Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1925)
- Issue
- 1 (9.1925)
- Date
- 1925-09-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Juden in einem vollkommenen Ghetto leben, bei dem z. B. fast der gesamte Getreide-, Vieh-, sogar der Orangenhandel in arabischen Händen liegt, ist nur bei einer Spenden-Kolonisation haltbar. Die wirtschaftliche Brücke zu den Arabern ist auch politisch weit wichtiger als alle phrasenhaften Deklarationen. Voraussetzung ist ein ganz anderes inneres Verhältnis den Arabern gegenüber, eine Kenntnis der Sprache und ein Aufhören des bestehenden Boykotts arabischer Arbeit. Für unsere jüngeren Kaufleute wäre ein mehrjähriger Aufenthalt in arabischen Städten wie Damaskus, Kairo, Beyrouth und anderen, nationalwirtschaftlich gesehen, sehr wertvoll. Jede Bemühung, die wirtschaftliche Enge Palästinas und noch mehr die Kleinheit des dortigen Ghetto's zu überwinden, ist von großem Wert. Zusammengefaßt: Wir müssen anfangen, zu begreifen, daß nationale Bewegung nicht nur eine subjektive Frage ist, daß Nationalismus nicht nur heißt, sich innerlich für sein Volk zu entscheiden und statt bewußter oder unbewußter Assimilation sich mit jüdischer Kultur zu beschäftigen. Der wahre Nationalismus ist eine höchst objektive Frage. Findet er nicht den Weg zu den Dingen, wird er zu einer leerlaufenden Energieverschwendung. Die Objekte selbst aber unterliegen den klaren, wirtschaftlichen Gesetzen. Sie zu erkennen und in unseren Aufbau einzuordnen, ist unsere zionistische Forderung. Anstelle des bloßen Schnorrens und Spendens soll die tätige Mitwirkung jedes einzelnen Zionisten und Juden am Werden Palästinas erreicht werden. Es sind ungeweckte und frische Kräfte, die hier mobilisiert werden, und die, erfaßt, unserer Kolonisation ein ganz anderes Tempo geben können. Ihre Organisierung wird sehr schwer sein, denn tätige Leistung zu erreichen bedeutet etwas Anderes als nur Gesinnung zu erzielen. Gewiß ist die Gesinnung unumgängliche Voraussetzung alles Handelns der Menschen; doch ohne das Korrelat der realen Arbeit muß eine nur geistige Bewegung am Ende wirkungslos bleiben. Die größte Schwierigkeit liegt vielleicht darin, daß ein staatliches, d. h. real-nationales Denken unseren Zionisten sehr fremd ist. So wenig es ein Zufall ist, daß sie Achad Haam einem Herzl vorgezogen haben, so schwer fällt ihnen, in wirtschaftlichen Dingen mehr zu sehen als private Verdienstmöglichkeiten. Desto größer ist unsere Aufgabe, Kapital und Wirtschaft aus der Sphäre kleiner Interessen ins Nationale zu erheben und dieses stärkste objektive Mittel, das in der ganzen Welt heute bestimmend ist, auch für unser Land und unser Volk als dienendes Glied zu benutzen. Berlin. W. M. 21