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Neue Nationalzeitung · 1907-11-29 · Heft 51 (29.11.1907) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 51 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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iOS/L-CEiCUS'G ^JÜÖISCRWUCISCRB MOCRENSCRRIFC rsrausöbbbr: ors.R.LNNöNü:: IX. JAHRGANG. WIEN, 29. NOVEMBER 1907. No. 51. Das Selbstuertrauen. Es gibt kaum ein Fest, welches zu allgemeinen Betrachtungen über die Lage des jüdischen Volkes so anregt, wie die Chanukafeier. Sie erinnert uns an eine Zeit des größten Verfalles und der ärgsten Demütigungen. Wir waren um unsere staatliche Selbständigkeit gekommen und ein übermütiger Tyrann wollte unserem Volke auch seinen. Glauben nehmen. Das Volk, das den Begriff des einzigen unsichtbaren Gottes geschahen, sollte einem sichtbaren Götzen opfern; unsere ganze nationale Kultur sollte mit Hilfe von Renegaten erdrosselt werden. Da fanden sich einige beherzte Männer in Juda, die einen ehrenvollen Tod für ihr Volkstum und seinen Glauben einem Leben voll Schmach und Erniedrigung vorgezogen haben. Inmitten der allgemeinen Verzweiflung und Apathie ergriffen sie das Banner des Aufruhrs gegen den weitaus mächtigeren Feind und ihr waghalsiger Mut riß alle die Zaghaften, Kleinlichen und Aengstlichen mit sich. Eine der ruhmvollsten Perioden der jüdischen Geschichte spielte sich ab. So war es vor zweitausend Jahren. Das jüdische Volk hatte in seiner Mitte Märtyrer, die mit nackten Händen wider den überlegenen Feind zogen, die ein Leben voll Trug und Heuchelei, als Sklaven auf ihrem heimatlichen Boden und als Anbeter fremder Altäre voll Ekel von sich werfen wollten, trotz aller Versprechungen und Verlockungen. In diesem Martyrium lag die Kraft des jüdischen Volkes damals. Und auch später. In Strömen von Blut und im Eauche der Scheiterhaufen wurde der Leib des jüdischen Volkes zerstampft und zerfetzt und doch rückten immer neue Generationen heran, bereit, wenn es notwendig wäre, den Schlachtruf ertönen zu lassen und auf die Mauern des Ghettos zu eilen, um das Judentum zu verteidigen und wenn es notwendig wäre, für dasselbe auch zu sterben. Nicht nur, weil jeder Jude in sich den Märtyrer personifizierte, sondern weil das vergossene Blut der Märtyrer einen starken Kitt zwischen ihnen bildete und weil sie vom tiefen Glauben durchdrungen waren, daß auch ihr Opfer nicht vergeblich sein werde, wie das der Hasmonäer. Das Chanukalämpchen ward ihnen hiefür zum Symbol. Dieses Martyrium, diese Opferwilligkeit ist den Juden heute abhanden gekommen. Darin besteht die große Tragödie des jüdischen Volkes. Für den Schein der Gleichberechtigung hat es seine nationalen Ideale verleugnet, und der Glaube der Väter ist vielen seiner Söhne zum Gegenstand des Schachers geworden. Zersprengt und zerfallen ist es in allerlei Lager und Parteien, keine Gefahr und kein Unglück vermag sie alle zu einigen. Die kapitalistische Entwicklung hat innerhalb der Judenschaft ganz neue Gegensätze geschaffen; sie hat der jüdischen Gesellschaft ein ganz neues Gepräge verliehen. Die Bedeutung des Wissens und der Gelehrsamkeit trat in den Hintergrund; der skrupellose Kapitalismus arrogierte sich alle Rechte. Er riß an sich die Führung der Gemeinden, er beeinflußte die Rabbiner, er korrumpierte die jüdische Presse, als sie kaum entstand. Und die Armen haben diese Führer der Gemeinden mit hingeworfenen Almosen unterstützt, um sie als Bettler in ihrer Hörigkeit zu erhalten. Was war ihnen das jüdische Volk, was war ihnen selbst die israelitische Konfession? Ein Mittel zu sozialem Ansehen, zur Herrschaft, zur Befriedigung persönlicher Eitelkeit. An den Wänden des Sitzungssaales der Wiener Kultusgemeinde sieht man noch ihr Konterfei, während ihre Enkel bereits der katholischen Kirche angehören. Wars da ein Wunder, daß die Feinde unseres Volkes das Judentum mit dem Großkapitalismus identifizierten? Die christlichen Streber wollten blos auf Kosten des jüdischen Volkes billige Lorbeeren einheimsen, wie es bereits die jüdischen Streber getan haben. Es entstand ein Kampf zwischen dem jüdischen Großkapital, das mit seinem Gelde oder durch seine Presse den Antisemitismus „bekämpfte" und der katholischen Kirche, die durch den

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