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Jüdische Weltrundschau · 1940-02-12 · 6 (12.2.1940) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
6 (12.2.1940)
Date
1940-02-12
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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JÜDISCÄ JAffftGAiW II / Nr. 6 Redaktion, Verlsg und AoM!|«n-Verwaltung: JeruftSissi P, O. S 6ft<»; 5, Bpii J«hti4»-3tr., TVl»pbon 307« Für uivvrri»nirl« Maniukrlpt* *ird %*ln* (»«renti« ttbernoiruticr). ,;,.dfr KiaMtidunf od#r Ab fr»»« Ist »In tot« sslioaaler AntworUch*in b-IiufUf »n. Zutcbrifwn fttr dl« R<-d*ktlon »f-rd.-n nlehl «n £tni»)p«rson«n. iond-rn •n dio KrdakUon, Jmrnumi*m, P. O. H 68S »rt>«Uft JKIIISALKM 12. FEBRUAR 1940 T'n 'k im -2 DSCHAU Brscbtint «lamni vAcfcsuUlca Anseis,ea*»o*luse für «11» Linder: •»••ctiil^ctlleh Jsrusaieoi r.ü l. ••». -- AninUnilKStit p«r l.uflpo»! irbr»«n. - - Dt« Atii«ig«n ■ -rf*I!t In rt RpAltcn. J« 3.0 cm brxll. Orundpr*!« I laeh cm «h 3/. Hi>»H« — Minimale rfts*» 1| »nc* <;).7.i cm). Betnfsprsls« v«rgl. Litt« •»> «chJuM d Hlstt<». Ein Dokument warum juden? Von vielen Berichten, die wir über die Lage von Juden innerhalb de» Herrschaftsgebietes der Nazis erhalten, «sind wir beinahe schon abgestumpft zum Teil auch wird man nnsstrauisch gegen die einander jagenden furchtbaren Bericht«, weil man «ich so viel EntaeuUcheÄ garnicht vorstellen kann Auch erleben wir all« immer wieder Fälle, in denen durch Nachrichten ausgewanderter Juden ein viel müdere* Bxki entsteht, denn es liegt im Wesen solcher Verfolgungen, dass nie garnlcht hundertprozentig alle gleichzeitig erfassen kann, sodass besonders In den groaaen Städten noch immer zahlreiche Juden zwar ausser» t bedrückt und armselig, aber doch relativ unbehelligt leben. E* wäre auch völlig unerträglich, wenn wir, die wir noch Tausende von Angehörige in den Ländern der Naxi-He rr schaft haben, annehmen müssen, das» alle ausnahmslos gequält und gepeinigt werden. Davon kann naturlich nicht die Rede sein. Umso erschütternder wirkt es, wenn wir aus dem Nazi-Reich einmal ansteile der üblichen Berichte und Zeitungsmeldunger. ein Originaldokument in die Hand bekommen, da» Band« spricht. Durch einen Zufall gelangen wir in den Besitz eines solchen Dokumentes. Es handelt sich um eine Bekanntmachung der Jüdischen Gemeinde Teschen. (Das ist das umkämpfte Gebiet, da» ursprünglich zu Österreich-Schlesien gehört«, 1%20 an die Tscheehoslovakei fiel und im Oktober IMS den Tschechen von den Pole»» weggenommen wurde, um dann keinem von Beiden zu verbleiben, sondern - wie beide Lander — von den Nazis eingesteckt zur werden.) Die Gestapo bedient sich in dem von ihr besetzten Gebiet sowohl in der Tachechosiovaket als auch in Polen der teuflischen Methode, ihre Zwangsmassnahmen nicht direkt vorzunehmen, sondern, von den jüdischen Instanzen organisieren zu lassen. Das Dokument hat .folgenden Wortlaut: Vertrauensmänner der Judischen Gemeinde in Teschen. Auf Befehl der Geheimen Staatspolizei vom SU 11 aüi» veröffentliche ich folgende Bekanntmachung. 1) In den nächsten Tagen wird eine Umsiedjung sämtlicher Juden mit ihren Familien im Te&chener Gebiet durchgeführt. Umgesdedelt werden auch alle, die sich vorübergehend in dieeem Gebieaufhalten 2) Die Vorbereitungen zur Umsiedlung werden von dem Komitee der Jüdischen Gemeinde durchgeführt 3) Sämtliche Juden, die sich bei dem Komitee der Jüdischen Gemeinde noch nicht gemeldet haben, müssen sich »weck« Registrierung sofort anmelden 4) Ein Verbleib am bisherigen Wohnorte gegen die Anordnung dt-» Komitees und eine Ruckkehr in das genannte Gebiet ist ausgeschlossen 5) Die nicht registrierten Personen werden zur Umsiedlung gezwungen werden. 6) Jede Familie wird noch von dem Abfahrtstermin durch das Komitee benachrichtigt. 7) Jeder Angesiedelte darf mitnehmen: Oepäck bis 30 Kilo je Person, Geld nur in polnischer Währung und Verpflegung für 8 Tage 8) Es darf nicht mitgenommen werden: Gold, fiüber, Wertpapiere, in deutscher Wahrung. 9) Ein« Beschädigung zurückbleibender Vermögensgegenstände ist verboten 10) Ein Verlassen des Gebietes vor der Umsiedlung ist verboten. Zu obiger Bekanntmachung wurden noch mündliche Instruktionen erteilt, die angeschlossen sind und gleichfalls der Jüdischen Bevölkerung bekanntzugeben sind Teschen, ». November 1W9. Da» Komitee der Jüdischen Gemeinde: ges Dr. Ziffer Nach den ^genannten „mündlichen Instruktionen", die gleichfalls mitgeteilt werden, haben die zum Transport bestimmten 1000 Juden jeden Geschlecht« und Alters sich abends um S Uhr im Kloster der Barmherzigen Brüder zu versammeln. Alle haben ihre Wohnungen gut zu verschllessen und die Schlüssel fest gebündelt mit Namen und genauer Adresse verschen an die Gestapo abzuliefern, zugleich mit einer genauen Aufstellung der zurückgelassenen Einrichtung. Es werden Treuhänder eingesetzt, denen es obliegen wird, „für den Verkauf der Sachen in einer Weise Sorge zu tragen, dass Schäden möghehst vermieden werden". Wie ferner bekannt wird, hat die Gemeinde Teschen noch vor dem Erlaas dieser Weisungen ein Gesuch an die Geheime Staatspolizei gerichtet das vielleicht noch charakteristischer Ist als das hier veröffentlichte Dokument selbst. Das Gesuch liest sich wie ein Zitat aus einer mittelalterlichen Chronik, i Jede Erinnerung an die Begriffe von Menschen- | recht und Menschenwürde, die im 19. j Jahrhundert als unverlierbarer Besitz der Menach-! heit erschienen, is; hier versunken. Völlig Rechtj los« bitten hier um die Gewährung kleinster Erj leichterungen im Namen einer Menschlichkeit, i an die zu appellieren in diesen Verhältnissen völ- I iig sinnlos sein muas. Auch Darlegungen der $ Vernunft, wie etwa der Hinweis darauf, dass die Auswanderung der Juden ohnedies von selbst rapide vonstatten geht und von den bei der deutschen Besetzung in dem teschener Gebiet wohnenden 12.000 Juden noch kaum 2000 Juden vorhanden sind, darunter 80% Frauen, Kinder, Greise und Kranke, für die ein Transport in dem »Wengen Winter das Verderben bedeutet, sind vergeblich In dem Gesuch wird z B. gebeten. J.'äs den Frauen gestatte^ werde, etwas Bettzeug mitzunehmen, oder dass erlaubt werde, für die völlig Mittellosen Beträge aus den jüdischen Sperrkonti freizumachen, zum Zwecke der Ausrüstung der Transporte die beschlagnahmten jüdischen Geschäfte zu öffnen, den Verkauf der MobiMen durch Juden au gestatten usw. Ein anderer Punkt betrifft jugendliche Personen, denen die Gemeinde Auswanderungsmöglichkelten nach anderen Ländern verschaffen will und für dU man um Übertritt-Scheine o/Im; Geld in die Siovakei bittet. Am nächsten Tag erfolgte der Ausweisungsbefehl. Teschen ist nicht das einzige Gebiet, wo so verfahren wurde. Ahnliche Dokumente wurden z.B. vor einiger Zeit aus Mährisch Ostrau bekannt. Was in einzelnen Orten Polens vorgeht, darüber ist noch kaum ein Bruchteil von Berichten gesammelt. Die Sache hat eine menschliche und eine jüdische Seite. Weit Uber den jüdischen Urnkreis hinaus ist es eine Weltentwcheidung ersten Ranges, ob der Geist, der zu solchen Taten führt, weiterbestehen soll oder nicht. Die jüdische Heit« der Bache aber ist die Erkenntnis, das» die brennende Scham und Empörung über solche Vorgangs umgewandelt werden muss in einen eisernen Willen, mit vereinigter Kraft das jüdisch« Problem unserer Zeit einer Lösung zuzuführen. Vor der Weltrevolution, die 1914 begann und deren Ende nicht abzusehen ist, lebten die meisten Menschen in bürgerlicher Sicher-! heit und ihr Gleichgewichtszustand erhielt sich mit. einigen Schwankungen so, dass nach dem Gesetz der „Trägheit" alle» abrollte, ohne das» man mit grundlegenden Wandlungen rechnete. Diu» linderte sich 11)14 iür jeden, aber in den seitdem verflossenen 25 Jahren gab es Phasen, wo der alte Rhythmus wiedergekehrt zu sein schien. J e 111 ist es jedem klar, dass der Riss tiefer geht als man annahm. Die Grundfragen der Existenz sind wieder aufgerollt, wir alle fühlen uns mehr denn je in der Hand übermächtiger Gewalten, wir sehen vor uns das Schauspiel menschlicher Hybris und Zerstörungswut, das uns an biblische Erzählungen aus der Urzeit erinnert, und wir hoffen auf die richtende und (rettende Weltvernunft, die wieder Gestalt in {das Chaos bringt. Nicht nur politische Veri änderungen stehen auf dem Spiel, sondern | die geufti&e Struktur der Menschheit ist in I einer Krise sondergleichen. Davon sind a i i e | betroffen. Immer wieder kommt es uns an, i in dieser Zeit nicht klein zu denken und uns I nicht in den engen Kreis unserer Sonderinteressen einzuspinnen. Niemals war das Schicksal der Menschheit so einheitlich wie jetzt, und wer eine Wahrheit zu vertreten glaubt, der kann sie nur durchsetzen, wenn überhaupt die Sache der Wahrheit siegt. Für uns als Juden ist auch die Grundtrage unserer Existenz aufgerollt; wir prüfen uns, ob wir in dieser Zeit nur als 'Leidende j und Klagende dastehen, oder ob wir in der | Welt etwas zu sagen haben, ob in unserem I Dasein ein Sinn erkennbar ist, ob wir in ■ dieser Krise einen Beitrag zu einer neuen s geistigen Durchdringung der Welt und Ret- | tung der Kultur leisten können. Dies aber | ist nichts anderes als die Frage nach dem | Sinn unseres Judentums. 1 Viele meinen, wir könnten uns jetzt nicht | mit solchen Spekulationen aufhalten, da uns j der Boden unter den Füssen brennt. Es gelte I jetzt vor allem materielle Dinge zu tun. Brot | und Hilfe zu schaffen, nacktes Lehen zu retj ten. Das ist wohl richtig, aber von einem j Volk gilt noch mehr als von einem Einzelnen, idass der Mensch nicht von Brot allein lebt. | Auch unsere konkreten Werke werden nur | dann Bestand haben, wenn eine geistige [Kraft dahinter steht. Ja unsere Menschen | werden nur dann zusammenstehen, wenn sie |den Wert und das Unersetzliche dieser Binjdung empfinden. Warum nind wir Juden/ jA/ur au* Zwang? Nur weil Hitler uns zu j ..Niehtariern" erklärt? Ist es nicht besser, jdem Antisemitismus zu entgehen, dort wo jdies noch möglich ist, dort wo noch nicht die Grosamutter jeden festlegt'' Wir haben gesehen, dass seit 1933 in Deutschland viele Tauaende von Juden in schwerster Zeit Stütze und Halt in der Bejahung ihre» schon vergessenen Judentums und in der gegenseitigen Hilfe der jüdischen Gemeinschaft suchten und fanden; sie füllten die Synagogen, sie lasen jüdische Bücher und Zeitungen, lernten

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