Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 1 (1939)
- Issue
- 22 (11.8.1939)
- Date
- 1939-08-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Heute 20 Sehen PABISKM AUSGAB* JÜDISCHE K«4ftktSon.?*rl«ff an* Amelf«n V«rw»ltant: l«niilM O.». 6, B<«n ,Irhnd»-8lr.. Tel-rhon 3079. — ö««chlftttt«U« fflr Euro*» (ruf Etpodlllon vinii A!> » n n r ™ » n t » - A n t> » h in » für f. u r « t> * 'Amorlki): J'.J. ru« r( , OniMunt. Ptrit Ffr. — (i«*rhktt**tr\}» für Tfl Ariv: 5. Mtkv<.|, Jsra'I Str., TVi.'ph'm .110." — Ä«d»fct»onMChlUM: J«dcn MontM 5 Uhr n»chm. Kür unv*Tl»r»st« Manuskript« wird k*in« Oar«r,ti.i i.iirfii-jmmi-n. ,ie<i«r F.fni*>ntiunfT o«i«*r Anffdi?« i*t lnl»rr>*U«- fctlpr An»wrort*chfln b^i«ufiijc*>n. Züi»'hrift»n f. A, K*ii«ktIon worden nhbi M Elfi*i>lper»onen, tosd^rti »n dl« K*dakU«n, JVrusskHi 1* OH 6«» erbeten. ffr. JAHRGANG 1 / Nr. 2t rinirlnummer "jj; hri n ie RONDSCHAÜ •I K II II S A h K Hl :r:nr 34* rs PARIS, 11. AI Gl ST 1930 Revue du Monde juif / Heidornadaire r.rie&#tr,t •',»«»! wB-h#nttl>ti;e» rm^iÄ! loch «rtiiuliir«!«. «iiitfflsigröm 1| (»eh i-ini Som1#rUrlf f«r r»ntt»«u A ScHIum; Moni«« u**hm s Uhr, '1 UJt vorm, — B«jiiiipr«ii» An>«l«<iftamifthm« f«r all« linder' >. l'ttr PatiUlUia atttaarrtatii Tai Aviv, t.'tto p..r J^iflp.m f-rbrtlrt». — f>|« J« .-in bc-ii. Spaltrnhöh«! t«<!> :'i *,„ ,i, 4/ j. rt|«h., l,iM4«lbtMt»ii U. IntvraUn.Tarif nn4 »i|*u uud AitoiMii <Mm«llun«an. Auaalgaarlii*«ii,»« Fautillauantaljau Diana««« r„M. l.Ulo «in MdiluM (!,-• UUMMkj Gesamtjüdische Aufgaben Der Zionistenkongress in dieser Zeit In einem Wellzustand der fiussersten politischen Spannungen, bei dem man buchstäblich nicht weiss, was der nächste Tag bringen wird, versammeln sich viele hunderte jüdische Abgesandte in Genf. Unter solchen Bedingungen hat noch nie ein Zionistenkongress getagt. Alles steht auf des Messers Schneide. Hat es da für das jüdische Volk, das heute durch alle Martern der Hölle gejagt wird, eine Bedeutung, wenn Delegierte aus allen Ländern zwei Wochen lang die wichtigsten Fragen jüdischer Politik besprechen? Gibt es überhaupt die Frage drängt sich sofort auf — eine jüdische „Politik"? Ist das Wort Politik für uns anwendbar in einem Moment, wo die Waffen zu entscheiden scheinen? In einer Zeit wie der unseren werden plötzlich Begriffe wankend, die man Jahre lang bedenkenlos hingenommen hat. Stärker alj je empfinden wir das Bedürfnis, nachzuprüfen und uns Rechenschaft zu geben, und empfinden wir die Furcht, uns selbst zu benebein und in einem von der Wirklichkeit abgeschlossenen Bezirk Selbsttäuschungen zu erliegen. Das ganze jüdische Volk ist auf das Tiefste aufgewühlt. Der Prozess, der" 1933 begonnen hat und von dem wir selbst damals noch nicht ahnten, zu welchem Grad der Zerstörung er führen wird, treibt seinem Höhepunkt zu. Hat früher der Zionistenkongress die immer brennender werdende Judenfrage warnend erörtert, so gibt es wohl heute—im Gegensatz su der Zeit yor dreifftg oder auch noch vor sehn Jahren — keine Juden auf der Welt, die nieht in irgendeiner Form das Judenproblem anerkennen. Trotzdem kann man gewiss nicht behaupten, da&s der Zionistenkongress alle Juden repräsentiert. Im Gegenteil. Der genau vor zehn Jahren verwirklichte Gedanke eines die Parteigegensätze überbrückenden, „Zionismen" und „Nichtzionisten" umfassenden politischen Instrumentes, der seinen triumphalen Ausdruck 1929 in der Züricher Gründungsversammlung der erweiterten Jewish Agency fand, hat nicht das Ergebnis gehabt," das mai; sich davon versprach. Heute sind vielleicht der inneren Gegensätze, ausgesprochen und unausgesprochen, wieder mehr ah*, zu vor. Aber wje immer wir sagen oder reden, die Schicksals Gemeinschaft aller Juden ist enger und offenkundiger geworden. Wenn tich in Genf in dieser Zeit der äussersten Not der Zionistenkongress versammelt, so ist das keine interne Angelegenheit einer „Organisation", sondern eine Angelegenheit der jüdischen Gesamtheit, und vir alle haben uns Rechenschaft darüber zu geben, was ein solches Ereignis vom gesarntjüdiachen Standpunkt, der heute der allein wichtige ist, bedeutet. Well in Waffen Die Zeit dieses Kongresses ist in jeder Beziehung absonderlich. Die ganze Welt ist voll von ungelösten Problemen, und nicht nur wir, sondern auch andere, weit "grössere Völker empfinden etwas wie eine Schicksalsstunde ihrer Existenz. Während die Delegierten sich nach Genf begeben und alles äußerlich programmgemäß vonstatten geht, drängt sich bei jedem unabweisbar der Gedanke auf, ob nicht die Veranstaltung durch Ereignisse gestört werden könnte, die jede Berechnung über den Haufen werfen. Alle europäischen Völker rüsten sich für d'is Schlimmste, Europa starrt in Waffen, die Welt ist vdI! von politischem Zündstoff, und mehrmals schon in d n letzten Moniten wurde ein „Wochenende" als kritisch empfunden. Der andauernde „Nervenkrieg" hat teilweise schon eine abstumpfende Wirkung gehabt, sonst wäre e« unerklärlich, dass man ruhig „weitermacht", als ob nichts wäre. Oder .sitzt tief die Überzeugung, duss die Scheu vor der Vernichtung des heutigen Mensehenge-, schlechts doch auf allen Seiten stärker sein wird als der politische Machtlrieb": Aber hat man die Entwicklung noch in der Hand? Jedenfalls zeigen diese Überlegungen, die heute jedes Gemüt beherrschen, die Auss e r o r - dentlichkeit der Lage. Wir sagten schon: In solcher Stimmung und unter solchen objektiven Umständen ist noch niemals ein Zionistenkongress zusammengetreten.! Dies legt eine ungeheuere Verpflichtung und eine un- ] geheuere Verantwortung auf den Kongress. Er kann aieht wie viele seiner Vorgänger sich auf spezielle Fragen beschränken, bei denen mit HÜfe von papiernen Formeln ein Ausgleich zwischen verschiedenen Meinungen und dadurch ein Absehlus« des Kongresses zustande gebracht wird. Er muss den Dingen ins Auge sehe n. Von der Frage, ob er dazu imstande sein wird, hängt seine künftige Funktion im jüdischen Leben ab. ffitframenf der Scffcsffii Im Der Gedanke des Ziouistenkongresses ist entstanden aus der Erkenntnis, dass das jüdische Volk nur sieh selbst helfen kann, und dass die Juden ein Instrument dieser Selbsthilfe, d.h. einen politischen Willensträger haben müssen, wenn sie ihr Schicksal ändern wollen. Als der Zionistenkongres« geschaffen wurde, war nicht .iur die Lage der Juden eine ander* al» heute, aondern auch die \uffa*«*ung von .M»<ht und Politik war aufgebaut aof den Vorstellungen de« 19. Jahrhundert*, da» einen liberalen Nationalbmus hervorgebracht hatte. Der Zionismus stand von Anfang an in einem Circulus vitiosus (Zauberkreis). Auf der einen Seite erkannte er Die Tagesordnung des XXL Kongresses Erttffnungtmitzung: Mittwoch, lfl. August, 20 Uhr 30: 1. Eröffnungsansprache de« Präsidenten der Zionistischen t*- Weltorganisation Prof. Chain Weis mann. * % Baffrusaungen . J\ & „Das judische Problem unserer Tage" — Dr. Nah um Goldmaun, Mitglied der Zionistischen JExekutlve Plenarsitzungen: J>- bis 20. August. 4. Wahl U<?s Präsidenten und der Büro» d«s Kongresses 5 Bericht der Kornrru.saion für die prüf uns; der Mandate 6. Nachruf auf die aeit dem letzten Kongress Verstorbenen 1. „Unsere Haltung gegenüber der neuen Politik in Palästina" — Rede cino« Mitgliedes der Exekutive 8. Gen«r2ldeb*U* f». Konstituierung der Arbeitssektionen 10. Wahl der Permanenz- und der Politischen Kommunion. .Sitzungen der Sektionen und der Kommissionen: 21. bia 25. August a. Referate der Mitglieder der Exekutiv« Über die zionistische Tätigkeit auf allen Gebieten b. Dehatte c. Wahl der Subkommisskmen. d. Ausarbeitung der Resolutionen. Plenarsitzungen: 26. bia 2s. August. 1t, Berichte der Kommissionen 12. Ab«chlu!i« der Debatte und Abstimmung 13. Wahl der Exekutive 14. Wahl des Zionistischen AkUons-Komltees, de» Kongress« gerichtes, des Ehrengerichtes, des Kontroli-Komiteei und der zionistischen Mitglieder des Council der Je\vi«h Agency 15. Feierliche Schluss-Silzung PRC6RAMM DER 6. TAGUNG DES COUNCIL DER JEWISH AGENCY Krste Sitzung: Mittwoch, 20. August, 10 Uhr; 1. Eröffnungsansprache des Präsidenten der Jewia.» Agency; 2. Uesrüssungen 3. Berichte; der Exekutive über die politische Lage und die Tätigkeit der Jewish Ageney 4. Wahl der Mandats-Prufungs-Kommlscion. Zweite Sitjrtmg: '13 Uhr 30: 5. Bericht der Maridats-prüfungs-Korombtsion 6 Bericht über die- Finanzen und da» Budget der Jewiah Agency 7. Debatte 8 Wahl der Kommissionen für Politik, Wirtschaft und Finanzen, Organisation, Wahlen, Dritte Sitzung: 20 Uhr-30: 6. Sitzungen der Kommissionen. VU r».- $itv.ifnv< Donnerstag. 31. August- 10 Uhr: Sitzungen iier Kommiss onen (Forfc&eUuns). Fünfte Sitzung: w Uhr 30: 10. Berichte der Kommissionen'. II? Wahl der leitenden Organe der Jewiah Agtacy 12. Feierliche Schluss-StUung. die ieahre Lage der Juden und die Notwendigkeit einer Abhilfe durch jüdische Absonderung und territorial« Konzentration, auf der anderen Seite machte man ihm den Vorwurf, dum er durch diese Reatrebiingm den Prozess, den er bekämpfen und heilen will, geradezu erat hervorruft und fördert. Viele Juden lehnten aus diesem (.irunde den Zionlsmim ab. Sie dachten, dnn.s die Judenfrage dadurch aua der Weif geschafft wird, daaa die J u d e n von ihr nicht reden. Daa hat »ich ah ein Irrtum erviesen. Die Juden frage ist in Deutschland gerade deswegen zu äuaaerstcr »Schärfe entbrannt, wH die Juden sie nicht erkannten, weil sie sich restloH mit dem deutschen Volk identifizieren und an Meinem Lehen Anteil nehmen wollten; in Italien waren 4ie Juden noch mehr assimiliert und kannten keine Judenfrage (Üb» rtgena in Übereinstimmung mit allen führenden Italienern, einschliesslich - - bis 1938 — Bcniio Muaaoitni). Es war also richtig, da»» Juden »ich schon 1897 zusammenschlössen, um den Versuch zu machen, die Judenfrage mit politischen Mitteln zu lösen. Der Zionismu» wollte da» Judentum zu einem aktiven Faktor machen, zum Herrn «eines eigenen-Geschicks; er wollte, das« der reue, innerlich frei-gewordene, Jude auch die unsichtbare Knechtschaft uberwinde. I>er Zionismus wollte dio Lage der Juden ändern, aber unter der Lenkung de« au neuen Zi^^ atwbeno^n JtMtntuww. in g«<«>«i aina und Geist, au." eigener Initiative; er fürchtete, das« dio Kräfte der Beharrung njc|it zu Bewahrung des Alten, sondern zu einer der jüdischen Führung entgleitenden, chaotischen Auflösung führen könnten (wa.i in einem NuH/te eintrat, das niemand vorhersehen konnte», Der Gedanke des Xionismu« war. eine mit den Realitäten in Klnhlang stallende allmähliche F.HHrhterung der 'ludenfrage »lureh/oführ^n, /»im Wohl <t**r ^uden und zugleich /Min Wohl der beteiligten Völker. Theodor lier/.I hatte den berühmten Satz geprägt, dass der Zionismus nur in einer „Atmosphäre de;» Wohlwollens" gedeihen könne. Das war nicht eng gemeint. Da es sich um Politik handelt und nieht um Sentimentalitäten, könne der Zionismus, der grundsätzlich politisch neutral ist, in der Verfolgung seines Zieles mit allen Mächten zujammenarbeiten, mit judenfreundlichen ebenso wie mit judenfeindliehen. Herz! ging damals zu dem Repräsentanten des judenfeindlichen Systems, dem russischen Minister Plehwe. Sein Gedanke war, sich die Hilfe dieser firoasmacht zu sichern, indem er ihr als Gegenleistung die Erreichung eines für sie wichtigen Zieles in Aussicht stellte, nämlich die Befreiung von ihren Juden. Da mai« galt es noch als unmöglich, Juden auf Schiffe zu verfrachten und aufs Meer hinauszuschicken. Auch in umserem Zeitalter glaubten wir noch an dieses politische Prinzip; heute ist es ins Wanken geraten, weil diu Juden in einem bisher unvorstellbaren Ausmass zu einem blossen wehrlosen Objekt der Politik geworden sind. Nach Auflösung aller Rer-htKbe- ■griffe und der früher als unantastbar betrachteten Formen der Zivilisation, nach Preisgabe aller bisher als verbindlich gehaltenen Grundsätze der Menschheit, sind dio Juden einfach jeder brutalen Gewalttat ausgeliefert. Dio jüdische Selbsthilfe hat einen vorher nie geahnten dringenden und buchstäblichen Charakter angenommen. Riesige Massen des jüdischen Volkes» sind völlig entwurzelt, und in ganzen Weltteilen ist das Judenproblent in seiner Totalität akut geworden, ohne jede Rücksicht auf die freie WillcnaentHchliesHung der Juden selbst. Wir stehen in Gefahr, überflutet zu werden, ohne unseren eigenen Willen der Gestaltung jüdischen Schicksal« zur Geltung bringen zu können. Diese neue Sachlage darf von dem Zionistenkongress, dem ersten und vornehmsten Organ der jüdischen Selbsthilfe, nicht einfach bloss registriert werden, sondern mus» seine Urteile und Erm*chlüsse beeinflussen« Die jüdiache WoKrheil Kongresse sind ohnedies in einer Zeit wie dieser, wo die Völker einander mit vollmobilißierter Arrne^ nebst Luftflotte und Tankgeschwader gegentibertreten, von zweifelhaftem Wert. G e n f ist ein ominöser Platz. l>\h Versammlungen des Völkerbundes, einst als groaaes Ereignut empfunden, finden fast gar keine Beachtung mehr