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Neue Nationalzeitung · 1907-07-12 · Heft 31 (12.7.1907) · p. Seite 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 31 (12.7.1907)
Date
1907-07-12
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 31 cue National-Zeitung« Seite 11 XCUiLLEtON KL'BEN BKAIMN: Das rote üeildien.*) Rachel und ich waren Nachbarskinder. Sie war meine „Braut", ein helläugiges, blondes, blühendes Mädchen, das gelassen und schweigsam ihren Weg ging. Bleich, nervös, etwas geschwätzig war ich, der dunkeläugige, schwarzgelockte „Bräutigam". Und doch ging's. Wir vertrugen uns sehr gut, wenn auch manchmal Zank, ausbrach, dessen Urheber ich gewöhnlich war. Sie bemutterte mich. Dafür erfand ich und erzählte ihr fanatische Märlein. Aufmerksam hörte sie mich an. Als ich geendet, pflegte sie kalt zu bemerken: „Ach, es kann doch nicht wahr sein". In dem kleinen schmutzigen Fluß ließen " ir unsere Papierschilfehen in die weite Welt hinaussegeln. Wir webten zusammen unseren Lebensteppich mit den goldenen Fäden der glücklichen Kindheit. Ich etwas hastig, sie zögernd, überlegend. * * * Als fünfjähriger Knabe besuchte ich das Cheder. Unsere heiteren Spiele wurden immer seltener Bald studierte ich fleißig die ernsten Probleme des Talmuds; Eachel dagegen war der Mutter in ihrer Wirtschaft behilflich. Unsere gemeinsamen Spiele haben einen ganz neuen Charakter angenommen. Ich war der Lehrer, sie meine Schülerin. Aus einem dicken vergilbten Folianten pflegte ich ihr mit ernst gefaltetem Gesicht, mit einem halb singenden, eigenartigen talmudischen Ton, gestikulierend und deutend vorzutragen. Sie hörte wohl zu, bemühte sich' zu verstehen, begriff aber gar nichts. Plötzlich aber unterbrach sie mich mit der Frage: „Höre mal! Gibt es einen Gott?" „Aber, du dummes Ding, bist du denn eine Heidin, weißt du nicht, daß Gott Himmel und Erde geschaffen hat und er der Herr der Welt ist? Wie kannst du überhaupt so fragen?" ... „Und wenn es so ist," trotzte Eachel, „wie kann es dein Herrscher der Welt zulassen, daß meine Gespielin Chajke fast erblindet ist? Sie kann nicht einmal die schöne Puppe, die ich ihr geschenkt, sehen. Wie kann es dein Gott dulden, daß Joske lahm und nicht imstande ist, an unseren Spielen teilzunehmen ...? Was haben die unglücklichen Kinder gegen deinen Gott gesündigt, daß er sie so hart straft? Sage mir, was steht denn eigentlich darüber in deinem dicken Buche?" Mit solchen trotzigen Fragen brachte sie mich oft außer Fassung. Ich antwortete ihr immer: „Du bist eine Goje (Heidin), ein dummes Mädchen, du verstehst gar nichts." Ich kehrte zu meinem Talmudstudium zurück; sie ging zu ihrer Wirtschaft. Ich las in meinen Mußestunden die Bibel und sie beschäftigte sich mit „Wohltätigkeit". Sie gab alles, was sie zu Hause als Geschenk bekam, freigibig anderen Kindern. Hier „pflegte" sie eine arme alte Nachbarin, dort sammelte sie Brot für hinterlassene bettelarme Waisen. Für sich wollte sie nichts und auch das kleinste Geschenk von ihren Freudinnen lehnte sie ab. Wann ich ermüdet von dem eifrigen Studium des Talmuds, der mir im Grunde der Seele doch fern blieb, ausging, zog es mich immer zu der kleinen Eachel hin. Eine gesunde, blühende Frische strömte von ihr aus. Als ich mich überzeugt hatte, daß ihr der Talmud nicht *) Der in der hebräischen Literatur hervorragend bekannte Verfasser hat diese Skizze für die „Nene National-Zeitung" deutsch geschrieben. Amn. d. Ked. imponiert, versuchte ich es mit der Bibel: ich wieder als strenger pedantischer Lehrer, sie als aufmerksame ernste Schülerin. Ich schlug die Bibel auf und übersetzte ihr manche Strafpredigten der Propheten. Sie folgte aufmerksam meinen Worten. Oft aber unterbrach sie mich mit der Frage: „Höre mal, wie stellst du dir einen Propheten vor?" Ich: Als einen alten frommen Juden mit einem langen weißen Bart und Pejes, mit zitternder weinender Stimme, wie Eeb Schmelke, unser Magid. Sie: Aber nein! Ich stelle mir einen Propheten ganz anders vor: ein hochgewachsener, starker, junger Mann, seine schwarzen, feurigen Augen sprühen Blitze, seine Stimme ist drohend stark, er haßt alle Eeichen und Starken, stützt und liebt alle Schwachen und Armen. So eine Art.....na, wie soll ich das sagen. Ja, in unserer Stadt gibt es nicht seinesgleichen..... * * * Jahre sind verstrichen .... Aus dem Cheder bin ich schon lange ausgetreten, fleißig studierte ich die neuhebräische und fremde Literatur. Mehr als 17 Jahre zählte ich bereits. Meine Begegnungen mit Rachel wurden immer seltener. Bei jedem Zusammentreffen waren wir beide schon etwas befangen. Unsere Wangen röteten sich und unser Eedefluß stockte zuweilen Mit besonderer Vorliebe pflegte ich die schöne Literatur, Eachel die Sozial Wissenschaften. Ich liebte Heine und Schiller, sie schwärmte für Marx und Lasalle. Ich erzählte ihr von Blumen und Liebe, von Seelenverwandtschaft, Träumen und von ästhetischen Genüssen; sie konnte mit Begeisterung über die Kartoffelfrage, Arbeiterorganisationen, Kollektivismus und über Frauenemanzipation sprechen. Ich agitierte unter meinen Kollegen für die Wiederbelebung des jüdischen Volkes, sie für den Zukunftsstaat. In mir erwachte allmählich der Mann, in ihr die Kämpferin. So schieden sich nach und nach unsere Wege. Unsere Freundschaft ging unversehens in Parteigegnerschaft über. * * * Dann reiste ich nach der Schweiz. Dort wollte ich Philosophie und Aesthetik studieren, aber auch die schöne Natur genießen. Sie besuchte die Industriezentren, um unter der jüdischen Arbeiterschaft für die soziale Idee zu agitieren. Wieder verstrichen Jahre. Lange hörte ich von ihr nichts. Nur zufällig erfuhr ich aus den bundistischen Flugblättern, daß Eachel nach Sibirien verbannt wurde und auch dort ihre revolutionäre Tätigkeit fortsetzt. Vor kurzem begegnete ich ihr unerwartet in einem abseits gelegenen Winkel Warschaus. Ach, wie verändert sie war. Abgezehrt, verblüht, blaß, etwas gebückt stand sie vor mir. Nur ihre Augen strahlten noch jugendliches Feuer aus. In ihrem ganzen Wesen lag etwas Heiliges, Fanatisches, Unbesiegbares. Wir erinnerten uns an die glücklichen Kinderjahre, an unsere Jugendfrenndschaft, Ein seliges Lächeln milderte dabei die harten Züge ihres abgehärmten Gesichtes. Ihre Stimme klang zart und melodisch. Aber gleichsam beschämt über ihre lyrische Stimmung, sprang sie rasch auf eine harte Diskussion über Zeitfragen über. Hier nun zeigte sich wieder die große Kluft zwischen unseren Anschauungen. Ich war für das ganze jüdische Volk, sie nur für das jüdische Proletariat, ich für Evolution, sie für Revolution. Von der großen Vergangenheit des jüdischen

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