Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1907-03-15 · Heft 14 (15.3.1907) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
IX (1907)
Issue
Heft 14 (15.3.1907)
Date
1907-03-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2425679-2425680-2425683--0031-2426284
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

NEUE WaONAL-ZEiOJNG JUDßCRPOUCiSCRB X RELRISÜSG5B2K: OfS.R.LANOlSU:! IX. JAHRGANG. WIEN, 15. MÄRZ*1907. No. 14. Jüdische Repräsentanten im Herrenhause. In uer Juliversammlung des Komitates T o 1 n a stellte das Munizipalausschußmitglied Bela B a r t a 1. ein angesehener und beliebter Adeliger, nachstehenden Nachtrag: „Da nach der bisherigen Uebung die Ernennung israelitischer Vertreter im Magnatenhause gewöhnlich nur aus den Reihen des Großkapitals erfolgt, was weder den Rechten entspricht, die den Juden durch die Rezeption gewährt wurden, noch auch der Billigkeit, und was überdies dazu beiträgt, daß die öffentliche Meinung das Großkapital mit dem Judentum identifiziert, möge das Komitat an den Kultusminister eine Petition richten, daß er bei Sr. Majestät die Ernennung eines hervorragenden Vertreters der israelitischen Konfession zum Magnatenhansmitglied vorschlägt." Dieser Antrag wurde mit großer Majorität angenommen. Die Petitionen wurde überreicht und am Donnerstag, den 7. d. M., hat sich das ungarische Abgeordnetenhaus damit eingehend beschäftigt. Die Petitionskommission hatte beschlossen, im Abgeordnetenhause den Uebergang zur Tagesordnung zu beantragen. Dieser Antrag wurde nicht angenommen. Abgeordneter Samuel Bakonyi verlangte, daß dem Geiste der „Reichsgleichheit und Gerechtigkeit" Rechnung getragen, und die Petition der Regierung zum Studium übergeben werde. Dieser Antrag erhielt die Majorität. Daß ein solcher Antrag im ungarischen Parlamente überhaupt gestellt, geschweige denn angenommen werde, hätte man vor Jahren nicht für möglich gehalten. Die ungarischen Juden galten längst als Vollblutmagyaren, als vollständig assimiliert. Und nun erscheinen sie trotzdem vor dem Parlamente mit dem Wunsche, einen eigenen Repräsentanten der jüdischen Konfession im Magnatenhause zu erhalten, wiewohl dort bereits zwei Juden Sitz und Stimme haben. Genügt dies etwa der jüdischen Oeffentlichkeit Ungarns nicht? Sieht sie in diesen Magnaten nur zufällige Juden, die bloß pro persona, nicht aber als jüdische Vertreter ernannt wurden, daher auch nicht den Beruf und die Eignung besitzen, die polischen, wirtschaftlichen und konfessionellen Interessen der Juden im Oberhaus zu vertreten? Es scheint so. Die nationale Welle, die vom Osten Herkommend, über das ganze Judentum ihre erfrischende Brise ausbreitete, hat auch in Ungarn das jüdische Bewußtsein geregt. Der Nationalitätenkampf wird immer heftiger und nimmt eine judenfeindliche Richtung an, weil die Nationalitäten in den Juden die Stützen des Magyarentums sehen; der Klerikalismus hat bereits innerhalb der Unabhängigkeitspartei selbst feste Wurzel gefaßt — es könnte bald eine Zeit kommen, wo die Juden, isoliert dastehend, einzig und ausschließlich auf ihre eigenen parlamentarischen Wortführer angewiesen wären. Und dann könnte der Mann anders auftreten, der vom Kaiser als Jude, als Repräsentant des Judentums ins Magnatenhaus berufen wurde; anders als jemand, der die Magnaten würde erlangt hat, obwohl, nicht weil er Jude ist. Lernen wir bei unseren ungarischen Volksgenossen. Wir haben sogar fünf Juden im Herrenhause. Aber auch diese sind ausschließlich Vertreter des Handels, der Industrie und der Wissenschaft, nicht des Judentums. Es sind ehrenhafte, verdiente Männer, aber Juden nur dem Namen nach. Sie sind alle tüchtige Redner und fach männische Kapazitäten, als Juden haben sie im Herrenhause noch nie das Wort ergriffen. Und es ist sonderbar, daß, während in Ungarn dit-* Juden laut an die Tore des Magnatenhauses pochen, ein bei uns über das Herrenhaus*) erschienenes Werk diese Frage absichtlich ignoriert. Der Verfasser hat den detaillierten, sorgfältig gearbeiteten Biographien der Herrenhausmitglieder ein allgemeines Vorwort über die Zusammensetzung des Hauses vorausgeschickt. Er führt *) „Das Herrenhaus des österreichischen Reiehsrates1* von Doktor Gustav Kolmer. Hof-Verlagsbuchhandlung Carl Fromme in Wien und Leipzig, 1907.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.