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Jüdische Weltrundschau · 1940-05-20 · 20 (20.5.1940) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
20 (20.5.1940)
Date
1940-05-20
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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JÜDISC Redaktion, Verlag und Anzeigen-Verwaltung: Jerusalem P. O. B. 689; Mamilla Str., .Telephon 3079. Für unverlangte Manuskripte wird keine Garantie über- ■ nommen. Jeder Einsendung oder Anfrage ist ein internationaler Antwortsohein beizufügen. Zuschriften für die Redaktion werden nicht an Einzelpersonen, sondern an die Redaktion, Jerusalem. P. O. ß. 689 erbeten. JAHRGANG II / Nr. 20 JERUSALEM 20. MAI 1940 ff*n T'K 3*"» DSCHAÜ Erscheint einmal wöchentlich: — Anzeigenannahme für alle Länder: ausschliesslich Jerusalem P.O.B. 689. — Anzeiigentexte per Luftpost erbeten. — Die Anzeigen-Seite * zerfällt in 6 Spalten, je 3,6 cm breit, Grundpreis 1 inch 2Vi cm sh 3/. je Spalte. — Minimalgrösse l'/i inch. (3,75 cm). Bezugspreise vergl. Liste am Schluss d. Blattes. INFERNO IN WESTEUROPA In wenigen Tagen hat sich in Westeuropa eine der [grössten Tragödien der Geschichte vollzogen. Das kleine friedliebende und kulturell hochstehende Holland wurde von der Dampfwalze der deutschen Kriegsmaschine zertreten. Was jeder Nicht-Blinde kommen gesehen hat, ist eingetreten. Die Schuld einer unbegreiflichen Sorglosigkeit und völligen Verblendung, das Nicht-Erkennen des Teufels, od er als Drache, als Schlange oder in schmeichlerischer Lamms-Gestalt auftrat, die Bagatellisierung der Leiden anderer, solange man selbst verschont blieb, kurz: die Preisgabe der ^oliebtiVetf' i Sicherheit aind den. Mangel an Wirk&amen '"Vörkehrfungjen' tfür" den Ernstfall, las alles hat sich so gerächt wie es sich rächen rauhste. Das dunkle Kapitel der Geschichte, in das die Welt eingetreten ist, wird viel länger dauern als manche meinen. Es gilt, Unvorstellbares zu ertragen und sich mit Mut und Zähigkeit zu wappnen. Die „Fünfte Kolonne11 \ Der brutale Angriff auf Holland und;B e 1 g i e n, der seit Monaten erwartet und vorausgesagt wurde, zeigt deutlich, dass für den „totalen Krieg" keinerlei Grenzen und Hemmungen bestehen. Wir haben es mit einer vollkommenen Neuerung zu tun, auch verglichen mit dem Weltkrieg 1914—18. Den Vertretern dieses neuen Geistes scheint alles ertaubt, was zum Erfolg führt. Nicht nur die willkürliche Verletzung der Neutralität ist dabei das Entsetzliche, sondern die Tatsache, cjass unter dem Schutze dieser sogenannten Neutralität monatelang noch nach Ausbruch des Krieges alle Vorbereitungen für den Handstreich getroffen werden konnten. Das wichigste Kampfmittel war die Wühlarbeit im Indern. Jedem Beobachter war bekannt — und anzählige Zeitungen haben es genau beschrieben — wie die Deutschen innerhalb der neutralen Länder auf alle mögliche Weise, durch getarnte Touristen, durch Journalisten, Wirtschaftler, Diplomaten, Dienstmädchen, einen raffinierten Spionage-Apparat aufbauten, der bis ins Einzelne den Instruktionen der -Propaganda-Zentrale des Dritten Reiches gehorcht. Das wichtigste und wirksamste Kampfmittel dieser Kreise war der Antisemitismus, denn er bot die Gelegenheit, mit den Kreisen der Landesbevölkerung in Verbindung zu treten und auch diese für die deutschen Ziele einzuspannen. Dadurch wurde auch die Tatsache des deutschen Agententums etwas verwischt: Nach aussen hin schien es oft, als ob es sich zumindest teilweise um inländische Gruppen handle. Man hat durch Terror und Bestechung, durch freigebig verteilte Riesensummen, sich eine Anhängerschaft geschaffen, die, wie sich jetzt zeigt, unmittelbar für militärische Zwecke bestimmt war. Auf diese Weise konnte es gesphehen, dass der Krieg schon am zweiten Tager-die Form einer Art von Bürgerkrieg annahm, mit Barrikaden in den Städten, die von der Grenze weit entfernt sind, wo Fallschirmtruppen gelandet wurden, die sich offenbar auf Spionage-Zentralen stüzten und sich mit früher eingeschmuggelten Soldaten verbinden konnten. Wenn man bedenkt, welche Vorsicht" dte meisten Länder gegenüber der Einreise jüdischer Flüchtlinge, gemarterter und verfolgter, asylsuchender Personen an den Tag legen und wie relativ leicht es den Deutschen gelungen ist, ihre verräterischen Kolonnen in alle diese Länder hineinzubringen, wird man sich der ganzen tragischen Ironie, der Verblendung der Völker gegenüber der wirklichen Bedeutung des Hitler-Regimes bewusst. Dies gilt auch heute noch für eine Reihe von Ländern, die noch nicht in den Krieg verwickelt sind und die wir besser nicht nennen. Gegen eine Macht wie Hitler ist mit „Resolutionen" nicht zu kämpfen. Er lacht darüber. Er hat es selbst offen gesagt. In seinem Buch „Mein Kampf" steht alles. Aber niemand nahm es efhst... In Rauschnings Buch „Gespräche mit Hitler" wird berichtet, welche Meinung Hitler von der „bürgerlichen" Unentschlossenheit, Vertrauensseligkeit, Wirklichkeitsblindheit hat. Bisher hat sich alles bestätigt. Im entscheidenden Moment, nach dem Einmarsch ins Rheinland, hat man Hitler einen „Frage^ bogen" überreicht, den er in den Papierkorb warf. Noch drei Jahre später hat man nicht gewusst, mit wem man es zu Jun hat. Dann aber> nachdem die deutschfei Kriegsmaschine sich enthüllt hatte, gab es für die kleinen Länder nur noch die Angst, mit der Hitler gerechnet hatte. Oderint, dum metuant! ist sein Wahlspruch: Mögen sie "hassen, wenn sie mich nur fürchten! Das alles hat er zu Rauschning gesagt, und es ist seit Monaten gedruckt in allen Sprachen, aber Länder wie Holland und Belgien haben keine der verbündeten Armeen ins Land gerufen, die sie hätten schützen können. Sie haben den Flughafen in Rotterdam nicht den Engländern überlassen, daher haben ihn die Deutschen genommen. Neutralität dieser Art war Parteinahme für Hitler, ganz wie er es gewünscht hatte, in seinem berechtigten Vertrauen auf die Gedankenlosigkeit seiner Gegner. Und die Vereinigten Staaten schikken Protestresolutionen statt Flugzeuge. Praktische Nächstenliebe Das Schicksal von Belgien und Holland ist uns Juden aus Deutschland ein Anlass zu besonderer Trauer und stärkstem Mitgefühl. Denn diese beiden Länder (selbstverständlich gehört Luxemburg dazu) haben sich in der Zeit der grössten Not der deutschen Juden menschlich und grossdenkend erwiesen. In einer Zeit, wo — nach einem freilich erst in allerletzter Zeil gefundenen Ausdruck Chamberlains — die „Bestie los war", haben die Regierungen und die Völker von Holland und Belgien ihre Hochherzigkeit und menschliche Hilfsbereitschaft gezeigt. Gewiss gab es angesichts der Kleinheit dieser Länder Grenzen für ihre Leistung», fähigkeit auf dem Gebiet der Flüchtlingshilfe, als der Zustrom der Verjagten alle Dämme zt» überfluten drohte; aber selbst dann hat man die Anwendung der notwendig gewordenen gesetzlichen Beschränkungen mit einer gewissen Grosszügigkeit gehandhabt. In der Stunde der Not, in der zusammen mit den hochgebildeten, lebensfrohen und kunstliebenden Völkern Hollands und Belgiens auch die zu diesen Staaten gehörenden Juden und ausserdem die wohl an die 50.000 zählenden jüdischen Flüchtlinge aus Mitteleuropa von schwerstem Schicksal getroffen sind, muss ausgesprochen werden, dass wir Juden diesen Völkern nie vergessen werden, was sie uns in einer fürchterlichen Krise Gutes erwiesen haben. Dabei erfüllt uns der Gedanke an die in Holland und Belgien lebenden jüdischen Flüchtlinge mit besonderem Entsetzen. Denn zu allen Schrecken des Krieges treten für sie noch die Schrecken einer etwaigen Rückversetzung unter die Nazi-Herrschaft, der sie entflohen waren. Tausende von Angehörigen der verbündete» westlichen Völker fallen im Kampf bei der Verteidigung der bedrohten Gebiete und es widerstrebt uns, gegenüber diesen furchtbaren Opfern unsere Spezialsorgen hervorzuheben. Und doch wird jeder verstehen, dass es sich bei dem Judenelend unter Nazi-Hand noch um etwas anderes handelt, als was die Geissei des Krieges jedem Volke bringt. Das Schicksal der jüdischen Flüchtlinge ist bis zur Stunde nicht bekannt. Dafür gibt es jetzt für die Holländer und Belgier selbst ein Flüchtlingsproblem von unübersehbarem Ausmass. Sic fliehen selbst vor den einbrechenden Nazi-Horden nach England und Frankreich. „Innere Angelegenheit" Angesichts der Schlachten, die jetzt im Gange sind, ziemt es sich nicht, auf Vergangene* zurückzugreifen, aber wir Juden empfinden mit aller Macht ,dieJTragikj die darin liegt, dass die Welt das Schicksal der Juden als eine abgesonderte Sache für sich sehen wollte und als „innere Angelegenheit" Deutschlands behandelte, ohne zu erkennen, dass es sich hier im Grunde; um einen Teil der deutschen Aufrüstung handelte, um die Schaffung einer Waffe, die im internationalen Kampf gegen andere Mächte nicht weniger gefährlich war als Bomben und Kanonen. Nur ganz wenige Menschen haben das erkannt, waren aber machtlos gegenüber dem Ruhebedürfnis derer, die sich nichtstören lassen wollten. Die Juden aber, die die Wahrheit wussten, konnten eine Funktion als Warner nicht erfüllen, weil man meinte, sie verträten nur eigene Interessen und bemühten sich, diese mit anderen Motiven zu veikoppeln. Die Nazi-Propaganda, die die Juden als die „Kriegshetzer" bezeichnete, hat in dieser Beziehung auf der ganzen Linie Erfolg gehabt: sie machte sozusagen die jüdischen Warnungen unschädlich und bestärkte die Völker in ihrer unbegreiflichen Sorglosigkeit. Und trotz allem was bereits geschehen ist, dürfte sich daran bei jenen, die noch für freie Entscheidungen in Betracht kommen, nicht viel ändern. Das zeigt sich am deutlichsten in der Haltung der Juden in Amerika. Die offiziellen Instanzen des amerikanischen Judentums wetteifern darin, zu betonen, dass sie „gegen eine Einmischung Amerikas in den Krieg" seien. Sie fürchten offenbar nicht nur, gegen die allgemeine Volksstimmung aufzutreten, sondern sie fürchten auch, etwas zu tun oder zu sagen, was von der Volksmeinung als eine Bestätigung der durch Nazi-Agenten in das amerikanische Volk hineingepumpten Auffassung dienen könnte, dass die Juden Amerika in den Krieg hetzen wollen. Diese Propaganda gegen die Juden als Kriegshetzer hat gerade in Amerika ungeheure Dimensionen angenommen, nicht so merklich in den Kreisen der Gebildeten, dafür umso wirksamer in den dumpfen Schichten der anonymen Volksmassen, deren Stimmung immer

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