdischen Ehen ist darauf zurückzuführen, dass bis vor einiger Zeit die Ehen in Oesterreich, insbesondere in Galizien, nur nach jüdischem Ritual geschlossen wurden und deshalb nach dem Staatsgesetz gar nicht als legitime Ehen galten. In neuerer Zeit werden die "Ehen auch bei den galizischen Juden mehr und mehr vor dem Standesbeamten geschlossen und daraus resultiert die Zunahme der Zahl der jüdischen Eheschliessungen in der Statistik. Die Mischehen sind von 52 im Durchschnitt der Jahre 1881 —1884 auf 140 im Durchschnitt der Jahre 1900—1903 gestiegen und machten im letzteren Zeitraum 1,920b der rein jüdischen Ehen aus. Der allergrösste Teil der Mischehen in Oesterreich wird in Wien geschlossen; hier kamen zustande durchschnittlich jährlich: Mischehen zwischen Juden und Konfessionslosen rein jüdische Ehen . , , 7 in % der rein J in absol. Zahl. jüdisch. Ehen 1881—1F84 390 42 10,8 1885—1894 538 48 8,9 1895—1899 839 76 9,1 1900-1903 864 92 10,7 Ausser in Wien kommen nur noch in Triest (siehe oben) und in Böhmen (hier wiederum hauptsächlich in Prag) Mischehen in grösserer Zahl vor. In Böhmen sind von 1900—1903 durchschnittlich jährlich 675 rein jüdische und 20 Ehen zwischen Juden und Konfessionslosen geschlossen, die letzteren machten also 2,960.0 der rein jüdischen Ehen aus. Dagegen sind in Galizien und der Bukowina die Ehen zwischen Juden und Konfessionslosen fast ganz unbekannt; 1900—1903 kamen in ganz Galizien nur 6, in der Bukowina überhaupt keine Mischehe vor." * * * Der Sabbat in Krakau. In der ..Schlesischen Zeitung" wird von einem Berichterstatter der Sabbat in Krakau mit einer Miene geschildert, wie wenn der Verfasser der staunenden Welt etwas ganz neues entdecken wollte, Und doch liegt ja Breslau denn doch nicht so weil von Krakau, als dass ihm die rituellen Gebräuche der galizischen Juden gar so fremd wären. Der gelegentliche Berichterstatter hat aber den Kern des jüdischen Lebens in Krakau schwerlich erfasst, wenn er denselben lediglich in den „Semircs" und „Schalschides" sieht. Hier seine ausführliche Schilderung : „Es war ein befremdender Anblick, als am Freitag nachmittags bei Sonnenuntergang sich die Läden schlössen und als dann beim Herabsinken der Dämmerung aus allen Häusern die Juden herauskamen, im seidenen Kaftan, den langen Gürtel mehrmals um den Leib geschlungen, die ,,Chassidim" dadurch kenntlich, dass sie die Hosen in die weissen Strümpfe gesteckt tragen; die verheirateten galizischen Juden tragen über dem „Kappel" den „Schtramel". eine Sammtmütze, die mit einem Kranz von Zobel- oder auch bloss Marderschwänzen verziert ist: bei den verheirateten russischen Juden ist der ,,Spodik" üblich, eine hohe, runde Kopfbedeckung aus dunklem Zobel¬ oder Marderfell; die galizischen „Bocherim" tragen meist den „Kolpak", eine dem „Spodik" ähnliche, womöglich noch höhere Pelzmütze aus hellerem Fell; so ein „Kolpak" kostet, wenn er aus Zobel ist, oft hundert Gulden! Die russischen luden sind übrigens auch daran zu erkennen, dass sie die „Pajes" tragen, weil dies in Russland von der Regierung nur den Rabbinern erlaubt ist; bei den galizischen Juden kann man dafür recht schöne „Paies" sehen, oft so lang wie der Bart, der auch meist nicht kurz ist. Und so schreiten sie in der Schabbestracht würdevoll mit dem Gebetbuche in der Hand oder die Hände über den Leib gefaltet dahin und verschwinden in den sechs „Schüls" (den deutschen Tempel nicht mitgerechnet) und in den etwa 50 „Bethamidroschim", um „Minchah" und „Maariw" zu „dawenen". Uns gelang es durch Vermittlung unserer beiden Freunde, „Maariw" in der „R . .-Schül" zu sehen; ein eigenartiger Anblick: der kleine Raum war von blendendem Lichterglanze erhellt, von einer Menge von Gestalten in der Schabbestracht erfüllt, alle unter lebhaften Körperbewegungen „dawenend". „Lecho daudi" oder vielmehr „Lechu doidi", wie sie drüben sagen, wurde natürlich vom „Almcmor" gesungen, und bei ,,Gleinu" wurde heftig ausgespuckt, sogar unsere beiden Freunde taten dabei mit, allerdings wohl mehr aus Gewohnheit, denn sie sind nach dortigen Begriffen nicht allzu orthodox. Am Samstag wohnten wir dem Vormittagsgottesdienst in der alten „Schül" bei, wobei die Thora in ein prächtiges Gewand gehüllt war und zwei Kronen aus Silber mit Glöckchen daran trug. (Das Umkleiden der Thora aus dem Wochentagskleide in das Schabbesgewand haben wir leider nicht mehr gesehen.) Es war ein eigenartiges Bild, wie der „Chasen" auf den Stufen zur Lade stand und „Schma Jisroel" sang und wie er sich dann förmlich durch die Menge drängen musste, um zum „Almemor" zu gelangen: alles umarmte die Thora mit beiden Armen und küsste sie inbrünstig. Am Abend des Samstags haben wir etwas sehen können, was bisher wohl wenige Christen gesehen haben und was wohl auch nur wenige Christen sehen werden: „Schalschides" in einem chassidisehen „Bethamidrasch", Als wir eintraten, sass in ziemlichem Dunkel eine grosse Zahl von Menschen in der Schabbestracht an mehreren Tischen und ass oder hatte schon gegessen (meist Durst erregende Speisen, wie z. B. Hering); nachdem dann „Mesummen gebenscht" worden war, trank man Met und sang „Semires", die wohl infolge des genossenen Metes manchmal etwas wirr klangen, manchmal aber auch hübsche, marschmässige Melodien hatten. Auf die „Bocherim" hatte der Met offensichtlich gewirkt, denn sie benahmen sich recht ausgelassen, besonders die jüngeren unter ihnen, die meist bildhübsche, manchmal sogar saubere Gesichter hatten. Inzwischen betete, immer noch im Dunkeln, der „Schammes" für sich „Maariw", zündete dann ein Licht an (bevor er „Maariw" gebetet hatte, durfte er das nicht) und — knipste das elektrische Licht an! Und nun wurde unter sehr heftigen Bewegungen des Körpers „Maariw gedawent" und schliesslich „Hawdohle" gemacht, wobei man mit dem Schammes allerlei Unfug trieb. „Maariw" in einem ganz chassidisehen „Bethamidrasch" bei elektrischem Lichte! Krakau ist eine Stadt greller Gegensätze!" Druckfehlerberichtigung. In dem Artikel von A. Coralnik „Pro domo" gehört die 2. Zeile der II. Spalte auf Seite 2 als letzte Zeile auf dieselbe Spalte.