Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- IX (1907)
- Issue
- Heft 27 (14.6.1907)
- Date
- 1907-06-14
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 iseue National-Zeitung« Seite 11 ISRAEL ZOGWILL: Die jüdische Dreieinigkeit. (Schluß.l Barsteiii unterbrach ihn mit einer Bewegung der Ungeduld. „Aber, können wir denn nicht nach Jerusalem gehen und dort auf das Erdbeben warten?" frug er. „Weil wir noch eine Mission unter den Völkern zu erfüllen haben. Wir müssen zerstreut leben. Es obliegt uns, die Einheit GoJttes zu verkünden." „Ich habe Sie nie dieselbe predigen gehört. Sie dämpften sogar Ihre Stimme, als Sie mir gegenüber die Dreieinigkeit verspotteten, damit die Christen nichts hören sollten." „Wir haben in der Stille, durch unser Beispiel zu verkünden. Einzig und allein, indem wir unsere eigene Keligion halten, bekehren wir die Welt." „Aber wer hält sie? Schon die Zerstreuung unter den Völkern, die den Sonntag feiern, macht unseren Sabbath zu einer wirtschaftlichen Unmöglichkeit," „Ich habe das nicht gefunden," sagte Sir Asher in vernichtendem Ton. „In Wirklichkeit sehe ich in der Verbreitung des Halbfeiertages am Sonnabend seit meiner Jugend ein bemerkenswertes Beispiel des Judaisierens." „So müssen wir also zerstreut bleiben, um den Halbfeiertag am Ende der Woche zu fördern." „Um internationale Wahrheit zu lehren," verbesserte Sir Asher scharf „und nicht engherziges Stammesgefühl." „Aber wir bleiben nicht zertreut. Da sind gleich fünf Millionen innerhalb der russischen Ansiedlungszone zusammengepfercht". „Die Vorsehung Gottes zerstreut sie schon lange nach New-York." „Ja, viermalhunderttausend in der Quadratmeile. Eine hübsche Zerstreuung." Sir Asher wurde rot vor Zorn. „Aber sie gehen ja auch nach Argentinien. Ich habe sogar von einer Kolonie in Paraguay gehört," „Wo sie den Indianern die Einheit predigen." „Ich spreche nie über Religion mit einem Spötter. Wir sind durch Gottes Ratschluss in der Verbannung — wir müssec leiden," „Leiden!" Des Künstlers Augen betrachteten zynisch die behagliche Umgebung, die Sir Ashers Verbannung vorstellte. Er nnterließ es aber persönlich zu werden. „Nun gut, wenn wir leiden müssen, warum haben Sie so viel zum Fond für die russischen Juden gezeichnet?" Sir Asher war durch Barsteins Kenntnis seiner Großmut besänftigt. „Damit ich mit ihnen leide," sagte er mit einem Anflug von Humor. „Dann sind Sie doch ein jüdischer Patriot," entgegnete Barstein. Das behäbige britische Gesicht umwölkte sich wieder. „Behüte Gott. Ich kenne nur englische Patrioten. Das ist ja Verrat gegenüber Ihrem Lande, was Sie da reden, junger Mann!" „Verrat!" Der junge Mann lachte bitter aaf. „Ihr Zionisten seid es ja gerade, die alle Rechte, welche wir im Westen so schwer errungen haben, untergraben wollet," „0, dann sind Sie wirklich kein englischer Patriot —" begann Barstein. „Ich muß Sie bitten, sich zu erinnern, mein Herr, daß ich in dem Burenkrieg ein Korps Freiwilliger ausgerüstet habe." „Das mag sein. Aber ein Korps Freiwilliger für Zion — das ist Blasphemie, engherziges Stammesgefühl." „Zions Boden ist heilig — wir brauchen dort keine Freiwillige: wir brauchen Fromme und Lehrer. Und was würden auch Ihre Freiwillige in Zion machen? Den Sultan mit seinen Millionen Soldaten bekämpfen? Sie könnten nicht einmal als Männer des Briedens in Palästina leben. Dort gibt es weder Kohle noch Eisen — daher keine Fabriken. Ackerbau? Dort gibts nur Steine und Sümpfe. Ich will schon gar nicht davon reden, daß es für die Juden zu heiß wäre, Feldarbeit zu verrichten. Sie würden alle verhungern. Sie haben kein Recht so leichtfertig Menschenleben aufs Spiel zu setzen. Ueberdies, sogar wenn Palästina so fruchtbar wie England wäre, könnten Juden nie von einander leben. Und überlegen Sie nur, wie sie zanken würden." Sir Asher schloß beinahe gutmütig. Die Wucht seiner Argumente erschien ihm schlagend wie ein Dampfhammer. „Wir können von einander ebenso gut leben, wie irgend ein anderes Volk. Und was das Zanken anbetrifft, waren Sie nicht selbst im Parlamente? Die Partei-Regierung macht eben das Zanken zur Grundlage der Konstitution." Sir Asher wurde wieder erregt. Sein ganzes Leben gewohnt, diktatorisch aufzutreten, war er schlecht darauf vorbereitet, Gegenrede zu vertragen. „Das wäre eine saubere Geschichte mit einer eigenen Regierung!" höhnte er. „Warum? Wir haben jeder Kammer der Welt Minister gegeben." „Ja, — es geht ganz gut, so lange wir anderen Untertan sind." Sir Asher gewann langsam seine Ruhe zurück. „Ganz gut, so lange wir hinderen Untertan sind!" stieß der Künstler aus. „Begreifen Sie ganz, was Sie da sagen, Sir Asher! Die Buren, gegen welche Sie Freiwillige ausgerüstet haben, kämpften drei Jahre lang, wie wahnsinnig, um nicht anderen Untertan zu sein! Und wir - die Idee an eine jüdische Autonomie treibt uns den »Schaum vor den Mund. Bei dem Gedanken an Unabhängigkeit, drehen wir uns in den Gräbern um, die wir unsere Vaterländer nennen.4 Sir Asher winkte das Thema mit einer grandiosen Bewegung der Hand ab. „Dies alles ist nur Wortverschwendung. Glücklicherweise ist die Erlangung Palästinas unmöglich. „Warum beten Sie dafür — ,schnell und in unseren Tagen1?" „Sir Asher maß den kühnen Frager mit großen, bösen Augen. „Dies scheint noch ärgere Wortverschwendung zu sein," fügte Barstein trocken hinzu. „Ich sagte schon, daß Sie ein Spötter seien," sagte Sir Asher strenge. Ich bete um eine göttliche Fügung, nicht für die Schaffung eines Ghettos." „Eines Ghettos!" Barstein stöhnte in purer Hoffnungslosigkeit. „Ja, Sie sind auch Antisemit . . . wie Ihre Tochter, wie Ihr Sohn, wie wir alle. Wir sind alle Antisemiten." „Ich ein Antisemite? Ho, ho, ho!" Sir Ashers Zorn verwandelte sich in Lustigkeit . . . „Ich habe Ihrer Aufregung alle Rechnung getragen," sagte er, seinen herrischen Ton zurück gewinnend, „ich war auch einst verliebt. Aber da es so weit gekommen ist, daß Sie mich Antisemit nennen,ist es klar,daß Sie nicht in der passenden Verfassung sind, diese Unterredung fortzu-