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Neue Nationalzeitung · 1908-02-28 · Heft 9 (28.2.1908) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
X (1908)
Issue
Heft 9 (28.2.1908)
Date
1908-02-28
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 9. Feuilleton. Die ffrage. (Aus dem Englischen von Ida Pollak.) (Schluss). Als sich der Lachsturm, der hierauf folgte, gelegt hatte, war Itzig bereits im Begriffe, Vorbereitungen für die Erzählung einer zweiten Geschichte zu treffen. Es war ein sicheres Zeichen, wenn er aus seiner Brusttasche die mit Schnupftabak gefüllte, getrocknete Schweinsblase hervorzog und jedem eine Prise anbot. Dies rat er, nebenbei bemerkt, lim während des Niesens Zeit zu gewinnen, obwohl es Itzig immer möglich wir, in kürzerer Zeit eine neue Geschichte zu erfinden, als nötig war, sie zu erzählen. Aber möglicher veise bereitete Itzig \vie andern erfolgreichen Geschichtenerzählern, die Wahl des Themas die eigentliche Schwierigkeit. „Kinder", begann er im richtigen Tempo, J5ich will Euch erzählen, was an einem Sabbath-Abend, gerade wie dieser, am Vorabend der Revolution, passierte. Es war vor siebenundzwanzig Jahren, dreiundzwanzig Minuten nach sechs Uhr. Hinkönnt' Euch auf die Uhrer. jener Tage verlassen, jetzt allerdings schau' ich niemals auf eine Uhr, wenn ich wissen will wie spät es ist: ich schaue nur auf die Sonne. Idh möchte keiner der Uhren glauben, die heutzutage gehen. Ich frage Euch Kinder, wie könnt' Ihr von einer Uhr ohne Gewicht und Kette, sogar ohne Pendel erwarten, dass siq Euch die Zeit anzeigt? Nein, das könnt' Ihr nicht, ebensowenig als Ihr von einem Jid mit kurzem Rock, und ohne Bart und Pejos erwarten könnt', dass er Jiddischkeit hält. Nu, auf jeden Fall waren es 23 Minuten nach 6 Uhr, an einem Sabbath-Abend vor 27 Jahren. Ich war damals noch ein kleiner Bub und fieng gerade an, in denChcdcr zu gehen. Ich hatte keinen bleiernen Kopf, das kann ich Euch sagen. Ihr könnt' es daraus sehen, dass ich schon die Uhr kannte, und es war gerade 23 Minuten nach sechs Uhr. Der 'grosse Zeiger stand drei Minuten nach der Zahl vier und der kleine hatte gerade die Zahl sechs passiert. Ich erinnere mich 50 genau daran, als wenn es gestern geschehen .wäre. Kein schlechter Sikoren (Gedächtnis) — ha! Ich werde Euch sagen Kinderlech, es war ein guter Stoff in den alten Generationen. Zu Lagbomer, mirtzeschem (so Gott will), werde ich 79 und ich will eine Ditka (3 Kopeken) wetten, dass keiner von Euch, Kinder, meine Flaust öffnen kann, wenn ich sie schliesse. Ni, schaut einer, was die Frau will — sagt es dem Rebbele!" Bevor noch einer der Vertreter einer neuen und schwächlichen Generation Zeit finden konnte, die Faust des letzten einer dahingegangenen Hünenrasse mit Gewalt zu öffnen, heftete dieser seine Äugen auf eine Frau, welche aufmerksam durch den Torweg starrte und etwas unter ihrem Tuche trug. Esf war natürlich eine Schaileh (rituelle Frage), und die Frau liess ängstlich ihre Augen herumstreifen,, um die Aufmerksamkeit von jemandem auf sich zu ziehen, der ihr den Rabbi rufen würde. „Hier Rebbele", begann (die Frau, als Reb Nehemiah sogleich auf sie zugekommen \var, „und ich habe das Mehl und die Zwiebel zum Füllen schon fertig gehabt". Während sie 'dies sprach, überreichte sie dem Rebbele feine grosse, zinnerne Schüssel, die ein; Stück Rindsdarm enthielt, in .welchem ein grosser rostiger Nagel eingebettet lag. Der R,ebbele hielt den Topf zum Fenster hinauf, und schüttelte dann ernsthaft den Kopf. „Wo hast D'u das bekommen, mein Kind?" fragte bald darauf die sanfte Stimme des Rebbeld die Frau. ,,H'm, Statsch (wie hcisst?), Rebbele, Sie sollen leben und gesund sein", antwortete die Frau, während ihre Hand ein paar Mal ihrer einfachen Frisur einen Besuch abstattete, um sich zu versichern, dass ihr „altes Haar" in Ordnung und bedeckt hei, „wo ich das bekommen habe, nicht zu sprechen von dem feinen Rippenstück, das Sie sicher mit den Augen aufgegessen hätten -- ja, und mein Schlemiel von, einemf Mann, der öchon seit vor Purim nicht einen Groschen verdient! Statsch, leben soll sie, um das Horn 'des Messias zu hören, es war Hannah Simons —." „üi — joi — joi", fiel Reb Nehemiah ein, seinen Bart in den Mund st jpfend, und seinen Kopf höchst bedeutungsvoll schüttelnd. Hier entrollten sich ein paar ungeheuerliche Möglichkeiten. Tatsache war, dass Hannah Simons in überströmender Dankbarkeit zu dem Allmächtigen, es nicht bei dem Porochet bewenden liess, sondern dass auf ihren Befehl ein fetter junger Stier ausdrücklich zu Gunsten der Armen geschlachtet worden war. Wenn die Frage jetzt in fataler Weise entschieden würde, welch* ein Pech für die Armen,! Nicht nur, dass sie mitleidslos ihrer von Gott gesandten Gabe beraubt wurden, auch die ganze übrige, für den Sabbath vorbereitete Nahrung und alle dazu verwendeten Gefässe waren trefe (verboten). Und es war beinahe Zeit zum S<abbatgebet. Die Lage des Nagels und [die Beschaffenheit der um ihn befindlichen tierischen Masse rnusste noch einer zweiten und mikroskopischeren Prüfung; unterzogen wer/den. Aber diese diente tnur dazu, um den letzten Hoffnungsschimmer zu beseitigen. Noch imimer war Reb N.ehemiah unentschlossen, das fatale Wort auszusprechen : trefe. Er hielt, seine Schul' tern für eine so schwere Verantwortlichkeit zu schwach, und so lud er Leibtzig ein, die Bürde mit ihm zu teilen. Kaum war Leibtzigs Auge auf den schuldigen, Nagel gefallen, als er mit emporgehobenen Armen und aufgeblasenen Wagen zurücktaumelte, wie jemand, der vor einer mitternächtlichen Erscheinung schaudert. Dann entspann sich eine hitzige Kontroverse zwischen Leibtzig und dem Rebbele, in welcher Leibtzig alle Einwendungen vorzutragen schien. Denn er benützte beide Hände zujm Gestikulieren,) während Rebbele nur die eine frei hatte, da die anderen über dem in seinem Munde festgehaltenen Bart Wacht hielt. Endlich gab es keinen Ausweg mehr; Rebbele befreite widerwillig seinen gefange-

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