Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- X (1908)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1908)
- Date
- 1908-01-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NEUS WaOML-ZEiCUNG JUDläCRPOUCISCRg WOCRSNSCRRIFC QrS.R.LNNOiSU!! X. JAHRGANG. WIEN, 10. JÄNNER 1908. Nr. 2. Die Zukunft des 3üdi$d)en Klubs. Die Pforten des Parlaments sind geschlossen. Die Delegationen beginnen ihre Beratungen und bis Mitte März werden die Volksvertreter der Monarchie nicht in die Lage kommen, ihre Repräsentationsrechte auszuüben. Bis dahin wird es jedoch ihre Pflicht sein, mit ihren Wählern in persönlichen Kontakt zu treten, deren Wünsche und Beschwerden anzuhören und so neben neuem Stoff für ihre Betätigung auch neues Vertrauen für ihr Mandat zu gewinnen. Auch das jüdische Volk hat Wünsche, Klagen und Beschwerden. Dafür hat es bisher im Parlamente keine emptänglichen Ohren und keine beredten Zungen gegeben. Alle Völker Oesterreichs, von den Deutschen bis zu den Slowenen und Kroaten, haben von der parlamentarischen Tribüne ihre Wünsche zu Forderungen, ihre Beschwerden zu Anklagen formuliert. Und diese Forderungen wurden gehört, die Anklagen gefürchtet. Langsam, aber sicher und stetig haben die Nationalitäten ihr nationales Inventar bereichert, ihre nationale Kultur vertieft, ihren Besitzstand erweitert. Die Slowenen, die vor dem Regime Taatlfe als Nationalität noch gar nicht existierten, schicken sich schon an, den als Reserve frei behaltenen Minister-Fauteuil zu besetzen. Aber das alte jüdische Volk blieb dem österreichischen Parlamente unbekannt. Nur sein Gespenst war sichtbar, als es von der einen Seite beschimpft und von der anderen Seite verteidigt wurde. Und das jüdische Volk musste zusehen, wie in diesem Parlamente, wo alle Völker den Hebel für ihre Machtentfaltung ansetzten, gerade ihm das Grab geschaufelt wurde. Hier wurde das Gesetz über die Sonntagsruhe geschaffen, das den jüdischen Kleinhandel ruinierte, eine Gewerbereform wurde beschlossen, die wie ein Damoklesschwert über dem Haupte der galizischen Juden schwebt; von hier ertönte am lautesten der Schlachtruf der antisemitischen Partei, bis sie es zu einer Stütze der Regierungs-Majorität brachte. So hatten die Juden durch vierzig Jahre vom Parlamente gar nichts. Wenige Leute, die ohne ihr Zutun zur „mosaischen Konfession" gehörten, durlten bei atmen, sich tief verbeugen, Ministerhände drücken, wenn sie ihnen gereicht wurden, und sonst auch sachliche Reden halten. Manche brachten es zu Ansehen, aber nur dadurch, dass sie sich hemdnationalen Parteien anschlössen. Je mehr einer sein Judentum verschwieg, desto höher war seine „Position". Die lezten Reichsratswahlen haben die Verhältnisse geändert. Das Pailament bekam durch den „Jüdischen Klub" einen neuen Einschlag, das jüdische Volk seine offizielle Vertretung. Nach der mehr als sechsmonatliehen Tätigkeit des Parlaments drängt sich die Frage auf: Hat der „Jüdische Klub" die in ihn gesetzten grossen, vielleicht übergrossen Erwartungen auch gerechtfertigt? Hat er seine Aufgabe, eine Zufluchtslatte des bedrückten Volkes, einen Hort der nationalen Bestrebungen, ein Sprachrohr der jüdischen öffentlichen Meinung zu bilden, erfüllt? Kann das jüdische Volk mit Beruhigung der Zukunft entgegensehen, wenn sein Schicksal in den Händen des ,Jüdischen Klub" ruht? Diese Fragen drängen sich auf. Und doch sind sie noch zu voreilig. Ueber die Tätigkeit des .Jüdischen Klubs" lässt sich bisher noch kein abgschlossenes Urteil fällen. Dass es den Herren an gutem Willen und Opterwilligkeit nicht fehlt, daran zweifelt Niemand. Es fehlt ihnen aber an parlamentarischer Routine, an Entschiedenheit und an Initiative. Reden, und selbst die schönsten, Interpellationen, wenn auch die aktuellsten, sind noch keine Handlungen. Das Parlament ist aber eine politische Schaubühne. Hier ist A kt iou notwendig, Kampf, Betätigung. Die abgeklärte, staatsmännische Weisheit ist das Privilegium der Ministerbank. Wenn man uns aberfragt, was wir unter „Aktion* verstehen, so haben wir bloss auf die sozialdemokratische Partei zu verweisen. Sie hat das richtige Mittel zur Betätigung ergriffen: Dringlichkeits-Anträge! Es war zuerst der Dringlif hkeits-Antrag wegen der Soldaten-Misshandlungen und dann wegen der Lebensmittelteueiung.