Jüdische Weltrundschau
- Journal
- Jüdische Weltrundschau
- Volume
- 1 (1939)
- Issue
- 17 (7.7.1939)
- Date
- 1939-07-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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PARISER AI W ARB fctfirgung 1 Nf. 17 — Elntffnumntpr t»ri ö\2<> JÜDISCHEM KUNDSCHÄÜ «•JftkUtn. ftrlaf an* Am.l(»n VirwilMm: /#r..i»I»« P O 0 «••: JM K || fJT & % | |? %f *>»cfc*ftil «Inatl wBefconttIcft. _ AnM(«*n«nti«hm« fi'r t|.,««< S, B*« .roh.xl.vStr. T^Ph<m 3079. - 0«#chMlMUlU Mir Barop, <„ur •» ■> » «* ..„^MI-mIM, j«r«i.m P O B. ««•. »Mr V»l""n™ >!,,*tA,m tS?J& Kir«d(tlan h««J Abonnem#nt»-Ann»bro« fitr Kump» «•* 5, MU*i> lirixl Mr. — Ant*l(r:-.t/-iu p«, Lufjpo»! #rt..t.ft (>(• A »« « r $ k » ) : l'J. r»o <i i rr«i»««*r»t. P*rlf I!r. — < ■liaftMt*!)-' fiir <* *' ' ' — Afti, h'jfji-ij^ «.,rf»lit in ft Hntlfn. I.» « », -n» Htialt»ithith« T-IAtit: 5. JMikr»h J*rt<-I Sir TMophon 3102. — B«ia*tionMelil«M: •» / 1/ /'•//!#// / «*» - i;.,,!,. Ör«n4pr«L-! u » •> i «i, l i. Mn.K. i«d#n Montif S Chr ntrhm. Kar worltnct* Maf^kript* wir.} U*in. KctUC illi »/OtUlr fllif / ftr-bttOtt)HflM|nim»I<ran* 14 ln.fi (,17*, FtnLih,|f,n H' lä, ,ni rirlf ,\nk «•«nti* ttbfrnommfn. Jcirr Eini-ndung odi-r Antrug" l't ein inUrnMl.*.--—-- Hrttvl-rtunr für l\%ntH«o«nt«tg«ti und Arfrfimi. llltt*ihn:«.n Amtim. >.W; A«l».fU«l.»ln M.uhigrn Z».chrifl« f. <. lU<«ktlo« wfH« cfcl P \ H fS, 7. J? T T 10.19 .»oal.M: »»„, „ehm. Uhr, <lrt«g,„«u rtmth*«/»?.!,.« 5KSi •a e.int«-lf*ratn<>n. «ontUrn »n <U<? hfa»kti<>n, ..*r«»»iem i.u.iv «sj »rb»t#n. " i I ><r *<u•.. B9iiijttpr«ti« * l.ui« »,•>■ .•-.■hi.m ,|*( ui»tiM4 Sittliche Gegenwehr Zwei Todestage — Jüdische Verantwortung — „Du sollst nicht töten" - Politik und Ethik - Bialiks Warnung Tn dieser Woche feiert das jüdische Volk das Andenken zweier grosser Toten. Es ist der fünfunddreissigatc Todestag Theodor Herzls und der fünfte Todestag Bialiks. Beide Männer, so verschieden sie in ihrer Art und in ihrer Wirkung gewesen sind, haben das Bild des neuen Juden unserer Zeit mitgeformt. Dies« Generation, die Herzl nur noch aus der Literatur und aus der Legende kennt, steht in einer Situation mitten drin, die Herd trotz seiner visionären Klarsiehtigkeit nicht geahnt haben kann. Herz! war ein Mensch des 19. Jahrhunderts, ganz erfüllt, von liberalen und schöngeistigen Ideen; das herrschende Weltgefühl der jetzigen Generationist ..«in anderes. Herzls letztes grosses Vermächtnis, der Roman „Altneuland", beweist, dass dieser Mann weit entfernt war von den heutigen Begriffen von Nationalismus, und dass er sich eine Verwirklichung seiner Idee der Befreiung des jüdischen Volkes nicht anders denken konnte als verbunden mit einem Sieg von Toleranz und Menschlichkeit. Herzl und Bialik, jeder in seiner Art wusate und dies macht einen unlösbaren Teil ihres Wesens aus —, äans die jüdische Bewegung nicht nur eine Antwort auf d«n unerträglichen Zustand des Volkes und auC »ein Leidensschicksat ist, sondern zugleich ein Wunsch nach eigener Gestaltung und Verantwortung. Die Leiden der Juden sind in dieser Zeit fast apokalyptisch geworden, aber dieser furchtbare Daseinskampf erhält seinen geschichtlichen Sinn durch die geistige Persönlichkeit des jüdischen Volkes, durch die geistige Verantwortung, die es trägt. Gerade in einer so furchtbaren Stunde der Prüfung, wie es die jetzige ist, wird diese Verantwortung deutlicher fühlbar als je zuvor. Und so verschieden die Lage der einzelnen jüdischen Gruppen in der Welt ist — man denke auf der einen Seite an die Juden in den Naziländern, auf der anderen Seite an die Juden in den Demokratien, und schliesslich an Palästina — so einheitlich verbunden Sind sie in dieser höheren Verantwortung vor der jüdischen Geschichte. In einer besonders zugespitzten Form ist eine Auseinandersetzung um das wahre Gesicht des Judentums h*ute in dem Lande ausgebrochen, wo nach den Gedanken von Herzl und Bialik, nach der Sehnsucht unendlicher jüdischer Massen in früherer und in unserer Generation, die jüdische Menschlichkeit in ihrer klaren und wahren Form sich zeigen sollte. Palästina ist von schweren Fiebern geschüttelt. Hier lebt der einzige jüdische Volkssplitter, der schon seit zwanzig Jahren im Gefühl jüdischer Freiheit und nationaler Erfüllung erzogen wird. Die Judenheit des Landes ist besonders empfindlich für alle den Juden zugefügte Unbill, und nicht mehr wie frühere Geschlechter bereit, alle Schläge kampflos hinzunehmen. Die Vorgänge der letzten Zeit, besonders das furchtbare Los der Flüchtlinge nebst der absoluten Ratlosigkeit der beteiligten Faktoren gegenüber diesem Problem, die weltpolitische Lage, die fortgesetzte Beraubung und Erniedrigung von Juden in Kuropa, schliesslich das englische Weissbuch mit seiner Annullierung der Balfour-Deklaration, also jenes Freibriefes, auf Grund dessen das nationale Lehen seit zwanzig Jahren im Lande Aufgebaut wurde, dazu die Gewöhnung an ständige Gewalttaten in Palästina und an eine Art Kleinkrieg innerhalb der letzten drei Jahre — alt das hat zusammengewirkt, um eine Verwirrung und Erregung zu erzeugen, die anscheinend über klares Urteil und Besinnung den Sieg davonträgt. Fast Tag für Tag werden jetzt Mordtaten an Arabern und Terrorakte gemeldet, von denen man annimmt, dass sie von Juden herstammen. Anfangs hat die jüdische Öffentlichkeit dazu geschwiegen. Es wurde hier schon darüber berichtet, wie ein Teil des. Publikums, obwohl keineswegs „blutdürstig", diese Taten als begreiflieh hinnimmt und politische Mittel verstehen will, angesichts der Tatsache, dass — »ach der primitiven Meinung -- auch die Araber durch fortgesetzten Terror politische Forderungen durchgesetzt haben. Auf diese Meinung ist erwidert worden, wir erinnern z. B. an den Artikel „Pseudo-Simsonismus" von Martin Buber in Nr. 15 der „J.W.B.". Aber die jüdische \ Öffentlichkeit als Ganzes hat sich zunächst abwartend | verhalten. Dies hat sich in der letzten Woche geändert. ] Aus den verworrenen Verhältnissen, die seit dem j Erscheinen des Weissbuches, also über 6 Woche«, in Pa- \ last i na herrschen, mit all den Jorgen und alt dem Leid, das sie hervorgebracht haben, hat sich eine Bewegung von eigenartigem Pathos erhoben, die gewiss, zumindest teilweise, mehr ist als eine politische Geste. Nachdem sich gezeigt hat, dar.'! die von Juden begangenen (oder in der Öffentlichkeit den Juden zugeschriebenen) Mordtaten an unschuldigen Menschen nicht Einzelfälle JÜod, sondern systematisch weitergehen, hat die Judenhoit Palästinas laut proklamiert, das,1? die Gesamtheit des jüdischen Volkes"um1 des organisierten Jlsehuw von den Tätern abrückt, die durch wahllose Bluttaten die jüdische Bache |jö«ii'iSch zu stützen meinen. Die jüdische Öffentlichkeit bekennt sich zu dem Satz „Du sollst nicht töten". In einer Zeit, wo hei allen Völkern und Gruppen mit einem seltenen Zynismus in der grossen imd in der kloinen Politik das Prinzip unerkannt wird, das« der Zweck die Mittel heilige, stellen sich grosse Massen der Juden Palästinas in einem Moment, wo die ^'eitpolittk und die Landespolitik ihnen nicht günstig ist; und die hoffnungslos scheinende Lage des jüdischen Volkes Verzweiflung und Nihilismus zwar nicht rechtfertigen, aber verständlich machen könnte, unter ein Gesotz, das nicht ivom Augenblick diktiert ist, sondern, aus Feuer und ätürm geboren, dem jüdischen Volk vor 40ÖO Jahren i verkündet, wie ein Block aus Granit über alle- Zeiten besteht. Nicht nur die Abkehr von bestimmten verbrecherischen Handlungen und die Ablehnung blutiger Gewalttat scheint uns bemerkenswert, als vielmehr diese grosse, über den gegebenen Anlass hinauswirkende Tatsache, dass hier ein Wort des ewigen Sittengesetzes über alle Erwägungen der Zweckmässigkeit gestellt wird. Grosse Teile des Jisehuw und des jüüLschru Volkerhaben auf ihr Banner das Wort „Lo tirzach" — „Du »oitst nicht toten" - - geschrieben; zum ersten Mal seit langer Zeit spüren wir etwas wie eine geistige Leidenschaft in den Reihen eines Teiles der jüdischen Jugend »m Lande. Gewiss muss man stets hinzusetzen „eines Teiles", denn ea ist unbestritten, dass bei weitem nicht alle in dieser Sache einig sind. Es muss leider festgehalten werden, dass die berufeneu rvliyiüxen Instanzen nicht mit der Schnelligkeit und Entschiedenheit zur Stelle waren, die j man von ihnen erwarten musste; die Initiative ging von (den „Linken" aus. von jenen Kreisen, die als nicht religio» | gelten und hier doch ein religiöses, jüdisches Postulat i |y4t4$ ^*<%lu*lt t Theodor Herzl und Waltlier Itathenati / Ein Brief wrchnrl In Niemandsland / Neue AusLeihunge» r r»nzös|.M-h-»r«»,h. be Spannung in Syrien l>i« Judenverordniing des llrrrn v, Neurath Ein* Krkhiruag deutscher lllsehöfe H'ocli« de» Terror* in Palii*U»m Kürkhlick auf Italien / \ «n Vimm \>! iriebenen Emigranten schaffen Arbeit in Holland Befiehl«, aus AiMraüe», lii^ar», «rlKieii u. *. w. erteidi?» Hand hi Hand mit Männern von religiöser Gesinnung. Es gibt nach wie vor auch im jüdischen Volk w.e überall in der Welt, die Anschauung, du:u nationale; lostulatc nur mit Gewalt erkämpft werden können, und dass in allen politisch»» Dinger, moralische 'Gesichts-" . punkte auszuscheiden haben. Viele Dinge in der Welt; und bei anderen Völkern scheinen dieser Ansieht-Recht \ m S^n. Das jüdische Volk aber ist niemals ein Volk , wie alle Völker gewesen; schon ...rein äußerlich Ist; es dies auch heute nicht, seine Lage in der Welt und in { der Zerstreuung ist einzigartig und mit nichts zu ver-! gleichen, ebenso wie seine geistige TnuHlion einmalig ist.;'Wüü von Juden in Palästina in der Nxten Zeit au Mord- | taten verbrochen wurde, soll und darf nicht beschönigt; werden. Es war ein ergreifender Moment, als der alte | David Yenin, einer der allseits verehrten Pioniere dt» j fehuw ui# 4«fr hebräifieh^ii Renaissance, der selbst i Milien Sohn luch eine arabische Mordkugel verloren hatr! in der Jerusalem«? Kundgebung, die der Parole „Du sollst, j nicht morden" gewidmet war, erklärte, nach seiner Meij nungrniisstc jeder Jude einen jüdischen Mörder, der bei i der Tötung von Arabern ertappt wird, der Polizei Uberi geben. Wie jüdkehf Gemeinschaft kann den Gedanken, da*« «"> national* .Solidarität nmh Verbrecher ftrhÜUt, nicht akzeptieren. Wir wurden dadurch, in dem Moment, wo wir zu einem ver- ■ antwortlichen Gemeinschaftsleben aufsteigen wollen, dte Grundlage allen Rechtes und jeder Gemeinschaft zerstören. Wir wurden den Anspruch verwirken, den geisti-; gen Kampf gegen die Rocht ««Vernichtung des Nazitum» xu führen. Die. erwähnte Jerusalemer Kundgebung, an der Hunderte von tieferregten jugendlichen Menschen teilnahmen, der Aufruf der berühmtesten und ältesten jüdischen Arbeitersiedlungen, die die Ehre des jüdischen Landarbeiters im Lande repräsentieren, der Aufruf d<?r Arbeiterorganisation die Erklärung d.-r verschiedenen Palästina nimmt Flüchtlinge auf VUN DER „ST. LOUIS" ZU DEN „ILLEGALEN" PALÄSTINAS In dieser Woche sind fast zweitausend sogenannte „illegale Immigranten" in Palästina gelandet. Es handelt sich fast ausschliesslich um Menschen, die aller Mittel entblösst sind umi die gezwungen waren, auf einem Schilf Zuflucht zu suchen, urn den Verfolgungen in den von Na>äs besetzten Gebieten oder der völligen Au&ieefßos\yke\t zu entgehen. Wenn man die Beschreibung der Irrfahrten dieser Menschen liest, so kann man ohne weiteres glauben, dass sie diese Fahrt nur unter dem Druck äusneräter Not unternommen haben. Den Palästina-Behörden blieb keine andere Wahl, als die Leute ans I^and zu lassen, wenn man sie nicht dem sicheren Tod überantworten wollte. Es sind zum grössten Teil Menschen, die gewiss in ihrem Leben nicht die Absicht hatten, nach Palästina zu kommen, die fern sind von allen politischen und zionistischen Ideen. Aber man hatte ihnen gesagt, dass in Palästina noch am ehesten die Möglichkeit bestellt, Boden unter die Füsse zu bekommen und so wenigstens das nackte Lehen zu retten, wenn auch ohne Pass und ohne Dokumente, bei denen heutzutage der Mensch erst als juristisches Wesen zu existieren beginnt. Vor drei oder vier Wochen ist das Schiff „S L Lo u i s" mit seinen 900 Juden vergeblich an der amerikanischen Küste herumgeirrt und hat versucht , seine Menschenladung loszuwerden. Die ganze Welt verfolgte gespannt diesen dramatischen Vorgang, und schliesslich haben sich vier grosse und reiche Länder, mit grossen humanitären und liberalen Traditionen, bereit erklärt, je 20() oder 250 dieser gestrandeten Menschen aufzunehmen. Um dieses Resultat zu erreiche«, warnt 'umfangreich« Verhandlung*«' nötig und es wurde ausdrücklich gesagt, da** man die Sache nicht als Präzedenzfall betrachten dürfe. Den gc« landeten Flüchtlingen wurde nur ein vörubert/ehender. Aufenthalt in Flüchtlingslagern bewilligt. Ihr definitives Los ist nicht entschieden. An der Küste des kleinen Palästina sind jetzt kurz nacheinander mehrere Schiffe angekommen, von denen jede» nicht viel weniger Mensem% an Bord hatte als die „St. Louis". Sie fuhren freilich nicht auf einem grossen Ozeandampfer, sondern zusammengepfercht in winzigen j see untüchtigen Schiffen, in denen der Aufenthalt Le- ' bensgefahr bedeutet. Palästina hat sie aufgenommen und die jüdische Bevölkerung im Lande begrü.sst sie brüderlich. Das darf uns nicht blind machen bezüglich der Frage des weiter e n S c h i c k s a 1 s dieser Menschen. ( Die Fürsorge für sie ist Sache der G e s a m t j u d e n - | u e i t , die hierbei auch materieil besser fahren wird al* j bei der Aufnahme in die Flüchtlingslager anderer Län« j der. Die Aufsaugung der Ankömmlinge durch die paläl .'tH.nenm.fche Wirtnchaft kann nur allmählich erfoU Igen. Es wäre unrichtig, sich zu verhehlen, dass die Wirtschaftslage in Palästina infolge der Weltlage und infolge der speziellen Verhältnisse de;* Landes ü b e r a u s l a b i l ist. Bei einer grosszugigen Politik der Palästina-Regierung und der grossen jüdischen Hilfsorganisationen, könnte die Energie der von Not getriebenen Menschen in positiv au Kraft umgewandelt werden, während anderenfalls die Gefahr besteht, dass im Laute der Zeit Elemente, die nicht, eingeordnet werden, ein in jeder Beziehung schwierujtut Problem bilden. iMOm auch H. %K