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Neue Nationalzeitung · 1907-08-30 · Heft 38 (30.8.1907) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 38 (30.8.1907)
Date
1907-08-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NGÜC MCiONAL-ZEiCüNG JÜDl^roUCISCRS WOCfiiNSCßRIFC DrS.R.LflNDAU:: IX. JAHRGANG. WIEN, 30. AUGUST 1907. No. 38. Professor Dr. M. Schioessinger (Cincinnati): Die Strömungen in der amerikanischen Judenschaft. In Amerika ist ohne Zweifel der Zionismus in aufsteigender Linie begriffen. Das beweist schon, rein äußerlich betrachtet, die Tatsache, das sich im abgelaufenen Jahre (1906/7) gegenüber dem vorangegangenen Jahre (1905/6) die Schekeleingänge und die Beiträge zum jüdischen Nationalfond verdoppelt haben und daß die Federation of American Zionists noch in keinem Jahre ein so großes Einkommen aufzuweisen hatte, wie in dem letzten. Sicherlich gebührt ein wesentlicher Teil des Verdienstes an diesem Aufschwung, den der Zionismus gerade im verflossenen Jahre in Amerika genommen, dem großen russischen Wanderprediger Dr. Scheinariah L e v i n, der durch die Tiefe seiner Persönlichkeit und den Reichtum seines Wissens auf die größeren Judenmassen wirkte und der eine intensivere Spannung der Gemüter erzeugte, als je zuvor ein Jude in der „neuen WelKt imstande war. Es gebührt an diesem Aufschwung auch ein Bruchteil dem unermüdlichen Eifer und der Schaffungskraft des Präsidenten, des Sekretärs und allen übrigen Beamten der Federation. Aber die tieferen Gründe für diese Wandlung der Gemüter liegen wo anders. Yor dem Zionismus war die R e f o rm des jüdischen Kultus die einzige jüdische Geistesbewegung auf dem Boden Amerikas gewesen. Diese jüdische „Reform" reduzierte bekanntlich das Judentum auf ein Minimum: auf einen zweistündigen Gottesdienst in einer Synagoge, deren Theologie und Lithurgie sich aller national- und mystischreligiöser Elemente entäußert hatte. Indem man sich im übrigen dem amerikanischen Leben rückhaltslos amalgamierte, glaubte man in der religiösen Organisation der Reformsynagoge die Synthese zwischen diesem und dem Judentum gefunden zu haben. Aber der Kondensationsversuch der Reform mußte sich auf die Dauer als fruchtlos erweisen. Es gab doch viele Seiten des jüdischen Lebens und Empfindens, für welche die Reformsynagoge nicht nur keine Formel, sondern auch keine Existenzberechtigung fand. Was tat sie mit all denen, die ganz außerhalb der Synagoge stehend, doch ans natürlichem Rassengefühl oder wegen der sozialen Exklusivität ihrer nichtjüdischen Umgebung sich mit dem Judentum doch im Zusammenhang stehend wußten? Und mit all denen, die auch als amerikanische Bürger an den alten nationalreligiösen Hoffnungen festzuhalten beharrten? Wie rechtfertigte sie überhaupt die sozialen und politischen Sonderbestrebungen und die Sonderexistenz der amerikanischen Judenheit? Wie erklärte sie den „reinen" Rassenantisemitismus, von dem jeder einwandernde Jude eine neue Dosis '.mitbrachte? Welche Antwort gab sie auf das große Wirtschaftsproblem, das die amerikanische Judenheit namentlich in den Großstädten seit der Massenemigration der Achtzigerjahre in Spannung hält? An den eigenen Tatsachen der Gegenwart mußten die Assimilationstheorien dieser Reformsynagoge allmählich zerschellen. Und dies umso eher, als der moderne Zionismus eine Welt- und Lebensanschauung brachte, in welcher zum erstenmale die Erscheinungen des jüdischen Lebens, die normalen und die abnormalen, in ihrem organischen Zusammenhang und ihrem wesentlichen Kausalnexus erklärt und in welcher wenigstens theoretisch richtige Lösungen vorgeschlagen wurden. Gegenüber den Theorien der Assimilationsperiode oder der Reformsynagoge trat der Zionismus mit ganz neuen Problemstellungen, mit einer Umwertung aller jüdischen Werte, die den Tatsachen des Lebens besser entsprach, und mit einem jüdischen Ideal, das den ganzen inneren Menschen zu befriedigen vermag, auf. Das neue Judentum wird aus dem grauen Ghetto der Reformsynagoge ins Leben der Tatsachen hinausgedrängt.

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