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Jüdische Weltrundschau · 1940-03-18 · 11 (18.3.1940) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
11 (18.3.1940)
Date
1940-03-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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■ VVFV URB JAHBOANO II / JüDISCmflMDSCHAU S*dUtton, Verl«« ua« Ao««!c«a-Vtnr«ltun«: P. O. 8. «1»; 5. B*n J^-hud»-Str.. TVl^kon »Ol». r«r unTrrl«f>irt# M«nu»kr1jit* wird ktln» fftnnti« lb«rnomrorn J*<W Kin§«*4im<c <»<f»r Aafrcff« UM tili laUrn«tioMl«r Antworta-hH* boU;i(«p», Zw«rhrih*n für AI« Ri-'iJiktiun winku nicht «u £ini*)|>«-r«on<-n. •on4«>rn »n 4l<< K<?<Ukt!<>n. Jf)rnt*l«m. P. O. B. 0t0 «rb«t«a. SALEM 18. MARZ 1940 •-p a vw n Sr«*«nt «IiumI wftcMnttkJ» — *n»ttf«BMa»fcM ftl •U« LtaS«: •uiMhlltMlieii itr«MU>W FOL ••», — Aiu»t««al«>H« p*r ItiftfoM «rb«t«n — l>io AnMlf e«S«tU •••rUUf In « gpalltn. je 3.» cai br*lt, OrtnidpreU 1 ta«a cm tt. %/. J« Spall«. — attnUaalfrom l| lael (3.75 ctn). SfltUgipralM «*rfl. Litt« »m HrhtnM 4. Slatta». „Die Wahr/teil sieg!" „Die Wahrheil wird siegen" — dieser neren Bünden wie „Kleine Entente" (kennt Wahlspruch de» Professor» Thomas Garrigue jemand noch dieses Wort?), eben erat mit Masaryk, ersten Staatspräsidenten der dem Nordischen Bund etc. gemacht wurden, tschechoslowakischen Republik unserer Tage, beweisen, das« nicht eine papierene Solidarität, der dieser Tage 90 Jahre geworden wäre, ist sondern nur eine wirkliche staatsrechtliche sicher nicht eschatologisch gemeint, nicht auf Verbundenheit die kleinen Völker zur Koopecin mesaianisches Zeitalter gemünzt, sondern ration bringen und vor dem Einzeln-Verer ist ein Auadruck des rationalistischen öp-1 schlungenwerden bewahren kann. Masaryk. timismus und Fortschrittsglaubens des 19. | der seine eigene Partei die „Realisten" nannte, Jahrhunderts, dessen Kind dieser Politiker» war im entscheidenden Moment nicht Realist Philosoph gewesen ist. Der Spruch erinnert; genug gewesen, sondern hatte sich an dem äusseriieh an das bekannte Wort Emile Zoi romantischen Traum der Selbständigkeit bela's „La verite est en marche" — Die Wahrj rauscht. Wir stehen heute vor einer Kuckheit ist auf dem Wege —, aber dies war eine j entWicklung, die so manche Faktoren, die zu bestimmte, konkrete Wahrheit, die Enthülj Masaryks Zeit noch als felsenfest galten, lung einer bestimmten Lüge, der Lüge von I erschüttert hat. Umso mehr gilt heute für der Schuld des jüdischen Hauptmanns Drey-jalle kleinen Völker die Erkenntnis, dass fus, für die es keinen Beweis gab als die Ver- I Politik nicht die Verfolgung letzter Wunschdächtigung eines Offiziers wegen seiner jüdi-| ziele — die oft ohne jeden Zusammenhang sehen Abstammung. Auch Masaryk hat in 1 mit der Wkklichkeit von Zeit und Ort entseinem Leben mehrmals gegen volkstümliche \ standen sind — sein kann, sondern nur die Lügen gekämpft, die berühmtesten zwei Fälle sind die Entlarvung der Fälschung der zum tschechischen Nationalheiügtum erklärten „Königinhofer Handschrift44 und sein Eingreifen in den „Ritualmordprozeeis" Hilsner in Polna 1899, bei dem er mutig die gemeinsten Schmähungen seiner Landsleute auf sich nahm — um der Wahrheit und des Rechtes willen. Aber Masaryks Merkspruch „Die Wahrheit siegt44 galt nicht einem besondern Fall, sondern war eine allgemeine Sentenz. Sie war — besonders in seiner späteren Zeit — auch auf das politische Leben gemünzt. Und da wird die Sache schwieriger. Wo« ist Wahrheit f — ist man da versucht, mit Pilatus zu fragen. Auf politischem Gebiet nach Meinung der Generation Masaryks offenbar das Selbstbestimmungsrecht der Völker, ein nicht nur politisches, sondern ethisches Prinzip, das den Völkern ihre nationale Freiheit verhiess. Wie das in der Praxis aussteht, ist eine andere Frage, und eine Frage von aktuellstem harte und geduldige Arbeit an der Erreichung des Erreichbaren, mit Respekt vor den Tatsachen und vor den Lehren der Geschichte. Gerade In dem Moment eines grossen, die Weltordnung von Grund auf umsturzenden Krieges muss das stets im Bewusstsein bleiben. In diesen Tagen jährt sich zum ersten Mal der Tag der völligen Zerstörung der Tschechofllovakci, deren Untergang ja schon bei der Münchner Konferenz besiegelt war. Die Zeit fliegt schnell, heute denkt kein Mensch mehr an den Präsidenten Hacha, der ja mit seiner Regierung auch nach der Okkupation das Land — unter deutschem „Schutz" — regieren sollte. Das Wort Schutz erinnert an das uns allen nur zu gut bekannte Wort „Schutzhaft", das ursprünglich eine Haft zum Schutze eines Angegriffenen bedeutete, praktisch aber missbraucht wurde für jede willkürliche administrative Interesse. Gerade das Schicksal des voni| Verhaftung. Die Darstellung von Hachas Masaryk gegründeten Staates bildet einen Besuch in Berlin am 14. März 1939, enthalgeschkhtlichen Wendepunkt sondergleichen ten ua in dem offiziellen Bericht des Berliin der zeitgenössischen Geschichte. Wir alle i »*r französischen Botschafters (abgedruckt hoffen, dass für das tschechische Volk noch!» den frsjrätfechen „Getbbuch"), sollte in Ländern. CJemcnceau, von dessen Persönlichkeit der brilliantc französische Schriftsteller und Redner Andre Siegfried dieser Taue in einem Vortrag in Jerusalem ein lebendiges Bild gab, wusste es besser. Der Hacha-Beauch zeigt den kleinen Völkern und „neutralen44 Ländern, was ihnen droht, wenn sie nicht solidarisch zusammenwirken für eine neue Weltordnung, wenn sie wie bisher den nationalen Egoismus immer solange als oberste Richtschnur nehmen, solange es — wenigstens scheinbar nicht sie selbst, sondern erst ihren Nachbar (oder Verbündeten) trifft. Das Andenken Masaryks wurde in Palästina besonders innig gefeiert, und einige Tage nach seinem 90. Geburtstag erfolgte die Grundsteinlegung zu Kfar Masaryk, „Masaryk-Dorf", einer Siedlung in der Haifa-Bay, gegründet in der Hauptsache von Siedlern aus der Tschechoalovakei im Verein mit dem „Haschomer Hazair"; die Siedlung ist gruppiert um eine grosse Ziegelf abrik modernster Art. Masaryks Figur ist bei den Juden der ganzen Welt sehr populär, nicht nur (bei der älteren Generation) wegen seiner Haltung in der Hilsner-Alfaire, sondern auch weil sein Staat ein Bollwerk der Demokratie und Gicic^bOT&bjUttunf in Europa war. Masaryk selbst hatsteh nfeht ata „Judetifreutwl** bezeichnet. Er ist nicht eingetreten „für die Juden", sondern „gegen das Unrecht". Er folgt seinem Wahlspruch „Die Wahrheit siegt" und duldet keine Verdrehung des Rechtes aus rassischen oder religiösen Vorurteile«. Er ist nicht voreingenommen für die Juden, ebensowenig gegen die Juden. Wenn Juden unrecht haben, dann wird er gegen sie stehen. Nur zufällig zufällig? —- wird den Juden gegenüber besonders oft das Recht gebeugt. Wir sollten mit der alten Ghetto- Gewohnheit brechen, die Menschen in Judenfreunde und Judenfeinde einzuteilen und die einen zu verherrlichen, die andern abeuleanen, unabhängig davon, ob sie recht oder unrecht haben. Ein grosser Mensch ist auch in unsem Augen nicht der, der den Juden recht gibt, sondern der jedem (auch seinem eigenen Volke, aber auch den Juden oder anderen) dort unrecht gibt, wo sie unrecht haben. Übrigens ist es eine Legende, dass Masaryk ein bedingungsloser Anhänger dee Zionismus j war. Er hatte seine Zweifel, z. B. wegen der die Wahrheit siegen wird, aber welche Wahr- Millionen Exemplare» in der Welt verbreitet Umschichtung, die ihm, dem Bauernsohn, heit? In der Politik gibt es kein abstraktes j werden, zur Beachtung vor allem der Leute, sonderbar erschien, oder über die Lebensfähig- Prinzip, sondern nur eine Relativität, die sich1 die noch an Deutschlands Recht glauben, sich fait der künstlich geschaffenen hebräischen aus dem jeweiligen Kräftespiel ergibt, und die J~~ ----- « "* l —-i. i_ ..... . höchste Kunst des Politikers ist, dieses Kräftespiel richtig einzuschätzen und nicht die eigenen Wünsche für Realität zu nehmen. An einer langen Kette von Baiapielen — luietst in dieser Woche — haben wir erlebt, dass daa 1918 verkündete „Selbstoestimmungsrecht44 der kleinen Völker nur ein Vorspiel zu neuer Knechtschaft war, und au einer Knechtschaft, die weit schlimmer ist als das Joch% das sie abgeschüttelt haben. Wenn Masaryk heute lebte, würde er wohl erschaudern sngeaichia der Lage »eines Volke«, er, der schon die „Unterdrückttnr4 *» österreichischer Zeit für die schlimmste Stufe hielt Die Erfahrungen, die mit dem Völkerbund, aber auch mit kJei- Uber den Frieden von Versailles zu beschwe- Sprache. Aber er würdigte und respektierte ren. Hacha wurde mitten in der Nacht ein , da» ehrliche Bemühen und die hohen Ideale fertigen Dokument zur Unterachlift vprgeder Juden, in denen er eine Art nationalen legt, mit der Erklärung, dasa es Verhaadlun- Humanismus angedeutet sah. gen nicht gehen könne, und als der alte! Masaryk ist eine ungewöhnliche Gestalt Mann ohnatächtig wurde, gab man ihm eine [des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts; er Kampferapritse, damit er unterschreiben j war nicht ohne politische Irrtümer, sein gekönne. Deutschland hat übrigen« auch fo [schichtlicher Ausgang ist tragisch, aber als dem Frtedensschluss mit Sowjetruealand in Träger grosser menschlicher Ideen wird sein Brest Utowik 1917 gezeigt, data es diktieren kann. Der Schwache ist jeder Willkür preisgegehaa - wie die Juden in Deutachland. Was war VeraaiUea gegen diene brutale Vergewaltigung dar Haeha^Taeneehes! Und doeh Int die deutsche Legende auch heute noch bei vielen populär, beaoiideis in sngelaiehafaeheit Name mit Ehrfurcht genannt. In Palästina, in Kfar Masaryk und Ja'ar Masaryk (dem Maaaryk-W%ld das Keren Kajemeth) lobt er fort, in der dankbaren Erinnerung des jüdischen Volkes. Und an diesem seinem Gedenktag wir mit ihm: Die Wahrheit wird siegen.

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