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Jüdische Weltrundschau · 1939-10-27 · 25 (27.10.1939) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Weltrundschau
Volume
1 (1939)
Issue
25 (27.10.1939)
Date
1939-10-27
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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SONDER - NUMMER JÜDISCHE Redaktion, Verlag und Anreigen-Verwaltung: Jerusalem P.O.B. 639; 5. Ben Jehuda-Str . Telephon 3070, - Redaktionsschluß: jeden Montag 5 t'hr nachm. Für unverlangte Manuskripte wird keine Garantie übernommen. Jeder KSnsendnng oder Anfrage ist ein internationaler Antwortschein beizufügen. Zuschriften f.d. Redaktion werden nicht an Kituelperaoncn, sondern an die Red Jerusalem P.O.B 689. erbeten. n * % I^FjI^PI. a MI. M« ____ -•*•-/• i M. * Preis dieser Nummer i tW« z*es J f$ äÜi RUNDSCHAU JERUSALEM 27. OKTOBER 1939 srn |wn T" ffet?m? du Momle Juif I Hmbdomadalr* Erscheint einmal wöchentlich. - Anzeigenannahme für alle Mnder: «UMchheaaliclt Jerusalem l'.OH 63<>. Ute An neigen-Seite /.erfüllt in 6 Spalten, je 4,5 cm breit, Spaltenhnhe c« V) cm■--15ty|meh Grundpreis 1 inch('il/»ctn)fh 4 - je Spalte. Miuimalgroaae I Yf "ich (3,75cm). Kinzelheiten lt InseratenTarif u Sondertarif für Familien An*eig«n u. Adressen-Mitteilungen. Bezugspreise vgl. IviiteamScIiluaarl. mattes. An unsere Leser! Veränderte Welt Nach Ausbrach des Krieges — Die Jüdische Haltung — Judenfrage heute und morgen — Konferenz In Washington — Ole Lage In Palästina — Mobilisierung von Menschen und Mitteln Das erregte dramatische Geschehen der letzten Augusttagc, in denen sich die grossen weltpolitischen Konflikte, die in den letzten Jahren zu immer schärferem Ausdruck gekommen sind, noch einmal zuspitzten und zugleich verzweifelte Versuche zur Vermeidung einer Weltkatastrophe gemacht wurden — diese Tage fieberhafter Erregung, letzter Hoffnung und männlicher Entschlossenheit sind abgelöst worden von einer neuen Epoche; wir stehen in einer von Grund auf veränderten Welt. Die Entscheidung ist gefallen. Alles Schwanken und Bangen von früher ist nun vorüber; es gelten die seelischen Gesetze des Krieges. Dies bedeutet; Rechnen mit dem Ungeheuerlichen, Umsturz im persönlichen Leben des Einzelnen, neues Denken und neue Begriffe. Noch selten hatte ein Krieg ein so eindeutiges geschichtliches Profil wie dieser Krieg gegen Jlitler. Denn im Bewußtsein richtet er sich nidit nur gegen maßlose Machtaspirationen, sondern gegen bestimmte Prinzipien, deren Anwendung das ganze menschliche Kulturleben umwerfen würde. In einem besonderen Sinn ist dieser Krieg ein Freiheitskrieg, Es geht nicht nur um die Freiheit unterdrückter Völker, sondern auch um die Freiheit des Menschengeistes und des menschlichen Gewissens, um icnes hohe Gut, das des deutschen Dichters Friedrich Schiller Marquis Posa Menschenwürde rennt. Millionen Menschen, auch, m JUcttttduafid». j$czt aekntditftt, trithniw diese. Menschenwürde, So geht es im Grunde um universale Ziele, wo die Waffen sprechen, hat vieles früher wichtig Scheinende seinen Sinn verloren. Bei einer Entscheidung dieses Ausmasscs müssen Sonderinteressen zurückstehen. Alle sich der europäischen Kulturtradition verbunden fühlenden Menschen sehen als Ziel dieses Krieges die Niederringung Hitlers und die Beseitigung der nationalsozialistischen Bedrohung. Der erste Frontalangriff des Nationalsozialismus galt den Juden. Die Juden Deutschlands, spater auch Österreichs und der Tschechoslovaket sind durch das Nazi-Regime vcrn.idht*t worden. Es ist selbstverständlich — und der Nationalsozialismus erwartet nichts anderes—, dass die Juden diese Macht als ihren grausamsten Feind empfinden. Aber nicht um der Juden willen ist dieser Krieg begonnen worden. Die Vernichtung der Juden hat auf selten der demokratischen Völker zwar die dankenswerte Bereitschaft zur Hilfe erzeugt, sie hat schliesslich, als das Problem die Welt überschwemmte, zu gewissen Beratungen über organisierte Iösungs versuch« geführt — Beratungen, die über die ersten Anfänge noch nicht hinausgekommen sind — aber grössere politische Konflikte zwischen den Staaten sind um der Juden willen nicht entstanden. Erst als der Nationalsozialismus deutlich sein Gesicht der skrupellosen Machtgier enthüllte und sich als Bedrohung aller Völker, erst dir kleineren und dann auch der grösseren, erwies, haben die grossen demokratischen Westmächte ein Halt gerufen und, da es nicht beachtet wurde, zu den Waffen gegriffen. Es ist cm-Krieg der Selhuverteiditum. denn man weiss, dass bei Gewährenlassen Hiticrs Angriffslust auch an den Grenzen Frankreidis und des Englischen Weltreiches nicht stehen bleiben würde. Diese Tatsachen liegen so offenkundig da, wie selten bei geschichtlichen Verwicklungen. Trotzdem ist Hitlers Name als der des Juden Verfolgers so berüchtigt, dass selbst innerhalb der französischen und englischen Bevölkerung man hier und da Stimmen hören kann, als od es sich in erster Linie um einen Krieg gegen den Judenfeind Hitler handeln würde, mit anderen Worten : ah ob der Krieg um i der Juden willen geführt würde. Die deutsche Propaganda versucht mit allen Mitteln diesen Eindruck zu verstärken, weil sie hofft, dadurch den Krieg bei den West-Völkern selbst unpopulär zu machen und ihre Moral zu untergraben. Es ist daher selbstverständlich, dass England und Frankreich eine solche groteske Verzerrung der Dinge mit allen Mitteln bekämpfen, erstens um der Wahrheit willen, und zweitens um der Vergiftung ihrer eigenen Völker durch die nationalsozialistische Propaganda Einhalt zu tun. Gerade antisemitische Floskeln sind eines der scheinbar harmlosesten und daher besonders gefährlichen Propagandamittel. Nicht „um der Juden willen" müssen französische und englische Soldaten ihr Leben aufs Spiel setzen, und es wäre eine Tollheit, solche Schlagworte auch nur als Flüsterstoff zuzulassen. * Der deutsche Nationalsozialismus vertraut der unbedingten Macht seiner Propagandamaschine, die eine seiner stärksten Waffen ist. Es ist eine der grausigsten Vorstellungen dieser Zeit, dass von einem riesigen dämonischen Apparat menschliche Seelen und Intelligenz sozusagen zu einem einheitlichen Brei zermahien werden, ohne Respekt vor den wirklichen sittlichen Werten. Wie man die Macht dieses mechanisierten Prozesses einschätzt, geht daraus hervor, dass nun anscheinend ttberMtstt ist, das» die von der Propaganda erfassen Menschen weder Gedächtnis noch Unttrschieidungsvermögen haben. Sonst wäre es doch unmöglich, das« nach der fünf Jahre andauernden giftspeienden Propaganda legen den Bolschewismus der deutsche Mensch die plötzliche Wendung der deutschen Politik und Propaganda ohne Widerspruch hinnimmt. Schon ist aber eine neue Parole da, die verblüffend an das erinnert, was früher gegen den „jüdischen Bolschewismus" produziert wurde. Erinnern wir uns doch, dass nach der Theorie der Nazis der Bolschewismus „ein Mittel der Juden zur Errichtung der jüdischen Weitherrschaft" war. Mit einem Schlage ist diese Rolle, die früher Sowjetrussland Scspiclt hat, auf (iro$*britanruen übergegangen. Hernie ist in er deutschen Propaganda Groishritannien der Repräsentant der jüdischen Weltherrschaft. Mit der ihm eigenen Konsc- 3uenz hat der nationalsozialistische Propaganda-Apparat iese blödsinnige Parole aufgenommen und in tausenden und zehntausenden Verzweigungen und Formen wird sie den? deutschen Volk eingetrichtert. Genau wie früher stets von ,OÜdisch-bolschewi*tlscn" die Rede war, so hetsst es ,heute „jüdisch-britisch'4. Ein Leitartikel, der. der Aussenpoiitikcr des „Völkischen Beobachter" Dr. Walter Schmitt kürzlich in seinem Blatt veröffentlichte, führt den charakteristischen Titel „Der jüdisch-britische Krieg". Wie das deutsche Volk verdummt wird oder was man dem durch sechs Jahre nationalsozialistischer Propaganda verarbeiteten Seelenbrei des deutschen Volkes zuzumuten wagt, geht z. B. aus folgendem Satz hervor „Der von England als Wortführer entfesselt« Krieg ist überhaupt nicht versiändiitih und wäre . nur ■ als Aktion verbrecherischer Irrsinniger zu erklären, wenn ihm nicht die in London konzentrierte Kriegshetze des Judentums den eigentlichen Sinn geben würde." Man muss neben diesen Satz z. ß. das englische Blaübuch über den Kriegsausbrach halten, um die ganze Absurdität zu erkennen, die darin liegt, dem deutschen Volk einhämmern zu wollen, dass es sich bei dem Verteidigungskrieg der Welt gegen die Nazi-Tyrannei um einen auf jüdischen Befehl von England begonnenen Feldzug Jerusalem, In Oktober 1939. Der Kriegsausbruch hat uns vor eine sehr schwierige Situation gestellt und es uns leider zunächst unmöglich gemacht, unseren Lesern die „Jüdische Welt-Rundschau*4 wie bisher zuzustellen. Die verlegerische und technische Organisation unseres Blattes beruhte auf Voraussetzungen besonderer und wohl einmaliger Art. Die J.W.R." wurde In Jerusalem redigiert und gesetzt Am Mittwoch morgen Jeder Woche wurden die Matern nach Paris gesandt, wo sie Donnerstag abends eintrafen, sodass die Zeitung dort schon Preitag früh fertig vorlag und versandt werden konnte- Das Ist letzt unmöglich geworden Der uns von zahlreichen Lesern angeratene Auswegs Jetzt Jiuch Druck und Versand von Palästina aus vorzunehmen, erschien in den ersten Kriegswochen, in denen der Postversand unübersichtlich, unregelmässig und langwierig war, und bei einer Zeitung, die ihre Leaer in sechzig Lindern hat, noch kaum gangbar, gang ungeachtet einer Reihe von anderen Schwierigkeiteil, die wir noch nicht überwinden Wir haben unmittelbar vor Ausbruch de» Krieges nach Paris Anweisung auf Versand einer Sondernummer (nach Art der vorliegenden) gegeben, um unseren Lesern eine vorläufige Mitteilung zukommen zu lassen- Unser Auftrag konnte dort nicht mehr ausgeführt werden, da In dem Betriebe Infolge der Mobilisierung die Arbeit zunächst unmöglich wurde* Wir selb»* wussten lange nicht, dass von Paris aus keine^Benachrichtigung unserer Leser erfolgt ist. Wir haben auch dann noch mit einer solchen von hier aus gezögert, weil wir hofften* Inzwischen schon Endgültiges mitteilen zu können. Leider ist das aber auch heute nicht der Fall. Verlag und Redaktion machen unausgesetzt die grössten Anstrengungen, um das Weitererschelnen der „J.W.R.*4 In irgendeiner, wenn auch notwendigerweise veränderten Form zu ermöglichen. Wir werden schon von vielen Seiten wegen des Wiedererscheinens der „J.W.R." bestürmt und wir wissen auch selbst, dass die „J.W.R." In dieser Zeit noch notwendiger ist als sonst. Wir danken für die bei dieser Gelegenheit uns neuerlich erwiesenen Sympathien; wir werden alles versuchen, um ein Weitererschelnen der Zeltung auch während der Kriegszeit zu sichern- Wir bitten unsere Leser, die vorliegende Notausgabe nur als eine vorläufige Mitteilung und als ein Zeichen der Verbundenheit anzusehen- Wir wissen, wie stark gerade In dieser Zeit das Bedürfnis nach persönlichem Verbundensein Ist« und bringen deshalb In dieser Nummer noch nachträglich die Grüsse zum Abdruck, die unsere Leser ihren Verwandten und Freunden zum Roschhaschanah-Fest In allen Ländern durch uns übermitteln wollten- (Ein grosser Teil dürfte leider unterwegs liegen geblieben sein; dies gilt Insbesondere von zahlreichen uns bereits angekündigten Glückwünschen aus den nord- und südamerikanischen, baltischen, skandinavischen und anderen Ländern, ferner von vielen, die an unser Pariser Büro gesandt wurden, vonj dem wir seit Ende August keine Nachricht und keine I Postsendungen mehr erhielten). | Die J.W.R." macht sich zum Sprecher der In alle Welt verstreuten Juden aus Deutschland und den übrigen heute noch Im Nazi-Machtbereich liegenden mitteleuropäischen Ländern* indem sie die Wünsche, die Jeder für seine Freunde und Verwandten und für die Gesamtheit empfindet, weiterleitet und zu einem einheitlichen Wunsch für unser Volk und für die Menschheit In diesen Tagen zusammenfasse Wir Juden bedürfen der geistigen Orientierung und der Vertretung unserer Ideale In dem ungeheuren Geschehen, In das wir letzt gestellt sind Verlag und Redaktion der J.W.R.** sind sich bewusst, dass in dieser Zelt eine Zeltung wie die J.W.R." eine besondere Funktion zu erfüllen hat, und dass die Jüdische ÖHentJIcbkeit die« von Ihr erwartet. Wir werden für die Möglichkeit des Weitererschelnen» der J.W.R." alles Erdenkliche tun. Es hängt aber nicht alles nur von unserem guten Willen ab, wir sind zur Schaffung der Voraussetzungen des Weitererscheinens auf die Mithilfe von Instanzen angewiesen, die wir noch nicht erhalten haben- Wir bitten unsere Leser, noch etwas Geduld zu haben und uns Ihre Treue und Anhänglichkeit gerade in dieser schweren Zelt zu bewahren. VERLAG und REDAKTION der JÜDISCHEN WELT-RUNDSCHAU"

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