Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2425679-2425722-2425725--0572-2426865- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 fort und Hess an Oefen und Wänden seine Wut aus. Der Bädelsführer Fe ttmilch selbst, früher Rechtskonsulent, jetzt Lebküchler, und seine Angehörigen beteiligten sich eifrig am RaubeD, dagegen waren von den besseren Elementen der Bürgerschaft nicht wenige bemüht, von der Habe der Juden zu retten und auf dem Römer zu bergen. Etwa 60 der Bedrohten bot ein Ratsherr in seinem Hause Zuflucht. Von den städtischen Behörden indessen war während dieser Schreckenszenen nichts zu sehen, ebensowenig als am nächsten Morgen eine drohende Menge den letzten Zufluchtsort der Juden, den Friedhof, umringte. Auf ihre Bitte gestattete ihnen Fettmilcli mittags den Auszug und in langem Zuge verliessen sie mit den Resten ihrer Habe durch das Fischerfeldpförtchen die Stadt, um sich auf dem Main weiter zu flüchten. Erst nach anderthalb Jahren, nachdem die Ordnung in der Stadt wieder hergestellt war, und Fettmilch nebst sechs anderen ein blutiges Strafgericht ereilt hatte, war ihnen die Rückehr beschieden, die zur Sühne des verletzten Rechtes in die feierlichsten Formen gekleidet wurde. Die vor der Sradt versammelte Judenschaft wurde in Reihen zu sechs Personen, von kurmainzischem und hessischem Militär geleitet, über die Zeil wieder in ihre Gasse geführt, in der ein Trompeter so lange munter blasend umherritt, bis jeder wieder sein Haus bezogen hatte. Die Teller wurden in früheren Zeiten von den Israeliten dazu benutzt, um sich auf ihnen an der Wiederkehr des Tages der Errettung gegenseitig kleine Aufmerksamkeiten wie Uebersendung süsser Früchte, Backwerk u s. w. zu erweisen. Die Teller hiessen _Fettmilcher Purimteller." Gebort Spinoza zum Judentum? (Schluss.) Bei dieser Gelegenheit muss eine Bemerkung des Herrn Prof. Ehr mann, obzwar er sie bloss eingeschoben, um einen momentanen rhetorischen Erlolg seitens seines in der Geschichte und der Religion des Judentums gründlich — ununterrichteten Publikums zu erzielen, mit aller Schärfe zurückgewiesen werden. Er ruft mit wenig geschmackvoller Emphase aus: „Spinoza hatte, trotzdem er kein Aesthetiker war (!), doch Geschmack genug, sich in keinem seiner Werke — ungleich manchem seiner Epigonen - den Christen als Christ aufzudrängen." — Das sieht ja einer — wie soll ich sie nennen — verteufelt ähnlich. Wer sind diese Epigonen, die sich den Christen als Christen aufdrängen? Es können doch wohl nur jüdische Gelehrte sein, da sie als Epigonen Spinozas bezeichnet werden. Warum nennt er die Jämmerlichen nicht beim Namen? Warum stellt er sie nicht an den Pranger, diese schmachvollen Gelehrten, die sich den Christen als Christen autdrängen?! Warum? Warum? . . . . Nun ich wette tausend e^gen eins, lebte Spinoza heute, ohne noch jenen Weltruhm, in welchem sich unsere heutigen Juden aller Schattierungen sogar sonnen, noch erlangt zu haben, und schriebe er jene eben zitierten Sätze so frank und frei heute nieder, Herr Prof. Ehrmann würde, wenn auch nicht ihm ins Gesicht, so doch im Rücken, von ihm sagen: „Er drängt sich als Christ den Christen auf!" Was nun Spinozas Ansicht über das Judentum talter und neuerer Zeit und seine Stellung zu demselben betrifft, die ja schon nach dem bisher Gezeigten klar geworden, so mag er sich darüber selber äussern. Tm h;o\ og-polit Trakt. Cap. III sagt er u. A.: „In Bezug auf die Erkenntnis ist es ausgemacht, wie . schon im vorigen Kapitel gezeigt, dass die Hebräer von Gott „und Natur sehr gewöhnliche Begriffe hatten; daher können sie nicht bezüglich ihrer höheren Erkenntnis von Gott auserwählt „gewesen sein. Aber auch ebensowenig wegen ihres tugendhaften und bessern Lebenswandels; denn auch hierin standen „sie mit anderen Völkern auf gleicher Stufe und nur einzelne .Personen waren auserwählt. Ihre Auserwählung und Berufung , bestand also nur in dem zeitlichen Glück und den Vorteilen r ihres Staatswesens. Wir finden auch nirgends, dass Gott den , Erzvätern oder ihren Nachfolgern etwas anderes als dies verbissen hätte; ein Gegenteil wird im Gesetz nichts anderes .für den Gehorsam verheissen, als andauerndes Glück des r Staates und andere Annehmlichkeiten des Lebens, wogegen „ihnen für Ungehorsam und Bundesbruch der Untergang des „Reiches und schwere Leiden in Aussicht gestellt werden. Wir „dürfen also den Schluss ziehen, dass die Gabe der Prophetie „kein besonderer Vorzug der Juden gewesen, sondern bei allen ,.Völkern vorgekommen ist. Die Pharisäer freilich versichern , im Gegenteil sehr eifrig, diese göttliche Gabe sei ihrem Volke „allein eigentümlich gewesen, andere Völker hätten die Zukunft ..vermöge irgend einer, ich weiss nicht welcher teuflischen Kraft „ vorhergesagt......." Und am Schluss dieses Kapitels: „Heutzutage haben daher die Juden nichts voraus, was , sie sich andern Völkern gegenüber zuschreiben könnten. Was „aber den Umstand betrifft, dass sie trotz jahrelanger Zer- , Streuung und ohne eigenen Staat sich erhalten haben, so kann „man sich nicht wundern, wenn man bedenkt, dass sie sich „von allen Völkern in einer Weise absonderten, die ihnen „den Hass aller Völker zuziehen musste; und zwar bestand „diese Absonderung nicht bloss in äusserlichen Bräuchen, „welche denen anderer Völker schnurstracks entgegen sind, „sondern auch im Zeichen der Beschneidung, die „sie gewissenhaft beobachten. Dass der Hass der Völker es ist, , der sie vorzugsweise erhält, das hat die Erfahrung gelehrt. Als „der König von Spanien meist gegen die Juden mit Zwang vor- , ging und ihnen die Wahl liess, entweder die Staatsreligion , anzunehmen oder in die Verbannung zu gehen, nahmen sehr „viele Juden die Religion der Päpste an." Im fünften Kapitel desselben Traktats: ,.Die Pharisäer freilich hielten auch nach dem Untergang „des Staates diese religiösen Gebräuche oder doch einen ..grossen Teil derselben aufrecht; sie taten aber das mehr aus „Gegnerschaft gegen das Christentum, als um Gott zu „gefallen. ... Es ist daher kein Zweifel, dass die Juden nach „Auflösung ihres staatlichen Gemeinwesens an das mosaische „Gesetz ebensowenig gebunden waren, als vor der Errichtung „ihres Staates." Hier noch ein Wort über Spinozas Stellung zum Rabbinismus. Er spricht (Kap. V) von dem Vorzug der im alten und neuen Testament enthaltenen Erzählungen, der lediglich in den heilsamen Lehren beruhe, die aus ihnen folgen, und sagt dann: „Wer von jenen Geschichten garnich's weiss und dennoch ,.die heilsamen Lehren kennt und die rechte Lebensweise führt, , ist, wie schon bemerkt, unbedingt selig und hat in Wahrheit „Christi Geist in sich. — Die Juden haben freilich eine .andere Meinung. Sie behaupten, der wahre Glaube und die „wahre Lebensweise helfen zur Seligkeit nichts, solange sie die , Menschen nur aus der natürlichen Vernunft schöpfen, nicht „aber als Lehren, die dem Moses prophetisch geoffenbart , wurden, anerkennen. Dies wagt Maimonides offen zu .versichern, indem er im Abschnitt über Könige (Kap. 8, „Gesetz 11) schreibt: Jeder, der die sieben Gebote annimmt, „und sie gewissenhaft beobachtet, gehört zu den frommen der „heidnischen Völker und ist ein Erbe der zukünftigen Welt; „nämlich, wenn er sie deswegen annimmt und befolgt, weil sie rGott im Gesetz vorgeschrieben und uns durch Moses geoffen- ,bait hat, dass sie einst den Söhnen Noahs vorgeschrieben „wurden. Wer sie aber nur befolgt, weil ihn seine „Vernunft dazu bewogen hat, ist kein Eingesessener "und gehört nicht zu den Frommen und Weisen der heidnischen '„Völker.' Das sind die eigenen Worte des Maimonides, denen Rabbi Josef, Sohn des Schein Tob, in seinen „Kebod Elohim" oder „Herrlichkeit Gottes" betitelten Buche beifügt: »Obwohl Aristoteles (der nach des Verfassers Meinung die beste Ethik geschrieben hat, unp den er über alle Philosophen stellt) nichts übergangen hat, was die wahre Ethik betrifft und was auch in