Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1925)
- Issue
- Editorial
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Stille brauste in den Ohren der Wartenden. Alle Herzen hämmerten in einem Takte. Alle Herzen würden auf einmal stillstehen, wenn das eine geschehen würde. — Im Nebenraum tönten Schritte; ein eifriges Laufen, abgerissene Worte. Die. Wartenden schreckten empor. Einige zitterten, als ständen sie in großer Kälte. Der Hauptmann Simei weinte, daß sein Bart ganz feucht wurde von seinen Tränen. Einmal öffnete sich die Tür, und das blasse Köpfchen Abisags .von Sunem, die den König Tag und Nacht pflegte, erschien in dem Spalt. Der Prophet Nathan ging hinüber zu dem Sterbenden. Minute für Minute tropfte in die Ewigkeit. Keiner rührte sich von seinem Platze, und jeder fühlte die Schiinge, die langsam seine Kehle zusammenschnürte. Plötzlich zerriß die Stille vor einem grellen Schrei, der aus der Unterstadt kam, den Berg Zion emporkletterte, sich über die Mauern des Königsschlosses schwang und den ganzen großen Palast erfüllte bis in seine fernsten Winkel. Jetzt war alles Lärm, Erregung, ratlose Hast. Im Hof tönten laute Befehle; Geharnischte rasselten über Flure und Treppen. Alles aber ging unter in dem dumpfen Brausen, in dem Rauschen erregter Massen, das aus der Stadt empordrang, im schrillen Schall der Trompeten, der von jauchzenden Schreien übertönt wurde. Die Priester und Höflinge waren starr .vor Schreck: Der König starb! Was jubelte das Volk? Sie liefen durcheinander wie Lämmer, wenn der Wolf um die Hürden streicht Vom Burgdach, das ein blühender Garten war, spähte man zu Tal. Die Stadt Jerusalem schien mit einem Schlage verändert» Die weißen Lehmhütten waren verschwunden in einem Meer von Grün. Die Straßen wimmelten von Menschen, die Palmzweige schwangen und sangen. Ein Haufe von Tausenden, Reitern und Fußgängern, wälzte sich den Zionsberg hinauf. Ein Wald von Speeren bildete Spitze und Schluß des Zuges. Die Höflinge auf der Zinne des Schlosses tauschten erregte Bemerkungen. Auf einmal war Benajah, der Führer der Leibwachen, unter ihnen: „Das ist Joab", sagte er, „jetzt helf uns Gott!" , Die Versammelten sahen sich an und erbleichten; sie wußten, daß Joab erbarmungslos und Adonijah grausam war. Benajah, der in Davids Kriegen verlernt hatte, den Tod zu fürchten»v lachte verächtlich und schwieg. 2*