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Jüdische Weltrundschau · 1940-04-22 · 16-17 (22.4.1940) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
16-17 (22.4.1940)
Date
1940-04-22
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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BUH« ZEIT DES UBERGANGES PtfMch im Kriege - Palästina und Diaspora Juden - „Deutsche Ordnung" - Glaube Die Feste und der Rhythmus der Jahreszeiten bilden im jüdischen Jahr ein Moment der Stetigkeit, das in einer Zeit de» Übergang», wie wir aie jettt durchleben, mehr als je fühlbar wird, besonders deutlich ist das in Palästina, wo unsere Feste eine Angelegenheit der Gesamtheit geworden sind, offiziell anerkannt als ein Bestandteil der öffentlichen Ordnung des ganzen Gemeinwesens. Ähnlich war es in gewissen Teilen Osteuropas, aber dort war es eine Konzession an die Freiheitssphäre der Mitglieder einer Minderheit — etwas was in der heutigen Welt immer weniger seinen Platz findet. Zwar ist eine wirkliche lebendige Form, die das Alte mit dem Neuen sinnvoll verbindet, noch nicht gefunden, aber wir spüren, dass das Leben sich auf dieses Ziel zu bewegt und wir haben gelernt, in solchen Dingen Geduld zu haben. Ein neuer mit dem Leben verbundener geistiger Inhalt kann nur almähüch wachsen, im Zusammenhang der Generationen, die sich wieder als eine teste unteilbare Kette empfinden. Dies haben wir noch nicht erreicht, aber wir sind dazu auf dem Wege, umsomehr, als wir Juden des 20. Jahrhunderts ein stärkeres historisches Gefühl haben als unsere unmittelbaren Vorfahren, weil wir das in der jüdischen Geschichte sich manifestierende Schicksal in seiner Einmaligkeit und zugleich in der Wiederkehr der gleichen Situation erleben. Dies besieht sich auf die Verfolgungen und Wanderungen, die das jüdische Leben durch Jahrhunderte hindurch charakterisierten und die man im 19. Jahrhundert zum Stillstand gekommen wähnte, aber auch auf jenes uralte und primitive "Knechte sind wir gewesen", mit dem die Erzählung der Hagada am Sedarabend beginnt. Wenige Generationen konnten die Bedeutung dieses Knechtaeins so tief empfinden wie die unsere, und wenn wir das Beispiel in seiner historischen Gegebenheit beibehalten wollen, so sind wir Juden in Palästina in einer eigentümlichen Lage, weil wir sozusagen schon aus dem Lande der Knechtschaft gezogen sind, während grosse Teile unseres Volkes gerade jetzt wieder unter Bedingungen leben, die an die in der Bibel beschriebene Frohn erinnern. Es ist oft darauf hingewiesen worden, wie viele Analogien sich von der heutigen Zeit zur Erzählung vom Auszug aus Ägypten spinnen lassen, von den Schwierigkeiten der Volkswerdung und des Führertunis angefangen bis zu der Sehnsucht nach den Fleischtöpfen Ägyptens; wenige Geschichten der Weltliteratur sind ja so erfüllt von einer genialen Psychologie des Menschen und der Massen wie diese Erzählung der Bibel, und so sehr sich auch die technischen und sozialen Verhältnisse der Welt geändert haben, die Gesetze des Seelenlebens scheinen die gleichen geblieben zu sein. Trotzdem wäre i es wohl verfrüht, die Analogie zu weit zu ' treiben und zu erwarten, dass das Schilfmeer | sich nochmals spalten und die Verfolger versenken wird. Man zieht nicht mehr 40 Jahre von Ägypten nach Palästina, und man kann i leider auch noch viel grössere Strecken mit : einer Geschwindigkeit zurücklegen, die zu jenen Zeiten nur in der Welt des Wunders j existierte Dies weitet das Feld der Entscheidung Der Kriegsschauplatz, auf dem die i Entscheidungsschlachten dieser Zeit geschlagen werden, ist eine viel grössere Einheit j als jemals in der Geschichte. Dies verstärkt I auch für uns, die wir schon in Palästina | sitzen, das Gefühl, in einem Zustand des! Übergang« und sogar der Usgewiasucit zu sein; und in dieser Hinsicht ist unser endgültiges Schicksal vermutlich eng verbunden mit dem derer, die noch in der Knechtschaft das Joch tragen. An keinem Ort spüren wir so deutlich, wie das Leben sein Recht fordert wie hier im Lande, wo die Natur in ihrem Frühlingskleid und der Gesang der Jugend eine unwiderstehliche Macht der Lebensbejahung ausströmt - trotz allem was wir von der fürchterlichen Katastrophe der Juden in Europa wissen und stündlich neu erfahren und trotz all der schweren Not, die hier im Lande herrseht, bei all den Hunderten, die sich nicht einordnen konnten und fast verzweifeln müssen, Arbeit und Brot zu finden. Auch dies, so wissen wir, sind Symptome einer Zeit des Übergangs, und so wenig dies ein Trost sein kann für diejenigen, die das Gefühl haben, unter die Räder zu geraten, und für die die Gemeinschaft alles Erdenkliche zur Hilfe tun muss, so formt sich uns doch ein Bild der Zeit aus den Perspektiven der Zukunft. Je weiter der Krieg fortschreitet, umso stärker fühlen wir, dass die Grundlagen der bisherigen Zivilisation erschüttert lind, und wir fragen uns, wo die Anzeichen jener geistigen Kräfte sind, die dasneue Gesicht der Welt formen werden. Sicherlich sind viele Vorstellungen, die bisher geläufig waren, nicht mehr in Zukunft anwendbar. In einem ganz anderen Licht erscheint zweifellos auch die Judenfrage, und zwar sowohl vor der Welt als auch vor den Juden. Im jüdischen Kreis wasen es die Ziotttaten, die den schärfsten Blick für das wirkliche Wesen der Judenfrage hatten und einen Plan für die Neuordnung des jüdischen Lebens verkündeten. Heute aber hat das Judenproblem alle Dämme niedergerissen, und nach diesem Kriege, wenn er nicht mit einem völligen Untergang der Zivilisstion endet, wird die Judenfrage deutlich als eine Einheit bestehen, so einheitlich in ihren Zusammenhängen und in ihren — Die Vertretung der an die Freiheit Abhängigkeiten, dass trotz der vielen Meinungsverschiedenheiten, unter den Juden auch ein einheitlicher Weg für die Behandlung sich aufdrängen wird. Darauf müssen schon heute unsere Gedanken gerichtet sein. Die Judenheii in Palästina ist in Bezug auf selbstverständliche jüdische Volkszugehörigkeit die stärkste in der Welt, aber sie ist nicht die stärkste in Lezug auf materielle und intellektuelle Leistungsfähigkeit. Ohne die Hilfe der Diaspora kann die jüdische Gemeinschaft Palästinas noch nicht existieren, und die Diaspora ist — zumindest teilweise — in einem Zustand der Auflösung und sucht Richtung und Form. Es ist der Moment gekommen, wo die besten Köpfe der Judenheit sich zusammentun und die Vertretung des Volkes übernehmen müssen. Dazu ist es erforderlich, dass auch die palästinensische Judenheit in höherem Masse als bisher ihre Verantwortlichkeit für das Ganse empfindet und nicht ihre innere Struktur ausschliesslich von lokalen Gegensätzen und veralteten Vorstellungen bestimmen läset. In dieser Hinsicht kann die Diaspora auf Palästina eine wohltuende Wirkung ausüben, indem sie uns zwingt, angesichts der grösseren Probleme die kleineren Differenzen zu Überwinden oder zurückzustellen. Die Diskussionen Uber unsere wirkliche Lage und über die Voraussetzungen einer sinnvollen Aktion haben gerade erst begonnen. Wir haben das Gefühl, dass die Verbindung zwischen den einzelnen Gruppen der Judenheit noch viel zu wünschen Übrig lässt. Wir Juden Palästinas müssen unsere ganze Kraft dafür einsetzen, eine gemeinsame Sprache mit den anderen Judenheiten zu finden. Dies kann uns erleichtert werden, wenn wir uns bewusat werden, dass wir alle, wo immer wir leben, noch immer den gemeinsamen Spruch sagen: ..Knechte sind wir gewesen". Dieses Gewesen»ein ist ein stärkeres Band al« alles was uns scheidet, und so wie die gemeinsame Knechtschaft, soll auch die gemeinsame Freiheit uns stets vor Äugen schweben. Di« Frage, wer die Vertretung der Juden und ihre Führung nach aussen und innen in dieser Zeit innehaben eoti, wird Ubers» eifrig diskutiert Damit hingen wohl auch die Überlegungen susaummen, die in den letzten Wochen an die Gerüchte über eine Umbildung der ioni*fliehen Mxtkutive geknüpft worden sind Dk jüdische Presse aller Linder verfolgt mit Irttere»»* die Vorgänge, die besonders durch einen Artikel des Londoner ,Jewimh Chrunu lr" beleuchtet wurden. Die Zeitung berichtet«, dann wegen Meinungsverschiedenheiten Uber die Führung der jüdischen Politik in Palästina der Vorsitzende der Palästina-Exekutive Ben Gurion, dessen Vorschlag« Uber die Taktik gegenüber dem «ngli sehen Weissbuoh nicht ehststiert worden sei«n, «urückiutreten beabsichtigt; nach Meinung de«

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