Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 2 (1940)
- Issue
- 3 (22.1.1940)
- Date
- 1940-01-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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SIEHK MKITE t JAIIKOVXi II / Nr. 3 JODISC ■«daJilion, VetlMg tm«t Anief««n Vorwftlttmf: /«rmlem P. O. B 680; 5. U»n .5«-hti<U Str , 'IVlrphon 3079 Ftir nnvirUiiK»- ,M»t,H»krii (• wir.i k<-inp 0*r*nU» *i».*»r- Biitim»ii 1i-r Kin^n«!roifcexl-r .An/r«*.- I*t ein inier nationaler AntworMrhHn hv\tutnt-n Z>i«?hrif»«'n Mr die H>d»'»ilon wr-rrlrn eir!.» »« fctnte!pcraon*a. »«.r.d.-rr. »n dl<< It«-(l»kli«0. .T,.ri«»irIn I*. O l\ fl<)w «.rhnH-n JKIII ftALKM 22. JANUAR 1040 DSCHAU Erxrh«Un« *tnm*i wöcbontllch An«<M**Ma;m*hm# ftlr »U# Landet: ,*<■?, neulich J»ri»*l»n« VOR. ft»9, — \ Ii j<'l£i<nt" vto i-r l...ftp,.i,i .rb. t.-n \\w A««-t«rnM. M'ff*!it in .Nji»ii<*n, j* J.« <-f" »Tntt Ornn.l{>r*l« I Inch :» rm *h 3./. Jf Hj>»U*-. Minimaler»«*» Ii tieh |;l,7'i fiti) Bf«ci|«Vt«i«e?.<rjrl L,Ut» »m SchluM J Ilt*t**>« DER UNERTRÄGLICHE DRUCK Nazi-Drohung gegen kleine Staaten — Der Antisemitismus ais Kriegsmittel Südafrika als Beispiel — Roosevelts Bemühungen — Geistige Neuordnung In den letzten Tagen wurde die Welt wieder durch bedrohliehe Nachrichten in Spannung gehalten. Eine ungeheure deutsche Truppenmachl ist an den Grenzen von H o l - i a n d und B e 1 g i e n konzentriert, und diese beiden Uinder bereiten sich zur äussersten Verteidigung im Falle eine Angiitis vor. Die internationalen Beobachter schwanken, ob ea sich um wirkliche Angriffsabsichten oder um Bluff handelt. Wie immer dem sei, mitten im Krieg zeigt sich in solchen Tagen, wie unerträglich es für aile Welt ist, unter dem beständigen Druck der Nazi-Drohungen zu leben. Heute ist es Belgien und Holland, morgen Skandinavien, übermorgen der Balkan. Alle kleineren Länder werden unter Terror gesetzt und auf die äuaserste Nervenprobe gestellt. Einen der Hauptkampfmittel ist dabei der Antisemitismus, dem die Aufgabe zuiaiien soll, die Lander von innen zu zermürben. Die von Deutschland dirigierte antisemitische Welt-Agitation ist in allen Ländern am Werk. Ja, Deutschland macht von seiner militärischen Übermacht gegenüber kleineren Ländern direkten Gebrauch zu dem Zweck, sie zu einem antisemitischen Programm zu zwingen. Wer das bisher nicht geglaubt hat, der findet die ausdrückliche Bestätigung in dem neuen Gelbbuch der französischen Regierung, aus dem wir in der vorigen Nummer der „JWR" ein charakteristisches Stück wiedergegeben haben. Es handelt sich uro eine Darstellung, deren Authentizität und Glaubwürdigkeit niemand bezweifein kann, nämlich um einen Brief des französischen Gesandten in Prag vom 7. Februar 1939, also lange vor Kriegsbeginn. Hitler und Ribbentrop selbst —- so wird dort erzählt — haben dem tschechischen Aussenminister Chvalkowaky gesagt, sie würden allen Nachbarländern, wie Rumänien, Ungarn etc., die Forderung der radikalen Ausraerzung der Juden stellen, da Deutschland sie soust nicht „als Freunde behandeln" könne. Viele Ereignisse der leuten Zeit erhalten hier ihre Aufklärung. Zum ersten Mai vielleicht wird durch ein offizielle« Dokument hier auch das Rätael der italienischen Rassenpolitik begreiflich, denn diese stammt doch aus der Zeit, wo Italien mit Deutschland in besonders enger Freundschaft lebte, und wer bisher nicht recht glauben konnte, dass Deutschland eine relativ so bedeutungslose Sache wie die Stellung der numerisch geringen und weitgehend assimilierten italienischen Juden zu einer Kernfrage erhoben haben sollte, der muü.s jetzt eines Besseren belehrt werden durch die Bemerkung des französischen Gesandten, Cnvaikowsky sei „am meisten verblüfft gewesen über die Bedeutung, die Hitler und Ribbentrop der Juden - | frage zumessen weit über jede Proportion I zur Wichtigkeit der anderen Fragen." Man j wird auch erinnert an das groteske Intel - jmezzo der Goga-Cuza-Regierung in Rumänien, 5 und was die Position Ungarns betrifft, so jmuss man anerkennen, dass dieses Land schon | durch seine geographische Lage in einer bej sonders delikaten Situation ist. I Der Druck von Nazi-Deutschland, der | über Europa lastet, ist von ausserordentlicher | Schwere. Dazu kommt noch, dass in fast j allen Ländern schon ohnedies Strömungen | bestehen, die auf eine aktive antisemitische i Politik hindrängen. Die Judenfrage ist ja, I wie wir wissen, ein objektives Problem, vor (dem auch die Juden nicht die Augen verschliessen und dessen konstruktive Lösung nur durch Mitwirkung der Juden erfolgen kann. Der Miaabmuck dieses Problems zu politischen Zwecken aber stürzt die Welt in ein Chaos. Es ist unvorstellbar, was in manchen Teilen de» Nazi-Reiches in dieser Hinsicht vorgeht, etwa im besetzten Polen oder auch in gewissen Teilen der früheren Tschechoslovakei, wo man Juden in der brutalsten Weise beraubt und mittellos hin- und herjagt, ohne Sinn und Ziel, aus krankhaftem Vernichtungstrieb und der Grausamkeit der mit diktatorischer Macht ausgestatteten höheren oder niedrigeren Beamten. Es ist nicht zu verwundern, dass die Juden dort unter einer permanenten Nervenanspannung leben,, die die Menschen auch physisch ruiniert und jede Planung für die Zukunft unmöglich macht, Die deutsche Propaganda reicht aber weit | über Europa hinaus. Sie ist besonders stark [in Südafrika, wo sie »ich auf eine lokale jGruppe stützt, die gleichfalls den Antisemi- | tiamus für innerpolitische Zwecke mißbraucht.; Der deutsche Kurzwellensender in Zeesen sendet ununterbrochen aufreizende antisemitische Propaganda in afrikaaniaeher Sprache. In einer Terminologie, die uns aus Nazii Deutschland und besonders aus der Propaganda in Österreich bekannt ist, spricht man dort von der ,.tyrannischen Herrschaft" der; Regierung Smuts und über das von dieser 'Regierung „umerdrückte afrikanische Volk". Man rechnet dabei mit einer völligen Ver- J wirrung aller Begriffe bei den Hörern, die es; hinnehmen sollen, wenn ausgerechnet Hitler- Deutschland andere /Regierungen als „Tyrannei" bezeichnet. In Südafrika selbst tot die Haltung der grossen Oppositionspartei, die sich nach dem Smrz der Regierung Hertzog gebildet hat, noch nicht geklärt. Noch weiss man nicht, ob Generai Hertzog, der ■ zwar burischer Nationalist ist, aber im übri-!gen an dem Prinzip der Gleichberechtigung > festhält, obsiegen wird oder der extreme Flügel der journalistischen Partei, der unter Führung von Dr. Marian und Eric l,ow .stellt, j von denen besonders der letztere H»ch in seinem Jargou nicht von dem deutschen Natioj nalsozialismus unterscheidet. Interessant ist j die Erklärung, die kürzlich ein fjemuaxiyter : Führer der nationalistischen Partei abgab.! Er sagte, dass »eine Partei nicht auf dem I Standpunkt der Rassentheorie steht und keine j Verfolgungen wünsche, .sondern nur ije>jvn \ jede, weitere jüdische Emu anderuny Stellung I nimmt. Dies sei aber, so fügte er hinzu, j auch „sin Interesse der bereits vorhandenen jüdischen Bevölkerung", denn die Partei wolle keine Verschärfung der Judenfrage in Südafrika. Obwohl zu hoffen ist, das« die Regierung Smuts die Massen der südafrikanischen Bevölkerung hinter sich bringt und da»s der Ausgang de« Krieges die Nazi-Propaganda in Zukunft unmöglich macht, kann man doch nicht daran vorübersehen, dass das Judenproblem iti Südafrika heute viel schwieriger liegt als vor kurzer Zeit. Verschiedene Minister haben gegen den Antisemitismus Stellung genommen und darauf hingewiesen, dass es Mch dabei um ein analdndiachea (üft! handelt, das den Staat unterwühlen soll. Es I ist eine Ironie, dass gerade .solche Männer, 1 die sich als radikale Patrioten gebärden, durch ihr Verhalten dem Einfluaa des Landesfeindes, mit dem sich das Land im Krieg befindet, Vorschub leisten. An vielen Einzelheiten zeigt sich, dass der jetzige Krieg nicht nur ein politischer Krieg zwischen Staaten ist, sondern zugleich gewisse Charaktermerkmale von Bürgerkriegen hat, nämlich Weltansehauungs-Gegensätze, die die Klarheit der Fronten häufig trüben. Dass hierbei die Judenfrage eine so wichtige Rolle spielt, ist ein Grund mehr dafür, warum nach dem Kriege — und vielleicht schon während des Krieges - die besten Köpfe aller zivilisierten Völker sich urn ihre konstruktive Lösung bemühen müssen. Der Präsident der Vereinigten Staaten, Roosc. velt, der mehr als irgend einer der Mächtigen dieser Welt um Wiederherstellung des Friedens bemüht, ist. ist sich darüber klar, dass der Friede nicht ein einfacher Ausgleich der politischen Differenzen der Gegenwart sein kann, sondern auf einer n e u e n W e 1 t ordnun^ aulgebaut werden muss. Diese Überzeugung hatte freilich auch sein Vorgänger Wilson, und es ist ein melancholischer Gedanke, dass Wilsons Bemühungen nicht zu dem erstrebten Ziel geführt haben, .sondern, wie .sieh heute zeigt, sogar gewisse schwere Fehler enthielten, die zu dem jetzigen Zerfall beigetragen haben, z. B. die Auf-