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Neue Nationalzeitung · 1907-11-15 · Heft 49 (15.11.1907) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 49 (15.11.1907)
Date
1907-11-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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N2U5 MCiONAL-ZEiOJNG ^i^RNüsegBE«: ürs.R.LNNöNu;; IX. JAHRGANG. WIEN, 15. NOVEMBER 1907. No. 49. Cin Antisemit als k. k. minister. Als Großherzog Friedrich von Baden unlängst starb, da wußten wir ihm nachzurühmen, daß er der «rste deutsche Fürst war, der einen Juden zum Minister ernannte. Heute sind wir jedoch in der Lage, einen Vorzug Oesterreichs herauszustreichen: Kaiser Franz Josef ist der erste Monarch, der einen Antisemiten zum Minister ernennt. Wir sind überzeugt, daß dem Kaiser dieser Entschluß nicht leicht gefallen ist. Wir erinnern bloß an die Ernennung Dr. Luegers zum Bürgermeister von Wien, gegen die sich der Kaiser so lange gewehrt hat, wie er nur konnte. Aber seitdem haben sich die Verhältnisse geändert. Die Ernennung Dr. Luegers bildete bloß den Anfang; das Eis war gebrochen. Die Führer der antisemitischen Parteien erklommen ein Ehrenamt nach dem andern; mit gierigen Händen verteilten sie unter sich die Beute und ehemalige Greißler kumulierten mehrfache Aemter, um jährlich ein kleines Vermögen an Diäten einzuheimsen. Der Antisemit Prinz Liechtenstein wurde niederösterreichischer Landmarschall, der Antisemit Dr. Weißkirchner übernahm das Präsidium des Parlaments und nun drängte es die Partei, auch im Kronrat einige Sitze zu erobern. Der Ausgleich mit Ungarn steht vor der Tür und sie, die das Wort von den „Judäo-Magyaren" geprägt haben, stellten die Regierung vor die Alternative: entweder Ministerportefeuilles oder kein Ausgleich. Der streng konstitutionelle Sinn des Kaisers, der auf die parlamentarischen Machtverhältnisse stets Rücksicht nimmt, die Staatsnotwendigkeiten, als welche die Ausgleichsfragen angesehen werden mußten, ließen dem Kaiser keinen anderen Ausweg. So wurde Dr. Geßmann Minister; er, der Führerund Organisator der antisemitischen Partei in Oesterreich, der Freund des Mechanikus Schneider, ein Mann, der seine antisemitische Gesinnung im Parlament und in den Wiener Wirtshäusern stets offen, unverblümt und brutal zum Ausdruck gebracht hat. Er ist der Verfasser des Wahlaufrufes der antisemitischen Partei anläßlich der Reichsratswahlen im Jahre 1897, der mit den Worten beginnt: „Die christlichsoziale Partei verlangt die Beseitigung des Druckes des herrschenden großkapitalistischen Wirtschaftssystems, dessen Hauptträger das Judentum ist." Und der Mann, der auf einer Stufe steht mit Drumont, Ahlwardt und Graf Pückler, der bewußt, der bloßen Judenhetze wegen, die Wahrheit ins Gesicht schlägt und das ganze jüdische Volk, die jüdischen Proletariermassen mit einigen Börsejobbern identifiziert, ist jetzt k. k. österreichischer Minister. Fürwahr, Oesterreich allen voran! Wir wollen für heute bloß die Tatsache der Ernennung eines Vertreters des antisemitischen Programms zum Minister näher beleuchten. Wir erwarten davon keinen Rückschlag auf das öffentliche Leben der Juden in Oesterreich und spezieli in Wien. Dazu sind die Juden noch immer zu indolent. Sie werden sich nach wie vor an die Rockschösse der ,. Deutschfortschrittlichen a klammern, trotzdem diese im „Z Wölf er- Ausschußu mit allen deutschen Antisemiten zusammen sitzen. Die Juden werden sich vielleicht erst dann rühren, wenn Minister Dr. Geßmann daran gehen sollte, das Verlangen seines Busenfreundes Schneider nach Konfiskation der jüdischen Güter in nähere Erwägung zu ziehen. Das aber halten die Herren noch immer für unmöglich. Und darum werden sie weiter ruhig schlafen.

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