Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1923-1924) Neue Folge
- Issue
- 8 (4.1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Über die gesellschaftliche Stellung des Bauern herrscht sicherlich Unklarheit. Man ist, glaube ich, leicht versucht, den Bauer in eine Schicht mit dem Landarbeiter zu reihen, der etwa dem Industriearbeiter der Stadt, dem „Proletarier* entspricht. Das wäre falsch! Die Menschen in der Stadt sind, zu normalen Zeiten wenigstens, gemäß ihrer wirtschaftlichen Lage und fast in derselben Abstufung auch in ihrer geistigen Situation danach geschichtet, ob ihre Arbeit mehr geistiger oder körperlicher Art ist. Cum grano salis verbänden wir mit der Vorstellung vom Reichen die des Gebildeten und mit der vom Armen die des Ungebildeten. Und da der Bildungsgrad des Bauern — obwohl aueh hierin nicht immer richtige Vorstellungen beim Städter herrschen — im allgemeinen ein sehr niedriger ist, ist man wohl oberflächlich geneigt, ihn zu den Proletariern zu rechnen; auch aus dem Orunde, weil er am ausdrücklichsten körperlicher Arbeiter ist. Dabei aber wird übersehen, daß auf dem Lande die Menschen nur nach ihrem Besitz an materiellen Gütern geschichtet sind; denn alle arbeiten körperlich. Die Gemeinsamkeit der körperlichen Arbeit und das Fehlen wesentlicher Bildungsunterschiede bewirkt, daß die Menschen trotz der vorhandenen gesellschaftlichen Stufung viel engere Beziehungen zueinander haben können als die Menschen der Stadt. Die Bauern bilden die oberste Schicht im Dorfe. (Den Stand der selbst nicht arbeitenden Gutsbesitzer, die wenigstens in Holstein gar keine nähere Beziehung zu den arbeitenden Bauern hatten und gern außerhalb standen, .lasse ich beiseite.) Sie sind die besitzende Klasse. Soweit sie auch größeren Besitz haben, gehören selbständige Handwerker noch ' hierzu, Schmiede, Stellmacher, Schlächtermeister, die meist noch einen, kleinen Landbesitz haben. Zu einer tieferen Klasse gehören denn weniger besitzende Handwerker. Am niedrigsten stehen Tagelöhner und das Gesinde, Knechte und Mägde aus Landarbeiterkreisen/ Sie haben kaum Besitz und leben dauernd in abhängiger, dienender Stellung. Ich will hier aus dem Leben eines Bauern erzählen, der zu der obersten Schicht einer so vorhandenen Gesellschaftsordnung gehört. Da ich von Bauern in anderen Gegenden Deutschlands durch Erzählungen ein anderes Bild bekommen habe, betone ich ausdrücklich, daß ich von dem Leben des holsteinschen Bauern und seines Kreises erzähle. Dieses Leben ist so reich an deutlich ausgeprägten Formen und Gewohnheiten, die mehr sind als die Traditionen von nur ein oder zwei Häusern, daß ich sie eines Berichtes für wert halte. Ich arbeitete bei meinem Bauer als „junger Mann". Ich tat dieselbe Arbeit, die ein „Knecht" tut. Da ich aber aus „höher gestellten" Kreisen der Stadt stamme, und gekommen war, um zu lernen, wurde ich als junger Mann und nicht als Knecht bezeichnet. Meine gesellschaftliche Stellung war in der Praxis allerdings die eines Knechtes. Außer mir arbeiteten noch eine Magd, die Tochter eines niederen Gutsbeamten und ein 15 jähriger Junge, Sohn eines Gutsknechtes bei meinem Bauern. Beiden war ich (praktisch) gesellschaftlich gleichgestellt. 115