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Jüdische Weltrundschau · 1940-03-18 · 11 (18.3.1940) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
11 (18.3.1940)
Date
1940-03-18
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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lg, Uta 1940 JÜDISCH* WELT-RUIfD8CHAU MI» 1 Literatur*Blatt UM WISSEN UND GLAUBEN Fritz Hsinemann, vielen durch »ein Buch „Neue Wegt der Phikwophie" bekannt, das wohl die erst« zusammenfassend« Einführung in die Philosoph!« der Gegenwart und speziell die Existentialphilosophie war, hat das Schicktal des deutsch-jüdischen Gelehrten nach 1933 «rfahren: Da« Exil. Und die Odyssee wurde ihm „vollendetes 8ymbol meines eigenen Löbens" und Symbol seiner Wissenschaft tu gleich. 80 entstand Min Buch: „Odyanmt* oder die Zukunft der Philotophte" (Schriftenreihe „Auablick", Bemann- Fischer Verlag, Stockholm» Jetit geh* er den Spuren de« Odysscus-Erlcbnisses bei früheren Philosophen nach und sucht aeine Einwirkung auf die Geschichte der Philosophie nachzuweisen: Raiten im «infachen Wortsinn und abenteuerliche Vorstötae in noch unerforschte Bereiche im Geistigen, Erweiterung dar menschlichen Erfahrung*- möglichkelt da und dort. In unserer Zeit ist der Philosoph schicksalamäseig wieder tum Odysseus geworden. „Die aus Russland, Deutschland, Italien, Otterreich, der Tschechoslowakei (vielleicht aus ganz Europa) vertriebenen Philosophen wandern wie Odyascus Uber die Erde und, soweit sie noch lebendig sind, füllen sie ihre Seele mit neuen Erfahrungen", „Auf diesem Faktum beruht die Hoffnung, ja die Gewisaheit einer neuen Philosophie." Aber wir sind heute noch so weit entfernt von ihr, dass philosophische Arbeit heute nur vorbereitende und vorausahnende Vorwegnahme der zukünftigen Philosophie sein kann: „Vorphilosophie", die nur die künftigen Möglichkelten einer Entwicklung erspähen kann, einem Vortrupp gleich. Was Heinemann positiv als solche Vorphilosophie andeutet, ist freilich sehr unbefriedigend. Es ist wenig oder nichts darin von dem odyaseischen Erlebnis. Ein solches Programm für künftige philosophische Forschungen — so verdienstvoll es an sich ist ----- hatte auch vor dem europäischen Erdbeben vorgetragen werden können. Auch wird Heinemann der Philosophie unserer Zeit nicht gerecht. In den 30 Jahren nach dem Weltkrieg sind bedeutende philosophische Leistungen vollbracht worden. Wir brauchen nur beispielsweise die philosophisch« Bewältigung der Relativität«- und der Quantentheorie zu nennen, die grossen Fortschritte der deduktiven Logik und der Induktion, di« neuen Einsichten in das Wesen des Symbols, der Sprache und der philosophischen Syntax. Allerdings mag es dabei kein Zufall sein, dass der philosophische Fortschritt dieser Jahre sich vor allem Problemen der exakten Wissenschaft und der Logik zuwendete: Hier gab es noch festen Boden, wahrend die Weit wankte. Darin hat Heinemann recht, dass auch dam Philosophen di« Verbindung mit der Transzendenz verloren ging und damit der wesentliche Sinn seines Tuns. Aber hier wird keine „Vorphilosophie" helfen, welch« Programme künftiger Forschungen aufstellt, wohl aber die Mahnung, dis Heinetnan% als das „fundamentale Gebot" für den Philosophen hinstellt: Das Wieder-Mensch-werden. „Es gibt Zeiten, in denen das einfache Tun des Menschen, di« Bodenbearbeitung, säen, graben, pflüg«n, das Sorgen für die Menschen, für die Hilf «bedürftigen und Notleidenden wichtiger sein kann für die Philosophie als das Studium philosophischer Traktat«. Einen solchen Augenblick erlebet* wir." Der M«nsch und besonders der philosophierende Mensch muss sich selbst ändern, wenn das Transsendente wieder zu ihm sprechen soll. Der erkennende Mensch ist keine leere Tafel und kein unbeschriebenes Blatt: Das gilt nicht nur in dam Sinne, dass er erkennend mit bestimmten Kategorien an die Wirklichkeit herantritt, sondern in dem viel tieferen, dass er sich selbst zum Werkzeug der Erkenntnis machen muss und dass «s von seiner eigenen innerlichen Durchbildung abhängt, wie weit sich die Tore der Wirklichkalt seinem Erkenn tnisrwülen auftun. Diese Tataach« ist Aldous Huxiey (den bekannten englischen Romanschriftsteller) aufgegangen und aus ihr heraus hat «r s«in Buch „Unser Glauben" geschrieben, das gleichseitig mit dem Buch von Heinemann in derselben Schriftenreihe „Ausblick" erschienen ist Huxley erzählt von ale*, dass er bis zum Ende der zwanziger Jahre des Jahrhunder'.s nicht an einen Sinn in der Welt geglaubt habe. Teile der Welt, so dachte er, wie die Nation, der Staat, die Klasse, die Partei hätten Sinn; aber eine Lehre, welche der WeH als einem Ganzen Sinn und Wert suspräche, schien ihm unannehmbar. Und weil wir so gedacht haben, kam Uber Europa was gekommen ist. „Es war die offenkundig giftige Beschaffenheit der Früchte, die mich zwang, den philosophischen Baum, auf welchem sie wuchsen, einer näheren Prüfung zu unterziehen." So kam er zum Ergebnis, dass di« Welt einen Sinn haben müsse, dass «bor der Sinn der Welt sich dem Manschen nur erschilesst wenn der Mensch sich zum erkennt* nisbereiten Subjekt umschafTt. Wissen ist stets eine Funktion des Seins und Sein wird durch Übung .tiefgehend beeinflusse 80 verlangt Huxley „eine Lebensführung ständig wachen Bewusstseins und unablässiger sittlicher Anstrengung, sodann regelmässige Übung in der Technik der Meditation." Huxley legt also besonderen Nachdruck auf das mystische Kriegen und ein grosser Teil der Schrift tat. ihm und seinen Fragen und Problemen gewidmet. Wir brauchen darauf nicht einzugehen. Denn nicht hier sehen wir die Bedeutung des Buches Es ist wichtig als Ausdruck und Symptom der aufdämmernden Erkenntnis, dass der heutige Weltzustand das Resultat des Nihilismus ist, nicht nur des politischer., «jr.dcrr. eines Nihilismus der Seelen, der die ganz« Menschheit ergriffen hat, und TOB dem sich di« Menschheit nur durch ein Neuwerden der Seelen erlösen kannte. Hugo Bergmann (Jerusalem) ENGLISCHER JUDENROMAN TUR KAHS'8 PROQRB8S. By Richard VLL- MASS, Faber and Faber, London, 1M0. Der wesentliche Eindruck, den man von diesem flott geschriebenen und amüsanten Gegenwartsroman empfängt, ist nicht so sehr ein literarischer, sondern man möchte sagen ein politischer; England wird „Jew-consclous" (der Judenfrage bewusst), formuliert es eine der Gestalten des Buches, im Anschluss an ein oft gehörtes Schlagwort. Die Erzählung ist aus dem Leben gegriffen und gerade darum zeigt .sie uns, wie sehr heute in England dos aktuell ist, was wir die „Judenfrage" zu nennen pflegen Gewiss hat es die Judenfrage In Engkuij ebenso wie in anderen Ländern immer geg.'Nen und a'.c hat auch ihren Spiegel in der Literatur gehabt (kürzlich haben wir hier das Buch eines amerikanischen Professors über die Behl miung der Juden in der englischen Literatur angezeigt ■. man denke etwa an die Romane von Zangwili Jetzt über mehren sich die Judenromane, sie erinnern an die Zeit um 1910 in Deutschland, als die „Juden von Zirndorf", der „Weg ins Freie" usw. zeigten, wie sehr man in Mitteleuropa ,.Jewconscious" geworden war. Man möchte freilich lieber diese Parallele nicht wahr haben und nioit weiterführen. In dem Roman von Ulimann ruft eine christliche Arztfrau an einer Stelle wüten 1 aus: „Ich will nichts mehr von ihnen wiisen, denn was ich von allen Seiten höre, ist immer wieder: Juden, Juden, und mir ist schon K""* über davon." Diese Frau sucht sogar die Juden zu verteidigen, sie beschwört ihre Freunde, sich doch nicht um die Juden zu kümmern; es gelingt nicht. Immer wieder kommt das Gespräch auf diesen Gegenstand. Ihr elgitur Mann ist ein wütender Antisemit, sei es «ucn nur, wie sich in einer schwachen Stunde zeigt, aus dem Grunde, well er einen berühmten jüdischen Arzt, der als Flüchtling aus Deutschland ge.;.Pinien ist, als geschäftlichen Konkurrenten betreutet. Wie immer dem sei, der Wunsch eines reich gewordenen jüdischen Kaufmanns, einen alten englischen I^andsitz zu erwerben, erregt in den nicht jüdischen Kreisen, die ein kleines Hotel in diese Gegend bevorzugen und als exklusiven I^andaufenthalt lieben, lebhaft« Entrüstung. Es ist einfach „shocking". Und als nun die ganze Familie Kahn angereist kommt und sich in dem Hotel breit macht, haben wir vor uns einen klassischen Ausschnitt aus der .....- gefühlten, nicht begriffenen--Judenfrage der Gegenwart Da« Benehmen eines Teiles der Juden ist, milde gesagt, ungeniert und steht in scharfem Kontrast zu der Zurückhaltung der christlichen Engländer. Rechnen wir noch dazu, dass sich aus den Liebesaffairen der beiden Kinder des alten Kahn Komplikationen ergeben, weil der Alte den mittellosen Freier der Tochter in der Vorhalle des Hotels hinauswirft, während der schon moderne Sohn eine Freundschaft mit einem christlichen Mädchen hat, so haben wir Zustände und Probleme vor uns, wie sie in der vor-hitlefischen Zeit in Mitteleuropa gang und gsbe waren. Den Höhepunkt bildet die Auseinandersetzung zwischen dem alten Ansei Kahn, dar unter dem Eindruck der Erlsbniss« wieder orthodox geworden ist, und dem Sohn, der in dem jüdischen Separatismus eine Mitschuld der Juden am Antisemitismus sieht. Feine psychologische Beobachtungen finden wir auch sonst noch in dem Buch, dessen Lektüre nachdenklich macht, weil man sich die Frage vorlegen muss, wohin diese gefühlsmäßige und soziale Zuspitzung in einem liberalen Land führen kann, wenn nicht «in energischer und klarer Wille - bei den Juden - da ist, die Lösung des verschlungenen Knotens mit vollem Bewusstsein und mit voller Verantwortung zu versuchen. Denn die Dinge einfach laufen lassen, kann zu keinem guten Ende führen. ach. GARUNG IN ASIEN JOUN QUNTUKM, SO SEHE WU ASIEN. Verlag Allert de Lange, Amsterdam, 19*0. Der amerikanische Journalist John Gunther, dem wir schon ein feaselndes Buch Über das Europa vor dem Krieg 1939 („Inside Europe") verdanken, hat dienern ein zweite« Buch Über Asien („Inside Asia"> folgen lassen, das Jetzt auch in einer deutschen Ausgabe vorliegt. Gunther hat die ganze Welt bereist, er ist «in sehr lebendiger Mensch mit offenem Bück und er versteht es, seine Eindrücke wiederzugeben Dabei bemüht er sich, soweit es bei solchen fliegenden Besuchen möglich ist, Material Über die politischen und sozialen Verhältnisse der Länder zu sammeln und zu verwerten Der Hauptteil des Buches ist den wichtigsten Gebieten Asiens gewidmet, jenen Riesen reichen, in denen heute Dinge vor sich gehen, die dem fernstehenden Beobachter undurchsichtig und unheimlich zugleich sind, weil wir alle ahnen, dass sie Gärungen im Körper Asiens zur Folge haben werden, die nicht lokal begrenzt sind, sondern das Schicksal der Welt als Ganzes mitbestimmen werden. Liegt doch die grosse Aktualität von Büchern wie dem vorliegenden darin, dass das Bewusstsein für die Einheitlichkeit der Welt heut« stärker ist als jemals seit Menschengadenken. Das Wort von der „Unteilbarkeit des Frieden«" umfasst heute die ganze Welt und Machtverschiebungen In einem Teil haben Rückwirkungen in jedem anderen. Neben Japan. China, Indien u.a., von deren führenden Persönlichkeiten Gunther eingangliche Chrakteristiken gibt, behandelt sr im Schlussteü auch Palästina Dieser Teil ist für den palästinensischen Leser ein Prüfstein für die Zuverlässigkeit das ganzen Buchas. Im Grossen und Ganzen kann gesagt werden, das« die zwei Kapitel über Palästina ein richtiges Bild der Lage geben, wenn auch der Verfasser in dieser kursorischen Ubersicht nicht auf dl« tieferen Hintergründe eingehen kann AI« fundamentale Ursache der Schwierigkeiten bezeichnet er di« Tataach«, das« „die Balfour Deklaration das Jüdisch« Natlonamelm nicht in einen luftleeren Raum hineinsetzte", sondern „in ein Land, das in Wahrheit «in arabisches Land wmr" Im Folgenden gibt Gunther ein« objektive Schilderung der weiteren Entwicklung Palästina* und «in« anerkennend« Darstellung der jüdischen Aufbauarbeit Nicht ganz verständlich Ist es, warum sr «Ich In dieser Zusammenfassung gerade au/ «in Buch wie das von William Zlff .JXe V«rgo-

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