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Neue Nationalzeitung · 1907-05-03 · Heft 21 (3.5.1907) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 21 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 21 »Neue National-Zettüng* Seite 11 IfEUiLLEE&N J. KANTOROW1TZ (Jerusalem): ,Lag*-Baomer."*) Fragt jedes kleine jüdische Kind in Jerusalem: „Was heißt Lag-Baomer?a und es antwortet freudevoll und begeistert: „Bei Schimon Hazadik!" Ja, nicht nur bei den jüdischen Kindern in Jerusalem ist dieses nationale Fest mit Schimon Hazadik so" eng verbunden, nicht nur sie erwarten diesen Tag sehnsuchtsvoll, an dem ihnen die Wände der Schule zu eng und zu drückend sind, daß sie die Freiheit in der frischen Luit auf den Feldern vor dem Grabe Schimon Hazadiks (Simon des Gerechten) im Josephattal aufsuchen, sondern auch die älteren jüdischen Einwohner in. Jerusalem haben ihre Freude an diesem Tag, welcher als Nationalfest gefeiert wird, und an welchem Tausende zum Grab des Schimon Hazadik wallfahren. Noch erinnere ich mich des ersten Lag-Baomers, an dem man mich zum „wahren Juden" machte, indem man mir meine Locken abschnitt und nur zwei Löckchen an den Wangen überließ. Es war eine feierliche Zeremonie! Ich war damals sechs Jahre alt. Am Lag- Baomer luden meine Eltern unsere Verwandten und Nachbarn zu sich Jedem wurde die Ehre zuteil, eine meiner Locken abzuschneiden. Ich ärgerte mich, daß man mir meine schönen Haare raubte, doch die Leckerbissen und Bonbons, mit denen man meine Taschen vollstopfte, haben mich beruhigt. Nachdem jeder Gast nach Herzenslust meinen Kopf mit der Schere bearbeitet hatte, fühlte ich endlich nur noch zwei feine Locken an meinen Wangen sich bewegen und mein Großvater, ein stattlicher Greis, küßte meine Stirn. Ich war an jenem Lag-Baomer der Liebling unserer Familie, ja der ganzen kleinen Kolonie. Die Frauen segneten mich, die Mädchen, die um mich standen, bewunderten meine schönen Locken und ich erinnere mich, daß manche weichen und rosigen Lippen auf meinem Munde und meiner Stirn geruht und manch schönes, holdes Gesicht liebevoll in meine Augen geschaut. Ich hatte wohl für all das noch nicht das volle Verständnis, war aber doch nicht zu schüchtern, um die Küsse zu erwidern und es dünkte mich, als ob alles mir zurief: Jetzt bist du ein großer, jetzt bist du ein ganzer Jude! Am Nachmittage begann die eigentliche Feier. Meine Eltern und meine Geschwister, alle meine Verwandten begaben sich zum Grabe des Schimon Hazadik. Ich hüpfte frohlockend über die fruchtbaren grünen Saatfelder, die einem Meere glichen und mich mit den Aehren, die im kühlen Winde auf und nieder wogten, fast bedeckten. Wir hatten keine sehr lange Strecke zu gehen, denn das Grab liegt nur zwanzig Minuten von Jerusalem entfernt. Auf dem großen Platze vor der Höhle des Schimon Hazadik saßen bequem unter den breiten schattigen Bäumen hunderte Familien, Männer und Frauen, Mädchen und Jünglinge durcheinander und alle so froh, so lustig, als ob der Himmel einen Regen von Glückseligkeit und Freude über die blühende Erde ausgestreut hätte. Hier sprangen junge Mädchen herum, und ihre schneeweißen Kleider flatterten in der von Lilienduft gewürzten, erfrischenden Luft. Dort trieben *) Die 49 Tage zwischen den Ostern nntl Pfingsten, genannt Sefirah, sind infolge historischer Ereignisse für das jüdische Volk eine Zeit der Trauer. Praktisch kommt dies auch noch heute dadurch zur Geltimg, daß während dieser Zeit keine Trauung stattfinden darf. Nur ein Tag bildet eine freudige Ausnahme: der Lag-Baomer, d. h. der 33. Tag im Omer. Dieser Tag, der heuer auf «Jen 2. Mai fällt, pflegt besonders in Jerusalem als nationaler Festtag gefeiert zu werden. (Anm. d. Red.) lustige Jungen ihre Spiele und an dem starken Aste eines Olivenbaumes waren viele Mädchen und Jungen bemüht, einen Strick anzubinden, am sich unter fröhlichem Gesang in der balsamischen Luft an demselben hin und her zu schaukeln. — Im Süden des Tales befindet sich eine große Höhle, welche den Besuchern als Synagoge dient. Dieselbe ist in einem Felsen gehauen und umfaßt einen sehr großen Raum, in welchem ungefähr 200 Personen Platz finden. Dorthin begaben wir uns, um das Minchagebet zu verrichten. Was für ein Gedränge, was für ein Getümmel gab es da! Hunderte von Männern und Frauen drängten sich heran, um in die Höhle hineinzukriechen, wo sie einige Kapitel aus den Psalmen Davids lasen und ein Lämpchen anzündeten. Glücklich derjenige, dem dies gelang. Die Höhle war hell beleuchtet. Manche unglückliche Mutter sah man hier ihren verstorbenen, vielleicht einzigen Sohn beweinen; manchen armen Hausvater über seine schwere Sorgenlast sich beklagen, ja gar manchen gebückten und schmächtigen Alten über die Unterdrückung und Knechtschaft seines Volkes und über die Verzögerung der Ankunft des Erlösers leise weinen und beten. . . . Draußen aber verschwand der Tag in Freuden, Glückseligkeiten und Frohlocken. Jedes Jahr wiederholte sich der ,Lag-Baomer', dieses fröhliche Fest und an jedem Lag-Baomer besuchten wir Schimon Hazadik. Doch warum man eigentlich diesen Tag als Festtag feierte, warum man zu Schimon Hazadik ging, das alles wußte ich lange nicht, Erst einige Jahre später erzählte unser guter alter Rabbi an einem Sabbath vom Lag-Baomer und als er erzählte, sah er noch gebückter, noch trauriger aus, als je zuvor. An dem langen Tisch im Cheder saßen wir zwanzig Jungen und lauschten der Erzählung des Rabbi: „Es lebte nach der Zerstörung des zweiten Tempels* ein großer Gelehrter, namens Rabbi Akiba, der zwanzigtausend Schüler hatte. Zu seiner Zeit litt das Volk Israel unter der Herrschaft des römischen Kaisers Hadrian, denn er raubte ihm die Freiheit, das Land und die Religion. Da empörten sich Rabbi Akiba und seine Schüler und ein junger Held wurde zum Feldherrn erhoben. Rabbi Akiba nannte ihn „Bar-Kochba", Sohn des Sterns, und er hoffte, daß er vom Ewigen zum Erlöser Israels auserkoren sei. Solange er fromm blieb und auf die Worte Gottes achtete, gelang es ihm, den Feind zu besiegen und die Römer mußten fast ganz Palästina räumen. Bar-Kochba wurde zum Könige gemacht. Aber er verließ den Rat Rabbi Akibas und beging manche Fehler, so daß sich alle Frommen von ihm abwandten und er allein blieb. Er starb durch Schlangengift, sonst konnte ihn kein Feind besiegen. Tausende Schüler des Rabbi Akiba fielen in der Schlacht. Dies geschah in den Tagen der Sefirah und erst am Lag-Baomer hörte der Krieg auf. Deshalb betrachten wir die Tage der Sefirah als Trauertage und den Lag- Baomer als nationales Fest. Und es wird ein neuer Bar-Kochba kommen, dessen Namen bleiben und der dem gedrückten Volke Freiheit, neues Leben und Segen in seinem Lande bringen wird." Des Rabbis Antlitz verklärte sich und aus seinen dunkeln, melancholischen Augen leuchtete die Glückseligkeit und Hoffnung, die sein Herz, sein ganzes Innere erfüllten. Wir lauschten noch immer und drangen nun in den Rabbi mit der Bitte, uns auch über die „Hadlaka" (Das Fest des Anzündens) aufzuklären. Unserem Wunsche willfahrend, erzählte er weiter:

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