Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 47 (1.11.1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „Neue National-Zeitung" Nr. 47 »Hm!« dachte Abraham. »Das ist eine feine Bescherung!« Er ging auf den Gang hinaus und durchsuchte ihn in seiner ganzen Länge, aber nirgends fand er ein Zeichen vom Chasen. Er fragte im Bureau nach und erkundigte sich bei den Hotelpagen, aber sie hatten ihn nicht gesehen. »Der Narr!« murmelte er. »Wahrscheinlich ist er spazieren gegangen und wird gewiss verloren gehen.« Er schritt ungeduldig im Korridor auf und ab, bis ein plötzlicher Gedanke ihm den Schweiss auf die Stirne trieb. »Schulemann! Kann sein, er folgte uns! Kann sein, er kam und stahl ihn!« Ueberwältigt von dem Schrecken dieses Verdachtes, sank Abraham erschöpft auf ein Sopha, jedoch nur, um im nächsten Augenblick wieder auf seine Füsse zu springen. »Ich darf keine Minute verlieren. Ich muss es Herrn Linkovitz sagen « Er eilte stadtabwärts, ein trübselig gequälter und verzweifelnder junger Mann. Visionen von Herrn Linkovitz Wut, wenn er hörte, dass der Chasen verschwunden sei, sandten kalte Schauer seinen Rücken hinab. Und Leah ... Die anderen Passagiere hätten gerne gewusst, ob der junge Mann plötzlich seinen Verstand verloren habe. Einmal aus der Tramway heraus, rannte er mit voller Geschwindigkeit durch das Ghetto, nicht innehaltend, bis er das Haus erreicht hatte, wo Herr Linkovitz wohnte. Die Stufen hinauf, drei zu gleicher Zeit, krach, plumps! und —. »Leah! Schnell!« schrie er atemlos. »Dein Papa sagt, wir dürfen heiraten. Setz' Deinen Hut auf. Eil' Dich! Kann sein, er wird seinen Sinn ändern. Schnurstracks heiraten wir. Komm', süsses Herz!« Leahs Gesicht wurde rosenrot und ihre Augen funkelten. »Ist es wahr, Abey? Du bist so aufgeregt! Was ist denn los? Wie konntest Du ihn zum Einwilligen bewegen? Können wir nicht warten? Ich hab' kein Brautkleid.« »Oh, Leah,« rief Abraham atemlos, »kann sein, dass wir niemals wieder Gelegenheit finden. Wenn wir warten, wird er sicher seinen Sinn ändern. Aber heute ist er gut aufgelegt und er sagte, er wäre einverstanden. Glaube mir, Leah. Bei der Sefer Thora schwöre ich, dass er es sagte.« Leah blickte lange und ernsthaft in Abrahams Augen. »Natürlich glaube ich Dir, Abey. Wart' bis ich meinen Hut aufgesetzt habe,« sagte sie. IV. »Jetzt,« sagte Abraham Nassauer zu Frau Abraham Nassauer, »gehen wir zum lieben Papa und bitten ihn um hundertfünfzig Dollars für eine Hochzeitsreise zu den Niagara-Fällen.« Auf ihrem Wege zum Laden der Linkovitz-Geflügel-Company erzählte Abraham seiner jungen Frau genau, was sich an diesem Tage zugetragen hatte. Leah war erblasst. »Angenommen, Papa kann ihn nicht finden. Was wirst Du tun?« Abraham schaute düster drein. »Dann, glaube ich, bekommen wir nichts für eine Hochzeitsreise.« Aber im nächsten Moment hellte sich sein Gesicht auf. »Es ist alles in Ordnung, Leah. Hier kommen sie — Papa, der Chasen und das ganze Komitee. Ich möchte wissen, wo sie ihn gefunden haben!« Gerade jetzt wurde der Chasen Abrahams ansichtig. »Da ist er!« schrie er. »Da ist der Bauernfänger! Ich erwürge ihn!« Und er würde sich gewiss auf den jungen Ehemann geworfen haben, hätte ihn nicht Rosenstein zurückgehalten. »Hören Sie, Sie Lump!« begann Rosenstein. »Sie unverschämter, grüner —.« Aber Abraham erhob hochmütig seine Hand. »Seht!« machte er. »Das ist keine Art, vor einer Dame zu sprechen. Wenn Sie mir etwas in solcher Sprache zu sagen haben, dann warten Sie, bis ich meine Frau nach Hause gebracht habe. Dann will ich Ihnen zuhören.« Linkovitz wurde blass. »Seine Frau?« stiess er heiser hervor. »Sie hat die Ehre,« sagte Abraham, Leah mit einer Hand an sich ziehend und mit der anderen den Trauschein schwenkend. Und jetzt dämmerte es Herrn Salomon Wolkenschieber langsam auf, dass es noch mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gebe, alsseine Philosophie sich träumen Hess. Literatur. Dr. M. Rosenmann. Der Ursprung der Synagoge, eine historisch-kritische Studie. Wien 1907, bei Lövvit. 32 S. Dieses kleine Werk ist geräuschlos auf den Büchermarkt gebracht worden. Trotz der Kürze enthält dieses Schriftchen die wichtigsten Dispositionspunkte, die das gestellte Thema fordert, und was noch mehr ist — eine Lösung. Die Frage nach dem Ursprung der Synagoge findet eine Antwort. Mancher dürfte staunen, dass dieses Moment hervorgehoben wird, da ja schon manche Forscher die Frage beantwortet haben. Aber bisher war die Frage indiskret, da sie etwas zu fragen suchte, was man nicht beantworten wollte und die Antwort diskret, weil sie viel verschwieg, was man gerne erfahren hätte. Bei Rosenmann ist es umgekehrt. Seine Frage ist diskret, seine Antwort indiskret. Die Frage lautet: Wann, wo und wie -ist die Synagoge, die opferlose Kultstätte, entstanden? Die Antwort ist eine Hypothese,, die sich wohltuend durch präzise Beweisführung von anderen unterscheidet. Sie wird so sicher und ausreichend belegt und bewiesen, dass selbst ein skeptischer, jedoch unbefangener Leser dem Verfasser am Schlüsse wird beipflichten müssen. Die Quintessenz der Untersuchung besteht darin, dass die Synagoge, die opferlose Kultstätte, sich aus dem Beth hakeneseth entwickelt hat, das den Versammlungsort der Standmannschaften (Maamodoth) bildete. Diesen Zusammenhang aufgedeckt und bewiesen zu haben, ist die Arbeit Rosenmanns und macht ihren Wert aus,, ohne Rücksicht auf die Wichtigkeit und Tragweite der aufgeworfenen Frage selbst, die ja jeder sofort ermessen wird. Bedenkt man, dass Synagoge gleich opferloser Kultstätte gleich Gotteshaus in unserem Sinne ist, so ist nach der Beweisführung Rosenmanns das Judentum nicht nur die Mutter aller drei Religionen, sondern auch die Urheberin der Gotteshäuser und die Synagoge hat originell das Beispiel gegeben, das allenthalben nachgeahmt wurde. Dr. V. Kurrein. Schalom Ascri, der gegenwärtig wieder in Berlin weilt,, hat ein fünfaktiges Drama „Sabbatai Zewr' vollendet. Für den jüdischen Nationalfond. Von Em. Wessely in Wien, gesammelt anlässlich des Absterbens seiner Tochter 2 K 30 h. einblendet.