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Neue Nationalzeitung · 1907-11-01 · Heft 47 (1.11.1907) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 47 (1.11.1907)
Date
1907-11-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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^t9v*^^ia*^*-*i?rrBtaa'iTTOre-ff'-iffrTtiry «^.«»-.. Nr. 47 ,,Neue National-Zeitung" Seite 11 vg— EEUiLLECON BRUNO LESSING: Darf icb Ceab beiraten?*) Eine Humoreske aus dem New-Yorker Ghetto. (Schluss.) III. Salomon Wolkenschieber war sehr durstig gewordenes befand sich ein elektrischer Druckknopf im Zimmer, mit dessen Hilfe er leicht die grosse, amerikanische Institution, Eiswasser, hätte herbeizitieren können, aber elektrische Druckknöpfe und Salomon Wolkenschieber waren einander fremd. Zitternd und in grosser Angst trippelte er daher verstohlen aus seiner Stube und ging mehrere Stiegen auf der Suche nach einem Trunk hinunter. Unten angekommen, dämmerte ihm die ganze Hoffnungslosigkeit seines Dilemmas auf. Er konnte kein Wort englisch. Und wenn er auch zufällig jemanden fand, der russisch oder yiddisch verstand, würde er nicht verlangen, seinen Erlaubnisschein zu sehen? Er war schon wieder im Begriffe, hinaufzugehen — der uniformiere Aufzugswärter hätte ihn sicher um seinen Passierschein gefragt, das fühlte er — als ihm eine brillante Idee aufblitzte. Die Synagoge! Sie war nur ein paar Schritte weit, er konnte sie leicht finden, und sicher, der Rabbi oder der Schames oder irgend jemand würde ihn dort verstehen und ihm sagen, wie er einen Trunk Wasser bekommen könne. Verstohlen nach rechts und links blickend, schlich er sich heimlich, gepressten Herzens, aus dem Hotel und schlug die Richtung zum grossen Zentralbahnhof ein. Als er sich von der vorübergehenden Menge unbeachtet fand, wurde er nach und nach kühner und ging fester und höher aufgerichtet einher; dennoch fühlte er sich ausserordentlich erleichtert, als er die Station in Sicht bekam. Mit beschleunigten Schritten näher kommend, stürzte er geradewegs durch den Eingang und hielt dann plötzlich inne — tötlich verwirrt. Für jemanden, der noch niemals in einer Synagoge drinnen war, weiss ich keine bessere Art der Beschreibung als diese: sie ist einer Eisenbahnstation mehr unähnlich als alles andere in der Welt. Doch, dachte der Chasen, die Amerikaner sind ein exzentrisches Volk; wer weiss, was . . . Und jetzt gerade näherte sich ein uniformierter Bediensteter dem Zentrum der Halle, erhob seine Stimme zu feierlichem Gesänge und verkündete: »Southwestern Limited, auf dem Geleise Nummer drei. Albany erster Aufenthalt!« »Der Chasen!« murmelte Salomon mit einem Seufzer der Erleichterung und näherte sich freudigen Schrittes diesem Beamten. »Lieber Herr,« fragte er in yiddisch, »wo kann ich einen Trunk Wasser bekommen?« »Hääh?« fragte der Zugsausrufer. Des Chasen Kniee begannen zu zittern. »Ich habe noch keinen Erlaubnisschein,« stammelte er, »aber es ist schon ein junger Mann gegangen, mir einen zu versorgen. Ich gehe geradewegs auf mein Zimmer zurück, wenn Sie mir nur sagen, wo ich einen Trunk bekommen kann. Ich bin furchtbar durstig.« Der Bedienstete legte seine Hand auf die Schulter <ies Chasen und zeigte auf das Auskunftsbureau. *) Aus dem Englischen von Ida Pollak. »Geh'n Sie da hinüber, mein Sohn,« sagte erf »die da drinnen sprechen italienisch.« Mit einer dankbaren Verbeugung eilte der Chasen in das Auskunftsbureau. Und dort fand er zu seinem Entzücken einen Mann, der deutsch mit einer genügenden Durchsetzung yiddischer Ausdrücke sprach, um ihn zu verstehen. In Erwiderung der Frage des Chasens deutete er auf eine Wasserleitung. Der Chasen hätte ihn am liebsten umarmt. Als er seinen Durst gestillt hatte, kehrte er in das Auskunftsbureau zurück und fragte: »Ist der Rabbi heute da?« »Welcher Rabbi?« fragte der Beamte. »Der Rabbi dieser Synagoge. Sie haben doch sicher einen Rabbi, nicht?< Der Mann sah beängstigt drein. »Was wollen Sie eigentlich?«fragte er. »Suchen Sie eine Synagoge?« »Ist denn das keine Synagoge?« fragte der Chasen mit Erstaunen. »Der Herr, der um meinen Erlaubnisschein ging, sagte, es wäre eine. Aber kann sein, er irrte sich.« »Was für einen Erlaubnisschein?« Der Chasen sah sich vorsichtig um und flüsterte dann, sich vertrauensvoll vorbeugend: »Ich habe noch nicht meinen Erlaubnisschein, um auf die Strassen gehen zu dürfen, aber er wird ihn gleich bringen. Ich glaube, ich werde auf mein Zimmer zurückkehren.« »Warten Sie einen Moment,« sagte der Bedienstete. Und nach und nach brachte er aus dem unschuldigen Chasen die ganze Geschichte heraus. Dann grinste er. »Mein Freund,« sagte er, »ich fürchte, Sie sind einem Bauernfänger in die Hände gefallen.« »Was ist das, Bauernfänger?« fragte der Chasen. Der Dolmetsch erklärte und dann dämmerte ihm langsam der ganze, schreckliche Verdacht auf. Der junge Mann, den er beim Dampfer traf, hatte ihm nicht einmal seinen Namen genannt. Warum hatte er ihn in dieses Hotel gebracht? Wo war Herr Linkovitz, mit dem er korrespondiert hatte? Der Schweiss trat ihm auf die Stirne. »Sagen Sie mir,« flehte er den Dolmetsch an, »was soll ich tun?« Der Dolmetsch rief einen Polizeimann. »Hören Sie, Bill, hier ist einer, dem hat man sein Gepäck herausgelockt. Eine neue Spielart. Am besten ist, Sie nehmen ihn mit aufs Kommissariat und lassen ihn durch einen dieser russischen Juden verhören. Ich verstehe nicht alles, was er sagt.« Der Polizeimann winkte dem Chasen ihm zu folgen, und führte ihn schweigend zum Kommissariat, wo der Chasen mit Hilfe eines Dolmetsch die ganze Geschichte erzählte. »Das ist ein neues Spiel für mich,« sagte der Hauptmann. »Hier, Bill, Sie nehmen ihn mit hinunter in die Stadt und schauen, ob Sie diesen Menschen, den Linkovitz, ausfindig machen können. Dann kommen Sie zurück und wir wollen sehen, ob wir den Burschen, der ihn ins Hotel brachte, erwischen können.« Unterdessen hatte Abraham, nachdem der erste Schreck vorüber war, in den Schrank hineingeschaut und war auf Händen und Füssen unter das Bett gekrochen, immerwährend sanft rufend: »Chasen! Chasen!« wie man eine Katze rufen würde. Aber kein Chasen war da.

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