Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 9 (7.1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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steil empor, und oben jenseits zum Greifen nahe liegt das Dorf. Einst war das Land eine glatte Tafel, die Lettenkohlenebene, die Flüsse haben sich im Laufe der Zeiten tief eingefressen. Und so blicken wir über die weite Ebene, über Felder und Dörfer, und ahnen nicht, daß wenige Meter vor uns eine jähe Furche eingefressen ist. Wenn wir hier oben mit der Schaufel nachgraben, werden wir wohl Ablagerungen des Flusses aus alter Zeit finden. Auf beiden Seiten des Tales sehen wir dieselben Steine anstehen. Die ganze Halde gehört zur Formation des Muschelkalkes. Alles Gestein, das hier zu finden ist, ist im Meere gewachsen. Die geologische Gliederung ist hier übeiaus deutlich. Zu oberst die steil abfallende Halde des oberen Muschelkalkes, meist bestanden von prächtigem Buchen- und Eichenwald, die ungemein scharfe Talkante mit der Ebene bildend. Dann folgt die viel sanfter geneigte Halde des mittleren Muschelkalkes, oft ein Ort für Dörfer. In Forchtenberg steht auf ihr die riesige Burg. Seine sanftere Neigung verdankt diese Schicht dem Salz, einem Geschenk des verdunstenden Meeres, Steinsalz und Gips, das ihm in reicher Menge überall eingelagert ist und das eine leichte Verwitterung begünstigt. Wir erinnern uns an das Gipsbergwerk in Forchtenberg, in das einige von uns einfahren durften. (Von dem Salz hat auch Niedernhall wie viele andere Orte der Gegend seinen Namen.) Der übrige Steilhang zur Talsohle wird gebildet vom unteren Muschelkalk oder Wellenkalk, so genannt nach seiner welligen Struktur, oft wiederum auf der Nordseite bewaldet. An der ganzen Talkante fanden wir in großer Menge die stinkende Nießwurz (Helleborus foetidus), in den Waldern des Wellenkalkes blüht bereits die zweiblättrige Sternhyazinthe (Scilla bifolia), Bärenlauch (Allium ursinum), Leberblümchen (Anemone hepatica), Haselwurz (Asarum europaeum), Frühlingswindröschen (Anemone nemorosa), lauter kalkliebende Pflanzen des Frühlings. Wir wissen auch, warum wir sie nicht oben auf der Ebene, ebenfalls nicht im Buchenwald fanden. Dort ist der Untergrund Sandboden, der Lettenkohlenrandstein, den wir im Walde fanden; wir werden im Hochsommer dort ganz andere Pflanzen finden, namentlich an'trockenen Stellen Heidekraut und Preißelbeere, auch Heidelbeere. Ganz unten im Tal soll angeblich an dieser Stelle bei Niedernhall der Buntsandstein anstehen. Wir fanden ihn aber nicht. Der Untergrund des Talbodens ist Kies und Schotter aus jüngerer Zeit. Infolge der reichen Bewässerung sind hier üppige Wiesen, auf höher gelegenen Terrassen Äcker. Wir sehen, wie dem Wechsel der geologischen Schichten auch ein Wechsel der Vegetation entspricht. In diesem reichen Wechsel von Tal und Hochland, von natürlichem Wald und bebautem Boden, von Feuchtigkeit und Trockenheit, dem Unterschied der Vegetation auf Nord- und Südseite des Tales besteht der hohe landschaftliche Reiz der Gegend. Die Straße schlängelt sicti in V/indungen ins Tal. An der Grenze von mittlerem und unterem Muschelkalk/, ein Steinbruch. Diese Grenze ist ein guter Quellenhorizont, und wir sehen das Wasser in großer Zahl zwischen den Felsen hervorrieseln. Sehr kalkreich, verursacht es überall beim Rieseln über Felsen Tuff- und Sinterbildungen; ganz mächtige Tropfsteingebilde sind hier im Laufe der Jahre gewachsen. 13S