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Jüdische Weltrundschau · 1940-01-12 · 2 (12.1.1940) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
2 (1940)
Issue
2 (12.1.1940)
Date
1940-01-12
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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&ft»6 JÜDISCHE WELT- RUNDSCHAU 12. Januar 1940 Literaiur'Blätt Die Geschichte einer Magd ZU WfCKFKI.S IV KU HM ROM AN Schon Pirmin), vor nunmehr zehn Jahren, hat Franz Werfet heute wohl einer der Krönten jüdischen Dichter es unternommen, die I*ebensgesehichte einer einfachen frommen MaKd zu zeichnen. Aber in dem Roman „linrfxitn" blieb »Ii« Gestalt der alten Kindsmagd nur im Hintergründe de« Gesehenen«, wie ein altes Altarbild in versehwimmenden Dämmerfarben, halb schon dem Menschlichen entrückt und in da» Mythisch« gehoben. In »einem neuen Roman aber, dem ersten nach »einer Vertreibung nun Österreich, «teilt der Dichter die Gestalt einer alten tschechischen Dlcnstmagd, Teta Linek, geheissen, in den Mittelpunkt der Fabel; sie, die Linek ist wirklich die Heldin de» schönen Buchen, welche» den gleichnlshaften Titel „D er veruntreute Himiri «I " (Bcrmann-FiHcher Verlag, Stockholm Ift.'W, 414 S.) trügt. -•- Einen merkwürdigen Fall von religiösem Egoismus berichtet Werfel mit ganz grosser epischer Meisterschaft. Durch dreissig lange j Jahre kargt sich die Dicnstrnagd Teta Linek j ihren Lohn ab und »endet ihn einem Neffen, den; sie auf Ihre Kosten zum katholischen Priester! ausbilden Hess, um derc^innt ihren eigenen Mitt- | fet zu werden, als die Geschichte von einem betrogenen Dien»tmädrhen. 1'Hwh gegen alle diese von .'schreiender Aktualität gellenden Schicksale hat sich Teta Linek in meiner Phantasie zähe durchgenetzt.. Ich wfis» nicht warum." Und doch enthüllt der Dichter in einem Gespräch mit Kaplan Seydel. einer der prachtigsten Nebenfiguren de» Buche», da« Geheimnis seiner Wahl. ..Ich hab schon sehr früh erkannt," bemerkt der Dichter zum Kaplan, ..das» der Aufstand fiffjfri die Mftaphynik dir tlrmu'hf unxerr\i (/unten Elend» i.if." Und deshalb bekennt der Jude Franz Werfel. sich des Widerspruche» in peiner eigenen Existenz voll bewusst werdend: „Ich neige, jedem Glauben, vor allem aber dem katholischen mit gröbster Liebe und Verehrung zu. Das ist ein Widerspruch. Bitte!" Eft ist dies für Werfel! jener schöpferische Widerspruch aus dem Kein Drama ..Paulus unter den Juder," entstand, und eine so unvergeßlich» Figur wie die des christusgläubigen Juden Alfred Englander im Roman ..Barbara". Und den Dichter, den ..Menschen mit seinem Widerspruch" reizt nun die ganz yrnHlinujc Gestalt ttleser frommen alten Jungfer, die sich ein Wi»scn um den Tod bewahrt hat, vor dem alle Gescheitheit unserer Kultur zuschanden wird. „Teta Linek war eine Persönlichkeit von grossem .Seifenheitswert in dieser Zeit. Sie hat ihr ganzes Leben ausschliesslich im Hinblick auf das Bleibende gelebt." Der Mensch, der sich den Blick für das Bleibende bewahrt, ist Werfel gerade in dieser einfachen Frau begegnet. Er hat au» dieser Begegnung ein Kunstwerk geschaffen, da» .selbst ein Bleibende» ist. Schnhtm B**n Chorin. Leopold Krakauer Von Else L a s k e r - S c h ü I e r (Jerusalem). Im Salon M. S. Sehlosser-Glnsbergs „Cabinet of Art«", Ben Jehudastreet 9, Jerusalem, hängen an den weissen Wänden im Rahmen: Ewigkeiten! zum Anschauen und zum Erwerben; Kohlen ler vor Gott und einen sicheren Platz im Himmel j un,j Rötelzeichnungen von Leopold Krakauer; von zu haben. Nur ein einziges Mal In dieser langen [ i, k. ', wie kurzerhand seine Freunde den eben- Zclt hat Teta ihren Neffen gesehen: Damals als I m bekannten Architekten wie Bergmaler zu nennen er, ein kleiner Schulbub, ihr von »einer Mutter j pf|t.gen. vorgestellt wurde. Und dann hat sie ihn niej mal» wieder zu Gesicht bekommen. Sie hatte auch nie da» Verlangen, „ihren" Priester zu sehen, denn wie „hatte der Liebe nicht" <*aj»itmnin I. Kor.; Himmelsgewölbe, die zur Erde gefallen, Der Jude in England The Jew tn thr IAtcraturr; of England. By Montague F. Modder. Jewish Publication Society of America. Philadelphia Pa. 4!» S $2 50. In der Literatur spiegelt sich die Anschauung eine.«! Volkes in einem bestimmten Zeitalter Es is; daher lohnend zu verfolgen, wie an der Hand der Literatur die Entwicklung de-s Verhältnisse« des europäischen Volke» zu dem Juden steh darstellt Dieser Aufgabe hat sich Professor Modder unterzogen Es ist vielleicht zum ersten Mal, das» eine solche Studie von einem nichtjüdisohen Autor vorgenommen wird. In der Einschätzung d*r Juden zeigt sich darin deutlich der XnT.l i und nicht ihr Neffe, der Mann Mojimir j Grau und Linek kümmerte sie, sondern einzig der Priester, | der als ein „Geweihter" den Schlüssel zum Himmelreich in Händen trägt. Und die Sünde der Lieblosigkeit rächt sich bitter an Teta. Als Siebzigjährige am Rande des Grabe» mus» sie erfahren, da»» sie der Neffe durch Jahrzehnte betrogen hat; nie ist er Priester geworden, sondern eine verbummelte Existenz, ein Gauner, der Zeit »«ine» Leben» »eine arme törichte Tante erpresste. Durch eine Rompilgerfahrt gedenkt die alte Magd Absolution von ihrer Lebens-Sünde zu erlangen. Und auf dieser Pilgerfahrt lernt sie in Gestalt eine» jungen Kapinn» das Idealbild, da» sie jahrzehntelang in den fernen Neffen hineingeträumt hat, in Wirklichkeit kennen. Nach einer Audienz bei Pabst Pius XI.. dessen Bikini» Werfel mit grosser Kunst zeichnet, stirbt Teta, dennoch am Ziei ihrer' jenseitig-egoistischer: Wünsche. Was, so fragen wir ein wenig verwundert, könnte den jüdischen Dichter Franz Werfe! im Jahre 1039, das für ihn da» erste der Emigration ist und ihn du» Judenschicksal selbst zutiefst erleiden lies», veranlassen, gerade einen so fernliegenden Stoff aufzugreifen und in liebevoller dich- 7 terischer Mühe zu gestalten? Werfel selb»t »teilt »ich diese Frage. Sie durchzieht den Prolog und d«s Nachspiel des Buches. Im Prolog versucht Werfel eine Art persönlicher und ästhetischer Rechtfertigung, Er deutet an, wie er der Wucht »eines vorigen grossen Roman-Vorwurfes »ich kaum gewachsen fühlte. Dieses Buch, da» letzte, das Werfel in »einer Heimat geschrieben hat, galt ahnungsreicher Weise dem Leben des Propheten Jeremias. Der Dichter will nun ausruhen von dieser nie ganz fassbaren Riesengestalt, von dem blutigdunklen Hintergrund dieses die Jahrtausende überdauernden Lebens. Freilich, der Hintergrund dieses Menschenlebens ist nicht minder blutig-dunkel *!* der des Jeremias-Romans. Es ist der Untergang Österreichs. Aber fern vom Weltgeschehen lebt die tschechische Magd mit einer an Grosse gemahnenden Verbissenheit ihr einziges {ja»: zeitloses Leben, mit dem einen euHtjen Ziel. „Ich habe im letzten Jahr" schreibi Werfel im Epilog seine« Romans „von hlinderten furcht baren Lebenstragödien gehört. Denken Sie nur j.„a!|t du die bildsprache der Schöpfung nicht an die vielen Schiffe, die auf den Meeren ver-! vergessen faulen, weil keini Land ihre^ Menschenfracht auf- | KrfslSÄt den Betrachtenden: Göttliche Weisheit! nehmen will. Jedes einzelne dieser Schicksale | wäre vermutlich wichtiger und würdiger, gesfcali-- Sich zu verstehen und zu vereinen zu Bergketten, j Einfluß, der sich verändernden ökonomischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in England, ndfarben, doch vom Sonnenuntergang gefärbt. Schreien sie auch auf der Zeichnung Bunttobend zu Gott! Leopold Krakauers Zeichengemälde Sind Geschöpfe. Von der Gestalt ungeheurer Kameelbuckel, Wie im Luftrahmen der Natur ganz enthäutet. Man vernimmt da» Herz des Wüstenberges Noch entschlafen pochen auf dem Bilde. Pochend mit den Toten In der Gruft de» Olbergs. Am Gottestor der Auferstehung grünendem Reb»tocks. Der Maler haucht, ein Schöpfermensch, .De»; Bildern Seele ein. Liebreich wie Gott den Heiligen Berge: Sinai«, dem Gestein Moabs und Gilboas. De» Maler» Höhen erheben sich Weit über Stift und Blatt zur Ewigkeit empor. In ihren steinumrissenen Schalen, Ruhen Adern, Gewebe und Organ. Und überall greise» grenzenlose» Schweigen... Ursprüngliche Bauten, Kuppel über Kuppel; Man sucht, ein müder Gotteswanderer, die Pforte, Erzsynagogen der Erzengel, Di« »ich versammeln zur Flügelgemeinde. Heroisch erbaut aus geronnenem Blut. Staub und Erleuchtung. Verewigt der Maler: Ewigkeiten. All seine stolzen Sarkophage auf den Bögen, Bewahren Gottes „verlorenes Ebenbild." Der Menschheit verlorengegangener Schatz!... Was sind wir Geschöpfe ohne Gottes bewegendes Lächeln? Ich weiss es nun: Erkaltete Berge und Hügel. I In den Tagebuchzeichenblättern ..L Ks.", von der Zelt Wilhelm des Eroberers, bis zum Ende des Viktorianischen Zeltalter», insbesondere auch der liberalen Prinzipien, die zur Beseitigung der politischen Einschränkungen gegen die Juden im Jahre 1832 und zur Emanzipation der englischen Juden 18M geführt hat. Der Charakter-, typ. den man als Juden hinstellt, wandelt sich. Diese Enwicklung ist ebenso in der erzählenden Literatur als auch im Drama zu beobachten. Für in den in der englischen Literatur nicht so bewanderten Leser ist es von besonderem Interesse, an Hand der Arbeit von Prof. Modder zu beobachten, wie schon frühzeitig jüdi«che Figuren in den Werken englischer Autoren auftreten, zunächst häufig als unverstandene und fremdartige Gestalten, oft auch als Verkörperung des Bösen, ai& Ungläubige oder Wucherer, und dann »päter, besonders im 19 Jahrhundert, das Verständnis für Juden und jüdische Dinge immer gröaaer. wird, angefangen von den bekannten „Hebräischen Melodien" Lord Byrons bis zur Moderne, in der auch jüdische Schriftsteller als anerkannte Männer der Feder in die englische Literatur eingingen. Ein Kapitel von besonderem Reiz bildet die Gestalt DteraeUs. Der Autor kommt bei der Betrachtung der modernen Zeit zu dem Ergebnis, dass die Emanzipation nicht alle modernen jüdischen Probleme in England Relöst hat Mnnche Juden, so sagt er, erwarten die Rettung vom orthodoxen Judentum, andere vom Zionismus, alle aber hoffen auf eine Losung, die ein besseres Verständnis zwischen Juden und der übrigon Welt herbeiführt Wer Recht hat, so schreibt der Autor, kann nur die Zukunft lehren. Die Herausgabe dieses Buches, das neben einer Fülle interessanter Einzelheiten eine umfangreiche sehr bemerkenswerte Bibliographie enthält, ist eine dankenswerte Leistung der jüdischen Verlagsgeaellschaft Amerikas. In New York (15 W 86 Str.) findet gegenwärtig eine Ausstellung des palästinensischen Malers Jacob Steinhardt statt. Der Künstler zeigt besonders palästinensischen Landschaften. Unter den Holzschnitten befindet sich eine symbolische Darstellung der palästinensischen Schrift im Laufe der Jahrhunderte. Die Ausstellung findet bei Publikum und Presse grossere. Beifall, Im letzten Heft von ,,JUo»najim" erschien ein« lebhafte Übersetzung der Schüler-Szene au« Goethes „Faust".

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