Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 1 (1939)
- Issue
- 24 (25.8.1939)
- Date
- 1939-08-25
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2424658-2424659-2424682--324-2425091- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
PALÄSTINA-BLATT Das Volk und die menschlichen Werte AKTUELLE BETRACHTUNG ZU EINEM ZEITLOSEN THEMA Zwei Zeitungsi-Meldungen uns den letzten Wochen seien diesen Auaführungen vorangestellt: In Tel Aviv wurde der Direktor des Herzl-Gymnaüumg. t)r. Mossinsohn, auf der Strasse von mehreren jungen Leuten überfallen, erwehrt« sich aber der Angreifer mit Erfolg. Auf der Nachlath Bcnjaminstr. in Tcl-Aviv wurde die Auslage eines Schuhgeschäfte«, das ausländ lache Ware zeigt?, mit Tinte übergössen. Diese Meldungen über Ereignisse der ..Lokalchronik", die noch durch manche andere Nachricht und durch Beobachtungen solcher Vorfälle, die ihrer Geringfügigkeit halber nicht den Weg in die Zeitung finden, ergänzt werden könnten, stehen in einem inneren Zusammenhang. Was war in diesen fallen geschehen? Dr. Mossinsohn hatte in einer Jugendvcrsammlung im Herzi-Gymnasium, die bereits" durch revisionistische Kreise gestört worden war, gegen den Terror Stellung genommen.. Wenige Tage spater wurde, er überfallen. Die Tintenflut auf S c huhc aber sollte wohl ein Argument für den Tozcreth Haarez-Gcdanken sein. Ob und wie diese Attacke auf den betreffenden Schuhhändler oder gar auf das kaufende Publikum gewirkt hat, ist uns unbekannt. Eine sachlich Uberzeugende Wirkung lonntc von der Tinte gewiss nicht ausgehen, da sie weder für noch gegen die einheimische Erzeugung, die gewiss zu fordern Ist, spricht. Sie vermag nur eines: Einzuschü c h - tem! Und damit kommen wir zum Kir n d er S ach c,um die es hier geht. In unserem politischen L^ben, aber auch weit darüber hinaus bis in die privatesten Bezirke macht sich die rohe Gewalt als Mittel der Einschüchterung und als „letztes Argument" bemerkbar. Wir würden dies an sich bedauern, meinten wir doch stets, dasa Meinungsverschiedenheiten mit den Mitteln der geistigen Auseinandersetzung und auf dem Wege der. Überzeugung des Gegners ausgetragen werden tollten. Dennoch ist die Abkehr von diesem Wege noch nicht das Schlimmste an solchen Beobachtungen wie den oben „angeführten. Diese Vorkommnisse sind nämlich Ausdruck einer Ailgemeinersch einung in unserem Leben im Lande, die eine wirkliche Gefahr für unser nationale« Dasein darstellt. Sie konnten nicht, vorkommen, wenn das Volk ihnen nicht zumindest gleichgültig gegenüberstände, so das» der Eoden für sie vorbereitet ist. Die Gefahr, die uns von innen her bedroht, ist aber die: Es geht um die Qualität der rü e tisch i i che n Beziehungen zwischen den Angchöjigen und den Gruppen unseres Volkes? Wir wussten stets, dass die Juden der Welt und damit auch Palästina* nicht da« sind, was wir un« unter dem Ideal eines jüdischen Mensch« n vorstellen. Wir Bind un» dessen btwusst, dass Leben und Leiden in der Golah viele Schlacken um den Kern des jüdischen Menschen, an dessen Güte und , Bedeutung wir glauben, geiegt haben. Wir sind auch weit davon entfernt zu meinen, dass eine Art ..philosophischer'* Menschentyp das Land aufbauen kann; der Aufbau erfordert Kraft und Wendigkeit. Mut und Entsehlowienheit und manehjüäI wohl auch eine gewisse Rauhheit und Härte des Menschen, der am Werke schafft und mit den Widerständen il.r Aber wir sind davon überzeugt und befinden uns in der Gesellschaft aller repräsentativen zionistischen Denker —, dass der Sinn dieses Werkes und der damit verbundenen Opfer und Nöte nur deu.;n hegen kann, tdii Volk zu bilden, das durch gute menschliche Beziehungen ausgezeichnet ist und dadurch trotz seiner Kleinheit seinen Platz in der Welt behauptet. , j Wir sehen heute manches verwirklicht, was in diese f Richtung weist. Es gibt im Jisehuw eine grosse gegenseitige j Hilfsbereitschaft, und es ist ein leuchtendes Denkmal seines j Wesens und seiner Verantwortung für das Schicksal des ganj zen jüdischen Volkes, wenn er heute — selbst inmitten grosser politischer und wirtschaftlicher Schwierigkeiten ~- die Fortsetzung der Alljah fordert, auch auf Kosten seiner ma- •wrseüen Lage. Aber daneben stehen die Erscheinungen der Härte, der Lieblosigkeit, der Überheblichkeit, der rohen Faustgewalt in allen L&g«rn! Wir hörten z. B. vor einiger Zeit von einem Vorfall in Nathania: Revisionisten hatten tfort Mitglieder des , Haschomer Hazair" überfallen; als Verseilung wurde ein Revisionist von Angehörigen des „Haj ■thömer Hazair" zu entführen versucht. Es geht bei der Erwähnung solcher Vorfälle hier nicht um Recht und Unrecht, sondern um da« Prinzip, das Faust- und Stockrecht dort regiert, wo nach unseren Vorstellungen die Auseinandersetzung- und. wenn ein Zusammenleben nicht möglich Ist, dann t'ie friedliche Scheidung der Geister und der Menschen not täte. Und nicht nur im politischen Leben gilt all die», sonj dem auch in ganz anderen Bezirken. Bückt auf die Ju-' g e n d! Gewiss, sie ist kraftvoll und frei, ohne Duckmäusertum und Feigheit — aber »io ist in den Beziehungen untereinander oft gewalttätig und roh, es fehlt Ihr an Stille und innerer Ausgewogenheit, den Älteren gegenüber ist sie gelegentlich anmÄSsender. u!«?« ihrem Alter nachgesehen werden darf. Wen kümmern dies"* Fragen heute? Und doch hängt von ihrer weiteren Gestaltung sehr viel für die Zukunft von Volk und Land ab. Es ist nun etwa nicht eine Folg«; der Unruhe, die I»« Lande seit Jahren herrscht, dass solche Beobachtungen zu machen sind. Auch auf dem Gipfel der Prosper! t y, in einer äußerlich friedlichen Zeit war es nicht viel anders. Darüber belehrt ein Aufsatz, den der Verfasser am '50.4.n».^ ii der Berliner ,Jüdi«ehen Rumterhau" unter dem Titel: „Zum Volke finden" veröffentlichte, E«i hiesa in diesem heute merkwürdig aktuell anmutenden Artikel u.a.: „Die Meisten in Palästina sind so »ehr mit sich selbst beschäftigt, das?; nie vergessen haben, um was es geht, was der Sinn ihres Tuns ist: und so ist das Bewusstscin der Eingliederung In ein grosses Ganze in weiten Kreisen verloren gegangen, die einem Tage leben, der gewiss sehr sehr sein mag, der aber noch nicht die Zukunft garantiert. Wir meinen, dn.ix dir»'- Zukunft, die. wirkliche Reyrneratinn d*'* jüdischen Vnltattebc.m in Pn- T A S S A S NUR ECHT IN DER f lAi CHE MIT RINO DIE KEIMFREIE HOCHWERTIGE LIMONADE ..und er lt» doch 4mr kette Ufotina dann hcxU-hcn wird, wenn memchUrhe Vcrhundni' twit wicd'U- :u einer Selbst vt:rH?äudtiehkeit im Lande Wut in unserer Howe (jung {/eiernden s.eiu -wird... Darum sind es die einfach^ rn c n n c h I i e.h. c n Werte von Anständigkeit und Verantwortung für den Nächsten, die Kern und' Prüfstein, des SiorJsmua sind." Auch heute — unter ganz anderen Voraussetzungen wie damals 1915 ~.....müssen wir eines stets bedenken: Zum Volke w e r d e n wir nicht allein dadurch, dmn wir in diesem Lande leben, und dass' für gehr viele von un?» kein Weg In uie Welt hinausführt. Wir werden auch nicht allein durch unsere Gegner und den Kampf, in dem wir stehen, zum Volke, obwohl uns natürlich dieser Kampf stark zusammenhält. Zu einem Volke, das wirklich diesen Namen verdient, werden wir nur dann werden, wenn die menschlichen Beziehungen zwischen uns stark und rein sind, wenn unsere gegenseitigen Beziehungen auf den Geboten des Takte«. Wir leben in einer Weit des nationalen B e k e n n tr; i g s e s. Auch das jüdische Volk rnuss »ich in ihrem Rahmen durchsetzen. Dazu bedarf es all seiner Kräfte, einer ausserordentlichen nationalen Z u » a m m e n f a » s m n g. Sie werden wir nur dann erreichen, wenn wir nicht die n a tionale Phrase im Munde führen, die kein wirkliches Volksleben' erzeugen kann, sondern wenn wir in den uns angemessenen besonderen Formen das Volksleben von Innen her aufbauen und bereichern. Dies aber heisat: Die menschlichen Werte in unserem Kreis * u r Anerkennung bringen, ihre Herrschuft im öffentlichen wie im privaten Üben aufrichten, mag es sich nun, um die gegenseitige Rücksichtnahme oder um die gemeinsamen Bemühungen handeln. Un s e r Nationalismus muM einen lebendigen menschlichen Inhalt erhrtli« h. Nur dann wird er da« L#ben gestalten und aus der Messe ein Volk machen. Wir sehen heute die Gefahr eine» anderen Wege«, der ins Chaos führen rnuss. Die Masse »teht dabei abseits, si* ist gewiss fern von den Gedani.cn derer, die auf Zerstörung tus gehen, und die ihre eigene Herrschaft nur auf Trümmern aufrichten können, aber sie empfindet auch nicht, welche Verwüstungen die Zersetzung der menschlichen Beziehungen im Volke anrichtet. Ihre Teilnahm a 1 o » 1 g k e i t rnuss überwunden werden? Die Stunde gebietet den Zusammenschluss derer, die der Humanität int Volke den Weg bahnen wollen, denn nur sie - im Leben verwirklicht vermag uns die Kraft zu geben, die eine um ihre Zukunft ringende Gemeinschaft braucht. Vergessen wir nicht: Ali« Kämpfe unserer Zeit sind so etwa» wie Religionskriege. E« geht dabei um Ideen, um echt« und vorgeschoben«, Glauben wir nicht, dass wir allein ohne eine tragende Idee in dieser Zeit bestehen können! Die Aufgaben, die so vor uns entstehen, sind dabei unendlich gross Sie umfassen ebenso sehr die Bereinigung des politischen Lebens — nach innen und aussen - von den Methoden des Terror» und der Einschüchterung wlt die Überprüfung unserer Erziehungswege, ebenso sehr die Untersuchung geschäftlicher Usancen, sozialer und sozi»ip«ht»Rcher Grundsätze (und ihres Mangels) wie die gegenseitige Rück- WIEDER ZWEI FLÜCHTLINQSSCHiFFE GELANDET | AiiwliOotutiK nni Tel Avlvrr Strand | In der Nähe von Nathan ja wurden H')o jüdischo; Flüchtlinge auf drei Booten von einer Marmcpatrouille \ aufgefunden und nach Haifa «»'bracht, Darunter befinden j sich 4&0 Passagiere des Schiffes „R i m", da* in der Nahe von S Rhodos am B. Juli verbrannte, ferner eine Anzahl Juden, diu! aui Rhodos vertrieben worden waren. Sic waren auf dein' j griechischen .Schiff „Aghio*. Nicolau«" gekommen und .10 Mci- I Ich von der Küste entfernt auf drei Boote gebracht worden, \ Frauen und Kinder wurden in das Einwandererheim der Jcw-( i lädt Agency in Haifa gebracht. •* I Die Flüchtlinge, die in Nuthanja landeten, wurden nach' S Fatafand überführt, Die britischen Soldaten und Polizisten | bemühten sich um die Flüchtlinge in aufopfernder Welse, j Oberrabbiner U«ic! und Dr. Magno*, die gerade in Na* ithiuija weilten, besuchten die Flüchtling«! vor ihrer überfüh« . j rung nach Sara fand. { In T e I A v I v landete am 22. August fruit 2 tIhr ein | griechische» Schi fr die „Karita", und bootete 8 00 bis 0 00 E-nr.l-rr'Ä-n-fe-e n aus, Das Schiff hatte Hamburg vor IX Wochen mit OOö Emigranten im Bord verlassen. Vier Wochen später lief es Koiistatua an, wo weitere 200 Paaaafcicre hinzukamen. Es fuhr dann nach : A! ti x tx n d r e 11 6 - i.nd von dort; nach Rhodos, Am?L August traf er. fiir 5 Tage in Smyrna ein. •; Die sanitären Verhältnisse ftn Bord waren unbeschrelbhch sehlecht. Auch die Ernährungsverhältnisse waren ausserordentlich ungünstig. Nachdem die Flüchtlinge mit Lebensmitteln und Kleidung durch Privatpersonen und Orgauisä* tlonen versehen worden waren, wurden sie nach Sorafanti überführt. Als sie das am Strand gelegen«* Ritz-Hotel verlassen hatten, in dessen Nähe sie gelandet waren, wurden aio von Tausenden begeistert begrünst. Zehn Flüchtling«? wurden in*, Hadasxa-Hospltal gebracht. sichtnahme im öffentlichen und privaten Lehen. Wir »ind hart geworden in einer Zeit der t/ipwälzungen, die auch uns betreffer. hab«n, wir sshsn über den grosäen' Fragsn Her Öffentlichkeit oft nicht die Not des Nächsten, Unbeteiligt gehen wir an den wirklichen Lebensfragen vorüber, ohne sie überhaupt zu bemerken, well unser« Herzen verhärtet sind! rf Von der Ixisung die;cr Probleme wird das Schicksal dea jüdischen Volkes in diesem Land nicht weniger abhänget! als von politischen Formeln und wirt*i!h?±ftiich«n ErUwlck« Jungen, geht es doch bei ihnen um den O d »• m des L «■ h e n s, der allen äusseren Formen und Voraussetzungen erst zur Wirklichkeit verhilft. In unserer Hand liegt es, Im Volk« die Gebote seiner nationalen Würde, die auch die Prinzip!)» cie» menschlichen Anstände?, sind, zu verankern, * 7 Was soll uns das Volk, wenn wir nicht brüderlich -miteinander leben — oder es wenigstens versuchen? Was sott uns das Land, wenn wir uns nicht wio Me Irschen auf seinem Boden bewegen, treu der Erde ergeben, v/eil wir wissen, dass aus ihr der Segen für den arbeitenden und denkenden Menschen quillt? Wiks H dU ins die Sprach«?, unsere so vielen Generationen unseres Volkes und der ganzen Kulturmenrichheit heilige Sprache, wenn v/ir nicht reinen Gedanken in ihr Ausdruck verleihen? Soll sie ein Jargon der Gosse werden?; Wir 1 i '■ b e n Volk, Land und Sprache und »ind darum nationale Juden. Aber wir müssen wissen 'und danach handeln»: 'Nationalismus ist niemals und besonders nicht bei, einem Volke, uas erst sein Leben sichern rnuss eine Sache de» Ableichen«, des Wortkiingels, sondern er ist eine e r n « t, o und verpflichtende Aufgabe. Di* Htf«rl<c d-n Volke» beruht auf der Kraft seiner menschlichen Qualitäten- Hisj pflegen heisst national sein, Sie nicht beobachten, ja schmähen und verleugnen — da« ist die wahre Zersetzung de» Volkes, »ein Abfall und Untergang. i Kurt Loewonstein * HABEN SIE SCN0N I h r g G1 ü < k -A' u na, i; h ■ A nz e. g für die R<wich Haschan* Nummer der .Jwi. Weh Rundschau" bestelil? Anzeigen'Schluaä: U. AllGVSl 1939 HAUSMANN TRANSPORT CO. International« Spediteur« Fachepe dition für Einwanderergut in Lifts und Kisten M«ifa, ••lalrU-Hewt« Vet-Aviv, H'U,Mnth 8en,amirttlf. 44 Tel. 2t%% 9. O. t. 21/0