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Neue Nationalzeitung · 1907-12-13 · Heft 53 (13.12.1907) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 53 (13.12.1907)
Date
1907-12-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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N£U£ NftCiONftL-ZEiCüNG JÜDläCRPOUCiSCRg ££Rtöy§G5B5R! DfS.R.LANDflU:: IX. JAHRGANG. WIEN, 13. DEZEMBER 1907. No. 53. Aus dem Reiche der „mittleren Linie". Ks ist seit einiger Zeit Gepflogenheit der österreichischen Premiers, in ihren Antrittsreden ein neues AVort als Leitfaden ihrer Politik zu prägen. Graf Kasimir Badeni sah, als er ohne Kenntnis der parlamentarischen Verhältnisse auf die Stelle des höchsten Staatsbeamten berufen wurde, nur die Steine des Anstoßes. Die wollte er beseitigen. Er war aber zu ohnmächtig. Er hat die nationale Widerstandskraft der Deutschen in Oesterreich unterschätzt, und mußte infolge seiner politischen Kurzsichtigkeit vom Schauplatze verschwinden. Ministerpräsident Freiherr von Beck, hat sich eine viel leichtere Aufgabe gestellt. Er verkündet nicht mehr ein so hochtrabendes Programm, er will nicht die Nationalitäten versöhnen, historisches Unrecht gutmachen; er will bloß zwischen den Parteien stehen bleiben und die Staatsnotwendigkeiten erledigen, getreu dem alten Spruch: „Niemandem zur Freud', niemandem zu Leid'----14 Diese Politik nannte Baron Beck in seiner Antrittsrede die „Politik der mittleren Linie." Ein Wort, das eigentlich nicht einmal neu ist. Die Verdeutschung des französischen „juste milieu.. Wie hat nun Baron Beck dieses Schlagwort in die Tat umgesetzt? Er hat sich vorerst im Namen der „mittleren Linie" den Antisemiten genähert; er hat ein Wahlrecht für den niederösterreichischen Landtag der kaiserlichen Sanktion unterbreitet, wodurch die Stadt Wien und speziell die zwei ersten Bezirke ganz den Antisemiten ausgeliefert wurden. Baron Beck war der erste Ministerpräsident in Oesterreich, der Antisemiten Ministerstellen eingeräumt hat — alles im Namen der „mittleren Linie" .... Als jüngst die antisemitische Partei den höchsten politischen Erfolg errungen hatte, indem sie zwei Minister ins Kabinett entsenden durfte, da wurde die Oeffentlich- ' keit damit beschwichtigt, das die christlichsoziale Partei eigentlich gar nicht mehr antisemitisch sei und daß sie die antisemitische Leiter, auf der sie za ihren politischen Erfolgen emporstieg, nunmehr in die . Rumpelkammer werfen wolle. Naive Gemüter, an denen es ja auch im jüdischen Lager nicht fehlt, verwiesen schmunzelnd darauf, daß Doktor Lueger selbst „eigentlich" gar kein Antisemit sei. Der jüngste Katholikentag und die darauffolgende mehrtägige Parlamentsdebatte haben wohl selbst dem dümmsten Juden die Augen geöffnet. Es zeigte sich da, daß der ganze Kulturkampf in Oesterreich auf dem Rücken der Juden ausgetragen wird und daß die Judenhetze noch immer das beste Mittel ist,« um große Volksmassen zum Kampfe gegen Freiheit oder Wissenschaft zu mobilisieren. Seit langen Jahren hat man nicht mehr so scharfe antisemitische Akzente gehört und seit jener Aera, da noch Georg Ritter von Schönerer an der Spitze der antisemitischen Bewegung in Oesterreich stand, wurde von niemandem mit einem derartigen Zynismus der Kampf gegen die jüdische Rasse proklamiert, wie es während der letzten Parlamentsdebatte geschehen ist. Die Rolle Schneiders, den das allgemeine Wahlrecht über den Bord der öffentlichen Meinung geworfen hat, hat der Chef der Partei nun selbst übernommen: Doktor Lueger. Anläßlich des Antrages über die Freiheit der Universitäten fand es der Bürgermeister der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien für angemessen, im Parlamente das Märchen vom Ritualmord aufzufrischen und höhnend dem Professor Masaryk, dem er in Bezug auf Wissen und politischem Charakter nicht einmal das Wasser zu reichen vermag, zuzurufen, "er möge nur nach der Unschuld Hilsners fortforschen, er werde vielleicht auch das Blut des unschuldigen Opfers finden. Dieser Mann, der, man weiß nicht, ob aas verbrecherischem Leichtsinn oder aus seniler Beschränktheit, derartige Verleumdungen in die Massen wirft, ist ein intimer Bundesgenosse des Herrn Ministerpräsidenten. Wo bleibt denn hier noch die „mittlere Linie"? . . . Das ist schon eine sehr abschüssige Bahn, auf der das ganze Kabinett in den unersättlichen Rachen des brutalen Antisemitismus gerät. Es ist wohl zu erwarten, daß das

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