Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 15 (15.4.1940)
- Date
- 1940-04-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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15. April IMÖ JÜDISCH* WKLT.ftÜNDiCHAÜ aett«3 Vernunft und Religion ZUM NEUEN IUCNE VON LEON IRUNSCHVICQ Proffwnor Julln» Outtmann zum «0. Grbt.rtsUR In herrlicher Verehrung Vor acht Jahren hat Hrnri brni*>> < sein Buch Über „Sittlichkeit und Religion" veröffentlicht, in welchem er, jenseits »Her positiven Religionen, den Grund zu einer Erneuerung des religiösen B«wu*atse4. *. *»• legen versuchte Jetzc hat der zweite gr-,<-so französische Philosoph jüdischen SUmme.?. Leon Krunschvi c g, ein Buch über „Dir Vernunft uni die Religitm" erscheinen lassen, das in vielen Beziehungen m den Spuren Bergsona geht <..L»i Raison et. »a Religion". Paris.' Felix Akan, 2« PBrunschvicg freilich, der i grosse Historiker d.sr Philosophie, dem wir ao wichtige Untersuchungen über die Geschichte de» (Jott i*i mich nicht durch abstrakte Beweise zu erweisen. «ond?rn durch eine Intuition zu ergreifen, welche die Grenzen der Persönlichkeit durchbrichi, in einer inneren, intimen Krfshrung, an welcher durch den gegenwärtigen Augenblick und den jvirtikularcn Akt hindurch Ewigkeit und Universalität dem Menschen aufgehen. Diese Intuition dos Unendlichen und Ewigen, befreit von jedem rmfologlschen Vorurteil, führt uns au '♦ott. Ein »oJcner < '-nttesbegriff schliefst die Schöpfung ebenso aus wie den Pantheismus, weil jGläubigen Anderer Religionen, der in ähnlichem diese beiden Gott durch eine Beziehung zur Re.iU- , nneren Kampfe steht, verwände und ihm nahe, tat der Welt erklaren und ihn damit der Dyna- | Soll er deswegen ausserhalb seiner Religionsget sehe religiöse Denken konnte Cohen s*j»n; „Der i anstÖPWg»!/nter.«rehie<! zir1i< h n Glauben und i WK«en hst keinen F. uim im judiaclwn tfewusst' sein' «Jüdische Schriften t 24» und konnte (dort, 3. *»9> auf Dachjas „Herzenspfliehten" aus dem!! .lahrhunderf verweisen, der es ein Verfilh- [ mng.smittel de« bösen Triebes nennt, xti sagen, .das» os eigentlich mit der Offenbarung genug *ei und, «las« man der Pflege der Vernunft niern i bedürfe" f Vi mit aber .*teh? für den Juden die; Prohlemdtii: von vornherein anders und er kann; >hne .Schwierigkeit die Erwe-.tenmg des modernen kVetrhilde« übernehmen IMh bedeutet freilich nicht, dass alle Fragen, die Brunschvicg «lufwirft. für uns schon erledigt sind. Sicherlich lebt auch n eitlem grossen Teile der judischen Gemein* .chaff jener egozentrische Glaube fort, den Brun- «ehvtcg unerbittlich verwirft Und sicherlich fühlt .sich andererseits der Jude der sich zu einem einen Glauben emporgerungen hat. mit dem mathemaLisch-philmophiachen Denkens, über; mik berauben. Gott ist der un'er uns lebendige; Pascal und über Spinoza verdanken, konnte sich j Gott, der sa^t: ..Ich werde unter ©uch sein", j nur in einer ausführlichen Auseinandersetzung j ..Unter euch", das ist immanent und spirituell j mit dem histo-isch Gegebenen den Weg zu einer gemeint: Im Trinern des Menschen begegnen ein-! neuen Auffassung der Religion bahnen [ander Gott und Seele Diesen Höhepunkt der j Brunschvicg sieht die Religion heute an einem reinen GotteMufTasfiung sieht Brunscbvleg bei i Scheidewege. Siei«t in Gefahr, von ihrer Vcr- Spinoza erreicht dessen GotifwhegrlrT von jeder I gangsnheit entrück» zu werden, und nur eine j Ebenbildüchk männliche und radikale Entscheidung zwischen] ein (k>u, den ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft kann sie; Gegenliebe r,u reiten. Die Vergangenheit da» ist «die Religion de» „Realismus", der Hypostasierung. des Anthropomorphismus und der Unterwerfung der Religion unter die egoistischen Wünsche de« Menschen die Zukunft der Religion ist Befreiung des Bildes Gottes von jeder Anglcichung an den Menschen, Verinnerlichung, Spiritualität. An drei Antithesen orientiert Brunschvicg sein religiöses Gefühl, entsprechend den drei grossen Themen: Mensch, Welt, Gott. Der Mensch Ist ein vitales Ich und ein spirkuales Ich, begrenzte» und weltweites Ich. Indem die Religion Gott in Analogie zum Ich denkt, hat sie die Wahl und Entscheidung zwischen diesen beiden Aufladungen des Ich. Am Beispiel des Heils und seiner Auffassungen in der Religion kann man diese Zweigabelung verfolgen. Wir sehen an frommen j heit des Gedankens, Tempelstiftungcn, wie das Heil, für das durch fromm« Stiftungen gedankt wurde, heraogezerrt werden kann: als Erfolg im Leben, als glücklicher Abschluss einer Heirat, als Rettung aus der Gefahr. Auch heute noch stehen Messen, Gebeie und Predigten im Dienste jenes ..Ich", ..dessen Titel auf den Vtsitkart.cn oder auf den Grabsteinen geschrieben stehen". Ihm steht d^ia spirituelle Ich und eine entsprechende Gottesauffassung entgegen und Brunschvicg glaubt, das.« es das Ägypten Ikhnatons war, in welchem da.*? Ich sich von seinen irdischen Schlacken befreite. Dieser Befreiung entsprach die Universalität der Religion, welche alle Menschen umfassen wollte ohne Rücksicht auf Rasse, Sprache und Farbe, ja welche die Fremden den Ägyptern voranstellte. Dieser spirituellen Religion war die Unsterblich - keit nicht einfache Fortsetzung des irdischen Lebens mit seinen Rangunterschieden und Hierarchien, sondern etwas, das vom Ich erworben werden musste. Von da ab ist die Religion vor die Aufgabe gestellt, das spirituelle Ich im Menschen zu suchen, das so oft dem persönlichen Ich entgegengesetzt ist, so dass man es nach den Worten des Neuen Testamentes nur gewinnen kann, wenn man bereit ist, seine See»lc zu verlieren. Und derselbe Dualismus in Bezug auf die Welt. Mit der neuen Naturwissenschaft hat »Wh das menschliche Wissen einen neuen Elan erworben. Der Mensch hat im Vordringen der Wissenschaft alle Grenzen überstiegen. Sollte dieser Eroberungszug der Wissenschaft nicht auch eine religiöse Bedeutung haben? Ist die Religion nicht vor die Aufgabe gestellt, den Rhythmus und die Orientierung der neuen Wissenschaft zu übernehmen? Kann sie angesichts dieser Wissenschaft den geozentrischen Horizont, die „mosaische Chronologie" früherer J ahfhunderte beibehalten, wo doch die Wissenschaft heute ein Universum trmfasat, das weit Uber alle irdischen Masstäbe hinausgeht? Und endlich die dritte Antithese, die den Gotteabegriff selbst betrifft: Menschlicher Gott oder göttliche" Gott. In diesen Ausführungen von Brunschvicg ist vielleicht seine Verwandtschallt mit Bergsons „dynamischer Religion" am ehesten greifbar. Gott soll nichts statische«, ruhendes sein, wir müssen una Gott erobern. meinschaft kämpfen? Hier i*t der entscheidend" ''unkt, wo wir Brunschvicg widersprechen müssen und wo unsere Dlfforen« ihm gegenüber ein -tchneideruler ist als Differenzen von geringerer Bedeutung in denen wir Brunsen vlcgs Formulierungen ablehnen m(Listen und auf die wir hier nicht eingehen können. <Nur auf zwei Punkte; mit dem Menschen befreit ist, j «oi kurz hingewiesen: Brunschvicg fehit voiiier Mensch Hobt, ohne von ihm i;ständig das Verständnis für den Dn"Charakter erwarten und der allem Egoismus j der Gottcsgewissheit. für den den Menschen?t n y ies Menschen und allem Partikularismu* «ntsprechenden Gott, auf dessen religiöse Be/r zogen ist. ..Vielleicht war es schreibt Brun-, deutung Buber so nachdrlick' f h hingewiesen sehvlcg - die Erinnerung an gewisse Marannen, j'hat. ur-d es fehlt ihm auch das Verständnis dabei denen die Grenze des Kultus zwischen Juden für, dass e* besondere Orte und Zeiten der Offen- und Katholiken »ich zu dunsten einer Gemeinsamkeit der Gefühle verwischt hatte, welche Spinoza von jedem partikularistischen Vorurteil befreit haben." In einem grossen Kapitel über ..Das Unglück de.s Eklektizismus", das hier nicht referiert werden kann, verfolgt Brunschvicg die Geschichte der Versuche eines Kompromisses zwischen der lebendigen und traditionellen Religion von Pla*o hu zum Ende des 11*. Jahrhundert*. Er verlangt E.itscheidu n g zwischen Uberlieferung und Leben. Wohl weiss er: Es ist nicht nur die Tragdie den Menschen verhinbarung gibt. Es gibt, meint er ho wenig bevorzugte Zeiten einer Offenbarung;d:i es In d-cr Astronomie ein privilegiertes SteriH iu,tntrum gibt. Dem widerspricht aber sowohl die Erfahrung des Einzelnen wie die Geschichte, von der einmal Julius Guttmann schön sagte, daxs „Je<le Zelt ihren Ort" habe. Die ..Zelt" der Religion L<n nicht die ..Zelt" der Physik). Der Kampf um die reine und lebondJge Religion muaa innerhalb der traditionellen Religionen durchgefochten werden; und die» nicht nur um jener Pädagogik willen, von der Brui^ hvlcg so hon spricht, sondern auch deswegen, weil die lert. sich zu entscheiden. vie»lm«hr der ..Wunsch reine* Vernunfcreligion ein schattenhaft««» Dasein nicht mit der Gruppe zu brechen, der man für führen würde, wenn sie sich nicht mit hlstori- «icine spirituelle Bindung Dank schuldig und j schem Inhalt erfüllt. Bekannt sind die Worte dankbar ist, ein Zug von Herablassung und auch \ Cohens über „Das Opfer des Gefühls", das er brlnvon Güte, der dazu führt, dass man ein Kompromifis sucht mit der Absicht einer politischen und moralischen Pädagogik, welche hochgesinnt unl edel ist." Aber Brunschvicg verlangt trotzdem die Entscheidung. Wer seine Religion zu wahren sucht, wird sie verlieren. Dies zeigt der heutige Zusumd des Glaubens, wo auf der einen Seite die Gläubigen stehen, auf der anderen di« Soziologen, welche -sie beobachten und studieren, man Ameisen und Bienen studiert. Ist das ein würdiger Zustand für die Religion? Ist es recht, «'■aas unsere Entscheidung von Furcht diktiert wird, statt dass uns vielmehr Hoffnung und Mut beseelen sollten, Mut, uns ein religiöses Weltbild */u schaffen, das unserem wahrhaften Sein entt prechen würde. Das Gottesbild der Vergangenheit war eine Projektion des Werkzeug-Menschen, des homo faber. angepaßt seinen egoisbiwenen liebensbedürfnissen. das neue Gottesbild muss dem homo sapiens entsprechen und von der Vernunft in schwerem Kampfe täglich neu errungen werden müssen. Ein Kompromiss ist unmöglich, man kann nicht zwei Herren zugleich di*enen. Mit diesen Worten schliesst da3 Buch von Brun- .nehvieg. Was .so*!en wir dazu sagen? Es ist tragisch, dass Brunschvicg ..... zweifellos einer der kenntmsre«di3ten Philosophen der Gegenwart - vom Judentum, von der Religion seiner Väter so gut wie nichts weiss. Es ist aus rein sachlichen Gründen zu bedauern, dass er sich einseitig am Katholizismus orientiert (er erwähnt in der Vorrede, das» katholische Freunde, Priester, Ihm anvertrauten, dass *ie um seiner Irrtümer willen für ihn im.em. Eis ist überraschend, das* Brun~ .sehvixg, wo er von der reinen Religion spricht, die Gott nicht an menschlichen Masstäben misst, nicht das Buch Hlob erwähnt, oder dass er. in Ausführungen über das Problem der Sündenvererbung, nicht Ezechiels gedenkt und seiner Lehre von der Selbstverantwortung der Einzelseele, die in unserer Zelt Hermann Cohen neu ins Licht gesetzt hat. Hätte Brunschvicg sich auch an der >iidf*rJw»» Religion orientiert, «o hätte er manches anders gesehen. Für das jüdigen rntiss: „Sie wissen", so schreibt ei, „wie sehr ich mit den tiefsten Regungen meines Herzen« mit dem inneren Leben unserer Religion verknüpft bin; aber Abstraktion tot auch hier mein Schickaal, und nur dl<? Echten können mich verstehen und. dulden" (Ucko. der Gottesbegriff in der Philosophie Cohens, p. 33). Aber Cohen hat sich nicht mit dem Schicksal der Abstraktion begnüg* wie es Brunschvicg tut - sondern ist in seinem grossen Nnchiasswerk der Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums nachgegangen. Das war nicht ein Kompromiss, wie es Brunschvicg darstellen würde, sondern da« BewusjHsoin, dasj die religiösen Urkunden der Vorzeit Offenbarungen jener echten Religion sind, die der Philosoph neu lebendig machen will Es i.n wohl d?r Grundfehler der Konzeption von Brunschvicg, dass er glaubt, Jene rc*'ig«ösen Urkunden seien — bis auf wenige Ausnahmen überwundene Stufen, Man müsse daher „die Toun die Tau.n begraben lasten" un-J «kH rdnrr neuen Zukuiift zuwenden. Er sieht nicht, ditia die gewaltigsten religiösen Impulse In dem ererbten Gute leben, immer wieder bereit, sich dem Suchenden neu zu erschliessen. Aber auch hierzu und vor allem hierzu - gehört die apirltuetüe und praktische Arbeit, von der Brunschvicg spricht, und jener Mut und Jene Hoffnung, die wir mit Ihm teilen. IImjo Bergmann (Jerusalem) Ein freudiges Ereignis besonderer Art war die Feier des 10-jährigen Bestehens der Mädchenfarm A jnnoth bei Nes» Ziona in Juiän. Die Anstalt liegt an einem besonders schönen Punkt und bietet mit ihren Häusern, Höfen und Gärten einen stattlichen und lieblichen Anblick. Es ist vor allem ein Werk der Leiterin Adda Fischman. Das Geld stammt in der Hauptsache von der WIZO in Rumänien, Aus den Ansprachen bei der Feier ging hervor wie Grossei hier bezüglich der Jüdischen Frau zur Landwirtschaft und damit zur Neuwerdung des Jüdischen Votkes geleistet worden Ist.