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Jüdische Weltrundschau · 1940-04-15 · 15 (15.4.1940) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
15 (15.4.1940)
Date
1940-04-15
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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19. April 1940 JÜDISCHE WBLT-RUND0CHAU MUT Professor Julius Guttmann (ZUM SO. 8EMIRTSTA0 AM IS. IV. 1140) i Breslau, Berlin, Cinctnnati, Jerusalem das alle Vorzüge eine* gelehrten Werk«» echter sind die äusseren und Inneren Stationen Heines Prägung. Die unapologetische Ktthnbett des eraten Lebens. Geboren als Sohn de« hervorragenden Saue» auf der ersten Seite - „Dm jüdische Volk ist Bresiauer Rabbiner» und Philosophie-HLstorikera nicht aus eigener Kraft zu philosophischem Den- Prof. Jacob Outtmann. dessen „Feist- und ken gelangt" —. tot ein Zeichen unserer, wcaent- Sabbat h-Predigten" er herausgegeben und behut- Oich durch den Zionismus ermöglichten, wissen- | •am eingeleitet hat, fuhrt* ihn sein wUsenschaXt-; schafttichen ..Autoemanzipation . Jener Wille zur j iicher Weg — nach Beendigung der Studien auf v.rengcn Objektivität aber wirkte bei der Selbst - dem Gymnasium, dem Jüdisch Theologlachen Se-i beachränkung der Stoffauawahl mit: ea werden! minar und der Universität — zunächst in die vor allem die phUoiophiach formulierten Lehren I akademische Laufbahn: er habilitierte aich für; behandelt; andere wichtige Geiatesrichtungen j Philosophie an der Universität seiner Heimatj bleiben bewuast draussen. Dieae „klassische Ht j •tadt. Nach dem Kriege folgte dann die Heru- ' ügionaphilcwophie" nun trägt auf weite Strecken! fung auf den relirfonaphilosophlschen Lehrstuhl; hin eben Jenen apologatiachen Charakter, von j der „Hochschule für die Wissenschaft de» Juden- ■ dem ihr neuester \<ris3enaehaf£licher Dar.<Heikr tum» in SerEn, wo eine Uberaua fruchtbare• »ich endgühig befreit hsU.! Lehrtätigkeit nur durch Gastvorlesungen in Arne-! Dax spürt beaondera derjenige, der dem «t-n-1 rika unterbrochen und schliesslich •— i. J. 1934 — \ sehen Julius Guttmann nähertreten darf, j durch die Übernahme dea Katheder« für Jüdische Man erkennt bald: da iat viel mehr noch als Religionsphiiosopriie an der Hebräischen Univer- {ein bedeutender jüdischer Wlaeeoachaftier; hier sitat Jerusalem »innvoil abgeajchloaaen wurde. | steht und sprächt ein wissender Jude, und dae Guttmann fand beim Antreten aeinea neuen Am-j heiaat auch immer ein gläubiger Jude. Schon die tes manche seiner Schüler und Mitarbeiter vor, akademische Rede vermittelt viel von diesem besonder» auch solche, deren Forschungen er in j eigentlichen, diesem „mündlichen" Guttmann. den letiten 10 Jahren aia wissenschaftlicher Len-; mehr noch DlskuswJkm oder Schlussvmr;, am meitcr der „Akademie für die Wissenschaft de« Justen das Gespräch zu zweien oder im kleinen dentuiro" betreut hatte. Guttmann» Bücher und Abhandlungen betreffen in den Vorkriegsjahren vor allem Kant: Kreise. Er spricht — ob deutsch, englisch oder hebräisch immer frei, ohne Jede Stutze an Notizen, doch nicht rhetorisch beschwingt, aon »einen Gottes-, seinen ErkenntnisbegTiff und dem eigentümlich mit dem Gedanken und seine 'Stellung zum Judentum, und wenden sich dann immer eindringlicher jüdischen Denkern tu: Spinoza, Mendelsohn, Je hu da Haie vi, Maimoiner Formgebung ringend, so daaa der Hörer mitdenken, initauenpn muas. £a tat Dialektik im ursprünglichsten Sinne dea Wortes: Dialog nides und anderen Religlonsphiloaopnen unseres mit dem Gedanken seibat. Und wie Eisenstäub Mittelalters, bis sie schliesslich in detn zusam-1 chen sich im Magnetfeld ordnen, so gruppleren menfassenden und grundlegendem Werke gipfeln, »ich ihm eigene und fremde Einfälle, Zitate, Eindas — 1033 erschienen! — einea jener seltenen und! Wendungen um klare Begriffe, die seiner reichen kostbaren Abschiodsgeschenke dea deutschen Ju- Red« oder Amwort das feste Rückgrat gedankdentuma an seine Umwelt und sich selbst iat: j lieber Ordnung schaffen. Die erzieherische Lefwir meinen Guttmann« „Die Philosophie des j stung, die solche Zucht gerade hier und bei uns Judentum*", eins historische Gesamtdarstellung j bedeutet, wird denn auch von GuUmaara* Stuvon der Bibel bis zu Hermann Cohen. | denten begeistert anerkannt. Und doch zeigt gerade die eingehendere Be-; So baut sich die Persönlichkeit Julias Guttschafitigung mit diesem Hauptwerk des Mannes j mann an eigentümlichem Stufengang vor uns au/; und der ganzen Disziplin, daas sein Verfasser.er ist ein Mann der geistigen Reserven - wenn bisher noch in keines seiner Bucher — und auch auch keineswegs der bewussten Reserviertheit in dieses nicht -voll eingegangen ist. Man be- und diese Reserven des 60-Jährigen sind reich, wundert die wissenschaftliche Akribie, die Scharfe; tief, unverbraucht — da» spürt man bei Jedem der Analysen, die Sicherheit des Urteils, dfte| Gesprach. Mögen sie — «ün egoistischer Wunsch! souveräne Beherrschung der judischen und aus-; itm kommenden Jahrzehnt eine weitere grosse serjüdischen Quellen, die klare Schönheit der ( Manifestation finden. *»ren 9« ran p. durchsichtigen, doch nie flachen Sprache kurz:| Ernst Simon (Jerusalem) DAVID BAUMGARDT FÜNFZIGJÄHRIG Der Philosoph David Baumgardt, der am 20. April in die zweite Jahrhunderthälfte seines Lebens eintritt, darf das gute Gewissen aufrechten Mühens-um die Wahrheit und um geschärfte Wahrhaftigkeit haben. Sein letztes grösseres Werk (1933) trägt den für ihn charakteristischen Obertitel: Der Kampf um den Lebens sinn; es stellt den ersten Band einer (grossangolegten und im Erheilen der motivierenden Horizonte auch im Detail mustergültigen) Vorläufergeschichte der modernen Ethik dar, deren 2. Band, über die englische Moralphilosophie, demnächst erscheint, und die als Ganzes wohl zugleich eine Einführung in seine eigene, rege erwartete ethische Philosophie sein wird. Man ist gespannt, wie er ein frühes Versprechen erfüllen wird, den spitzen Gesichtswinkel der Doktrin so zu erweitern, daaa er auch die neuen Regionen erfasst, die die Werttendenzen in der Chaotik des modernen Lebens gewonnen haben und die noch nicht wissenschaftlich-abstrakt, von ihren Vorkämpfern nur erst dichterisch und biographisch dokumentiert sind, dafür aber eben den ernsten Lebenszusammenhang mitspiegeln (so etwa seit Tolstoj. Dostojewski, Ibsen, Strindberg etc.). Wir «rinnern uns der Anerkennung und ehrenvollen Sympathien, die schon sein erstes Werk, mit dem er sich 1925 an der Berliner Universität habilitierte, gefunden hat: Frans von Boeder und die philosophische Romantik. Die Gestalt, die er damit wiederbelebt, wird seither wohl als die universalste Erscheinung, wenn nicht als die heisseste Stromquelle jener ganzen — die europäische Gslstesgeschlchte immer noch, heilsam und unheilvoll, stimulierenden — Bewegung gelten dürfen. Und wir erinnern uns, neben vielen kleineren scharfsinnigen Facharbeiten, so über das Möglichkeitsproblem seit Kant und über Methodenfragen, gern auch an seine Vorträge über Maimonides, Spinoza und Mendelssohn; und nicht zuletzt an seine lebensinnigen und zart appellierenden , Deutungen jüdischer Feste: Der innere Aufbau der Jörn Kippur-Liturgie (in Bubers Zeitschrift „Der Jude") über den Sederabend und Uber das Tischgebet (In der „Jüdischen Rundschau" erschienen). Bei aller seiner Besinnlichkeit ist es der vornehmste kämpferische Elan für die den „Menschen" zum Menschen machenden Werte, der diesen hochkultivierten, ebenso strengen wie liebenswürdigen Denker auszeichnet. Seine Art, ein Thema von vielen Seiten her zu umleuchten, dazu ein reizvoller stoaskräftiger Redestil und, bei aller kritischen Abechattierung, die Unbefangenheit eines jugendlichen Instinkts haben ihm in Berlin regelmässig Uberfüllte Auditorien bis zu 500 Hörern vericuafft. Seit 1Ö32 Professor, wurde er aufgrund seiner Beliebtheit selbst bei manchen braununiformierten Studenten sogar bis Anfang 193« dort -- ein seltener Fall — festgehalten. Danach erhielt er einen mehrjährigen Forschungsauftrag an der Universität Birmingham (England), und zur Zeit ist er „Professor of Ethica" am Pendle Hill College in Wallingford, Pensylvania, USA, und ausserdem führen ihn Gastvorlesungen auf Einladung anderer Universitäten durch ganz Nordamerika. Baumgardt ist seit Jahrzehnten aktiver Zionist, er gehörte in den Nachkriegsjahren zu dem von Arlosoroff begründeten „Hapoel Hazair" in Deutschland. Wir wünschen ihm an seiner neuen Wirkungsstätte den verdienten Erfolg und wünschen zugleich uns, das« die Universität Jerusalem bald in der Lage wäre, diesen attraktiven Ersieher der jüngeren Generation an der uns und ihm wichtigsten Stelle einsusetien. sT. L | Cyrui Adl+r j Die amerikanische Judenheit. aber mich die Weltjudenheit, hat durch das Ableben von Dr. Cyrus Adler (im Alter von?« Jahren) einen schweren Verlust erlitten. Adler war nicht der Typ eine» „politischen" Führers, rr war jeden» politischen Judentun» abgeneigt., eher war er ein geistige/ Führer und Organisator. Mit ihm ist die letzte grosse Figur der nichtzionistischen amerikanischen Gruppe, die um da.s Jahr 1928 herum für die aktive Teilnahme an der Palästina-Arbeit interessiert wurde im! dnnn l!>29 in die erweiterte Jewish Agcncy eintrat, dahingegangen. Unmittelbar nach der Gründung der erweiterten Agency hatten wir den Verlust von f/>ufs Marsliall und Leo Frankel zu beklagen, kürzlich ist Felix Warburg dahingegangen. Cyrus Adicr war aus diesem Krei.m der letzte Vorsitzende des Administrativ-Komitcc» der gemischten Jcwlsh Agency. Adler war eine der prominenten Figuren der sogenannten „deutsch-Jüdischen" Gruppe in Amerika. Seit Jahrzehnten steht er im wissenschaftlichen Leben dar amerikanischen Juden an vorderster .Stolle und war zugleich Prftsldent des Dropsie-Colle^e in Philadelphia und des jüdisch-theologischen Seminars in New York. Adler stand dem Zionismus mü tiner starken Reserve gegenüber. Er war aber interejfjjiert an allen geistigen Angelegenheiten Palästinas und Mitglied 'des Kuratoriums der Hebräischen Universität. Kürzlich erst wurde er vom Präsidenten Rooseveit als Repräsentant des Judentums aufgefordert, bei der religiösen Vorbereitung einer echten Friedcnsgesinnung mitzuwirken. FREIHERR MAX VON OOLDSOHMIDT- ROTNSONILD In Frankfurt n/M. ist Im fawt vollendeten 97.^ Lcbemsjuhre nach kurzer Krankheit Freiherr Max von Goldschmidt-Rothschild gestorben. F,r war am 20. Juni 1W3 In Fiuiikturt a/M, als Sohn den grossherzog liehen toskani.scüen Kommls Benedikt Hajuin Salomon Goldschmidt geboren und entstammte einer alten Lraditionsreichen Frankfurter jüdischen Familie, als deren Ahnherr der 1521 von Nürnberg zugewanderte Moses Goldschmidt „zum Schwan" genannt wird Maximilian Goldschmidt heiratete im Juuu »878 Minna Früiin von Rothschild die Erbin des Frankfurt«? Zweiges des großen Hauses, eine Tochter des Barons Wilhelm Karl von Rothschild aus seiner Ehe mit seiner Wiener Cousine Mathilde von Rothschild. Maximilian Goldschmidt, der berufen wurde, die Tradition des Hauses der Rothschiida in Deutschland fortzusetzen hat noch alu Kind im Hause der Stamm-Mutter der Rothschilds, der alten Frau Gudula, verkehrt, er hat noch ihre Sohne, den Erben de« Frankfurter und Salomon. den Begründer des Wiener Hauses, gekannt Im Jahre 1903 wurde er von Wilhelm II. zürn Freiherrn von Goldschmidt-Rotharnild ernannt. Sein Sohn Freiherr Albert von Goidschmidt-Rothachild war unter Wilhelm II. eine Zeitlang Botschaftsattache^ im Deutschen Diplomatischen Dienst und lebt heute in Lausanne. Dr. Moritz GoMateln feierte dieser Tage in England, wo er das Visum nach USA abwartet, seinen 60. Geburtstag. Goldstein iat der zionistischen Idee seit langem verbunden und hat 1912 durch seinen Aufsatz „Deutneh-füduicher Puma**" in der Zeitschrift „Kunstwart" den Anstois zu einer Aussprach« gegeben, die einen Markstein in der geistigen Entwicklung des deutschen Judentums darstellt;. Ii* war der ernte Versuch einer geistigen Grenzziehung zwischen Deutschen und Juden, und der christliche Herausgeber dea Kunstwart Ferdinand Avenarius zeigte damals mehr Verständnis für die jüdische Position als manche Juden. In der Nach-Hitler-Zeit hat Goldstein in der „Jüdischen Rundschau" den Gedanken eines jüdischen Europäertums vertreten, und in den Jahren seines Exils in Italien schrieb er eine grossere Arbeit über die Judenfrage, die noch nicht veröffentlicht ist. Ais Publizist (der „Inqult" der „Voss Ztg." von einst) und Schriftsteller ist Goldstein weiten Kreisen bekannt. Wir wünschen Ihm, dass er eine neue Stätte geistigen Wirkens finden möge. In der V e r 1 u s 11 i s t des englischen Luftministeriums wird der Jüdische Flieger Ahron Grcenberg unter den Toten genannt.

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