Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 53 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 53 >Neue National-Zeftung« Seite 11 gGUiLLECSN Dr. MAREK SCHERL AG. Der neuestelSpinoza-Roman. Spinozas Gestalt und das Milieu seiner Zeit, haben von jeher die Dichter angezogen. Ich erinnere nur an Auerbach, Gutzkow und Zangwill. — Otto Hauser richtete sein Augenmerk vor allem auf den Menschen Spinoza. Er ist vorwiegend Charakterschilderer und Bildner. Ihn kümmert nicht, wie den redseligen Berthold Auerbach, Spinozas Lehre. Wer sie kennen lernen will, möge zu dessen Werken greifen! Hauser interessiert nur das Leben Spinozas. Und auch das eigentlich nicht, vielmehr der Mensch Spinoza in seiner Entwicklung und Umgebung. Er geht den Weg der Seele bis an die Quelle des hehren Lichts, das in Spinozas Geist brannte. Die Quelle — das ist das große Leiden. Daraus erwächst das überragende, heiter strahlende Denken Spinozas und seine Lebensweisheit. Der intime, tiefe Reiz aus den Bildern unseres Altmeisters Josef Israels ist über dieses Menschenschicksal eines Großen gebreitet, der nie aufgehört hat, jüdisch zu fühlen, obschon er oft anders dachte ... Nicht mindere Bedeutung mißt Hauser dem schatten- und farbenreichen Milieu bei, darin Spinozas Ausbildung zum entsagungsvollen Weisen und wahrhaft edlen Lebensbejaher vor sich ging. In greifbarer Realität und Rundung steht Spinoza vor uns, als hätte ihn sein Zeitgenosse Rembrandt gemalt. Und wie durch feingeschliffenes Kristall blicken wir in die geheimsten Fächer und Falten seines Herzens ... Es war ein weiches, törichtes Herz in der Jugend. Voll verhaltener Wünsche und unstillbarer Sehnsucht. Und war wie eine Opferflamme .. . Im Grunde eine sanfte, anschmiegsame Natur, bewunderte Spinoza alles, was ihm nicht gegeben war. Da er sich häßlich und schwach wußte, sehnte er sich nach Schönheit und Stärke. Daraus floß die kindliche Bewunderung, die er für zwei seiner Schulgenossen, Benjamin Morteira und Manasse ben Sina hegte. In die Bewunderung für Benjamin mit dem dunkelbraunen Haar war freilich auch zur Liebe gesteigerte Freundschaft gemischt. Aber die Freunde verließen und verrieten ihn. Zu diesem Schmerze gesellte sich bald ein anderer: seine Braut Miriam, „die gold'ne Lilie", liebte den schönen Benjamin und nahm den starken rothaarigen Manasse. Dann mußte Spinoza erleben, wie sein eigenes Volk in fanatischem, geschichtlich begründetem Uebereifer gegen ihn wetterte und ihn ausstieß. Jetzt beginnt er zu einer fast symbolischen Gestalt zu wachsen. Rings stürmt und brandet es, Ebbe und Flut, Glück und Unglück wechseln rasch ab — wie ein Fels ragt er aus dem Meer hervor, von tiefen Wellen nur leise bespült... In seiner Einsamkeit wurde er durch beide verlorene Freunde gestört. Benjamin kam zu ihm, von Reue zerfressen, um Abschied zu nehmen, ehe er in die Welt hinauszog, ein schwärmender Wanderer ohne Heim und ohne Rast, wie Ahasver... Manasse suchte bei ihm Zuflucht für eine Nacht, nachdem er seine Frau, die liebreizende, falsche Miriam ermordet hatte. „Fürwahr ein trauriges Ende so vieler Schönheit, so trotziger Kraft" ... Und Spinoza greift nach der Bibel und liest „Kohelet". Darin liegt die Grundstimmung des Ganzen: Die schwer erkämpfte Erkenntnis der Eitelkeit jener irdischen Güter, nach denen das Trachten der Menschen geht, adelt Spinozas Seele. Indem er die Eitelkeit der Welt überwunden, fand er den Frieden „im Gedanken der Einheit alles Seins". Sub specia aeternitatis betrachtete er von nun an alle Erscheinungen des Lebens und schliff seine Gedanken, wie er seine Gläser schliff. Sein Leben war die Betätigung seiner klaren, edlen Gedanken. Und reich, überreich war sein Gewinn trotz, oder vielleicht wegen seiner freiwilligen Armut. Was hatten die andern erreicht? Auch seinen christlichen Freunden hatte das Leben arg mitgespielt: der eine, ein Freigeist, fiel dem Fanatismus des kirchlichen Ketzergerichtes zum Opfer, der andere, ein Politiker, kein Geringerer als Jean de Witt, wurde vom Pöbel massakriert. Noch einmal schäumte es in Spinoza auf — dann verebbte der Schmerz. Und höher wuchs seine Erkenntnis und sein Glaube. Er glaubte an sich. Ein Erlöser wollte er sein aus der Nacht des Aberglaubens, der Kultusformern und des Religionshasses — und war es, wenn auch anfangs nur für sich und seine Jünger. — Wie um eine Sonne gruppieren sich um ihn viele leuchtende Gestalten, Christen zumeist, alle mit vollster Deutlichkeit erschaut und vorgeführt. Verzeichnet scheinen mir nur Miriam und Manasse. Schuld daran dürfte wohl das Bestreben des Dichters gewesen sein, eine romanhafte, spannende Fabel zu geben, die aber über die erste Hälfte des Romanes kaum hinausreicht. Ist vielleicht auch nicht nötig. Die Konzentration wird durch die Mannigfaltigkeit wohldurchdachter Einzelgebilde und Szenen reichlich ersetzt. — Die Geschehnisse heben sich wunderbar scharf von einem meisterhaft gezeichneten historischen Hintergrund ab. Mit erstaunlicher Sicherheit ist das Zeitkolorit getroffen. Schon die Art, wie die Erzählung einsetzt, schlägt uns in den Bann einer seltsam gestalteten Zeit. Wie kunstvoll ist hier Menschenschicksal mit überirdischen Erscheinungen verwoben! Eine tiefe Sommernacht steigt vor dem geistigen Auge auf, geheimnisvoll und dunkel; in unheimlich nahegerückter Ferne zuckt es wetterleuchtend ... Sage und Geschichte ranken sich um die Einzelgeschicke — ungeahnte Zusammenhänge blitzen auf — die Blicke weiten sich — irgendwo weit gleiten rote und weiße Schifte über die Meere ... Sind nicht auch schwarze darunter? Mit gleicher Feinheit ist das Lokalkolorit getroffen. Aus der düsteren Studierstube und der dämmerigen, von tropfenden Kerzen erleuchteten Synagoge, ringt sich Spinoza ins Freie durch, wo rote Tulpen im Garten blühen, wie Flammen der Liebe und weiter ins helle Land, wo dralle Bauernmädchen daherkommend, unbewußt seine Sehnsucht zu stürmendem Begehren aufstacheln, bis er, der lungensüchtige, blasse, hagere Jüngling sich in einem Blutsturz von der heißen Last der Wohllust befreit.. . Und nachdem er ruhig geworden, wandert er weiter. „Alles blitzte von kristallhellem Licht____" Ich könnte Beispiele sonder Zahl herausgreifen, um zu erweisen, daß Hausers Naturbeeselung ebenso originell, wie subtil ist und eine tiefe lyrische Begabung offenbart. Aus demselben Quell sprudelt die sanfte Glut der Visionen, mit denen Hauser den episch breiten Fluß der Erzählung ab und zu unterbricht. Besonders hervorzuheben ist die Art, wie er Spinoza die Trauung Manasses mit Miriam in der Phantasie erschauen und durchleben läßt. Einige charakteristische Züge — und ein Bild steht vor uns. Ein Bild, wie es sich in der Seele der Personen spiegelt, nicht anders, als der Mond in dem zitternden Bach. . . . Das ist verinnerlichte Kunst. Aber auch dort, wo Hauser rein epische Wirkungen erzielen will, lebt alles: das Purimfest, die Aufführung des lateinischen Spiels und anderes. Man kann dem Dichter wegen des leichten üeberwucheras der Episoden nicht gram sein,